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Abschied von "Dismaland"

Banksys Vergnügungspark Abschied von "Dismaland"

Er ist ein finsterer Vergnügungspark, das genaue Gegenteil zum übertrieben fröhlichen "Disneyland". Mit "Dismaland" hat der britische Künstler Banksy eine Parodie auf die Unterhaltungsindustrie kreiert. Nina May hat den Park kurz vor seiner Schließung besucht.

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Cinderella hängt tot aus ihrer Kutsche, das blonde Haar berührt fast den Boden. Niemand hilft, stattdessen knipst ein Rudel Paparazzi, die Motorradhelme nach der wilden Verfolgungsjagd noch auf dem Kopf.

Quelle: Teresa Dapp

Dismaland. Immer noch in der Warteschleife. Alle paar Sekunden aktualisierte ich die Website, parallel auf Handy, Computer, Laptop. Seit einer Stunde schon. Meine Wahrnehmung verengte sich auf diesen einen Satz: „Wir testen gerade, wie viele Tickets wir gleichzeitig verkaufen können.“ Gibt es hämische Warteschlangen? Da, der Bildschirm ändert sich: Ich sollte die Anzahl der gewünschten Tickets eintragen!

Doch beim Versuch brach die Seite ab. Zurück zur Warteschleife. 16 Minuten und 145 Aktualisierungen später öffnete sich das Elysium in Form einer Zahlungsaufforderung. Hastig gab ich meine Daten ein. Die Antwort: „Leider wurde in der Zwischenzeit das letzte Ticket verkauft.“ Ich fühlte mich enttäuscht, verraten und verlacht. Somit war ich in der passenden Grundstimmung für das „Dismaland“, jenen Antivergnügungspark im Süden Englands. Der legendäre Streetartkünstler Banksy parodierte hier bis Sonntag gemeinsam mit 57 internationalen Künstlern die Konsumindustrie nach Disneyfacon.

Rund 10.000 Besucher sind jeden Tag auf das rund 10.000 Quadratmeter große Gelände gekommen. Doch war ist beinahe unmöglich, vorab Tickets zu erstehen. Das sei alles Teil des Plans, wurde gemunkelt: Die Menschen sollten schon vorab dismal, trübsinnig, gemacht werden.

Großbitanniens bekanntestes Phantom

Ich versuchte es anders. Kontaktierte Verlage, Museen und Blogs, die mit Banksy in Verbindung stehen. Es gibt keinen offiziellen Ansprechpartner für das "Dismaland". Jemand antwortet, sie hätten meine Nachricht einem „Kontaktmann“ zukommen lassen, mit einer Antwort sei aber wohl nicht zu rechnen. Banksy pflegt sein Image als Großbritanniens bekanntestes Phantom sehr professionell.

Streetartkünstler bewegen sich traditionell an der Grenze zur Illegalität, da macht es sich gut, unerkannt zu sein. Banksys Werke hingegen werden teils mit Plexiglas vor Vandalismus geschützt, in Museen ausgestellt oder gar verkauft. Kann man gesellschaftliche Normen glaubhaft verlachen, wenn man vom Underdog zum internationalen König der Schablonensprayer avanciert ist?

Drei Wochen später wird mir Sue Honeyball erklären, dass die Menschen um Banksys Heimatort Bristol genau wissen, wer sich hinter dem Pseudonym verbirgt. „Er trug diesen Namen schon zu Schulzeiten. Aber die Leute hier wissen, wie man ein Geheimnis bewahrt.“ Sue betreibt ein Bed and Breakfast in Somerset nahe Weston-Super-Mare. Ja, ich war so wahnsinnig und auf gut Glück nach England geflogen.

Die Welt ist zuweilen ein düsterer Ort. Das muss sich auch der legendäre Streetart-Künstler Banksy gedacht haben, als er sein neustes Projekt plante. Entstanden ist das Dismaland. Ein Freizeitpark, der trostloser kaum sein könnte.

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Es bestand schließlich eine Mini-Chance, an der Tageskasse zum Zug zu kommen. Falls es eine geben würde. Ben und Sarah hatten kein Glück, wie die beiden Schallplattenverkäufer am Frühstückstisch erzählten: „Dabei sind wir extra die drei Stunden aus London angereist. Jeder liebt Banksy. Er ist einfach wunderbar verschroben.“

Weston-super-Mare, ein beschaulicher Küstenort in der Nähe von Bristol. Direkt an der Uferpromenade verkündeten graue Buchstaben auf grauem Grund: "Dismaland". Doch eines fehlte: die Schlange. Nur ein Angestellter mit einem einzelnen Micky-Maus-Ohr fegte gelangweilt den Eingangsbereich. Zehn herzerwärmende Sekunden denke ich, es geschafft zu haben. Die Gerüchte über campierende Banksy-Fans – nur ein Abschreckungsmanöver!

Dann sah ich das Schild: „Anstellen bitte auf der anderen Straßenseite.“ Als ich mich umdrehte, ist der Effekt so ähnlich, als wenn in einem Film die Kamera über eine friedliche Landschaft schwebt. Und hinter dem nächsten Hügel wartet eine Armee.

Der Boden war plattgetrampelt. Kinder dösten auf Picknickkörbe gestützt, eine Petition zur Erhaltung des alten Seebades machte die Runde. Ich fühlte mich wie einer der Landstreicher aus „Warten auf Godot“. Schlangestehen als menschliche Grundsituation, als soziales Event. Ein Typ mit Piratenohrring frohlockte, „das sei an sich schon eine tiefgehende Erfahrung“.

Natürlich gibt es auch in Dismaland ein Märchenschloss, allerdings eine Ruine.

Quelle: Teresa Dapp/dpa

Er hätte einer Banksy-Karikatur über die Absurditäten des Kunstbetriebes entsprungen sein können. Es gab sogar ein Buch über das Anstellen für Banksy: den Katalog für seine kostenlose Ausstellung im Bristol Art Museum 2009. Darin wurden auch Bilder von den Wartenden veröffentlicht. Die Schlange entwickelte eine Eigendynamik: Das musste ja gut sein, wenn so viele Menschen dafür ihre Zeit opfern.

Ein elfenartiges Wesen mit einer Rosenkette auf dem langen roten Haar und einem Blattanhänger um den Hals beriet mit ihrer Begleitung, ob sie mit ihren Ebay-Tickets aufs Gelände kommen. Sie hätten mit rund 30 Euro das Vierfache des regulären Preises bezahlt, aber eigentlich dürften Tickets nicht weiterverkauft werden. Es sollte Ausweiskontrollen geben.

Dabei verteufelt Banksy die Auswüchse der Überwachungsgesellschaft eigentlich. Drei Stunden passierte nichts weiter, als dass die Schlange hinter uns wuchs. Und dann zogen sie an uns vorbei. Die Privilegierten, die Auserwählten, die Ticketinhaber. Mit jedem von ihnen schwandt die Hoffnung. Ein Bärtiger warf sich über die Absperrung: „Nehmt mich mit! Ich bin aus Brasilien gekommen, nur für Banksy!“ Eine Inszenierung?

Weitere zwei Stunden später trat ich triumphierend ins "Dismaland" ein. Ein Strauß von schwarzen Luftballons begrüßte mich. „I am an imbecile“ stand darauf geschrieben. „Ich bin ein Trottel.“ Für ein Pfund konnte man sich hier ein Anti-Statement kaufen.

Pink, neongrün, blau: Auffallend viele Besucher hatten bunte Haare. Sie teilten sich in Punks und Hippies, ein Normalo wirkte hier echt alternativ. Es herrschte Festivalstimmung. Die Masse freute sich, sich von der Masse abzuheben. Wann kann man schon mal beim Schlangestehen Gesellschaftskritik üben und sich herrlich subversiv fühlen? Ist wohl auch der Grund, weshalb ich hier war. Neben dem Eingang stand eine Wand mit der Aufschrift „Selfie-Loch“. Beim Selbstporträt wähnte man sich wahnsinnig selbstironisch und hatte außerdem noch ein cooles Bild fürs Facebookprofil.

Banksy und Co. parodierten die klassischen Vergnügungspark-Attraktionen. Mit einem Tischtennisball galt es, einen massiven Amboss umzustoßen, die „Mini-Gulf“-Anlage war mit Ölfässern dekoriert, und ein Karussellpferd hängte zum Ausweiden bereit an einem Haken, neben einem Schlachter und Lasagnekartons.

Ein gequält aussehender Angestellter schippte im Sandkasten. Als ich ihn zu lange anschaute, warf er mit Sand nach mir. Ein anderer Besucher zertrampelte die Sandburg. Der traurige Buddler seufzte. Die Angestellten waren hier chronisch depressiv und mürrisch, zum Amüsement der Besucher. Das Dismaland machte sich über Konsum lustig, funktionierte aber nach seinen Mechanismen: Es wurde ein Bedürfnis erzeugt und durch ein scheinbar verknapptes Angebot noch verstärkt. Für fast jede Attraktion musste man extra anstehen und zahlen, auch für das obligatorische Erinnerungsfoto.

Mehr als wohlfeiler Agit-Prop

„Vier Pfund für ein Bier, das sind ja Londonpreise“, sagte ein Student enttäuscht. „Ist doch alles Heuchelei hier, fehlt nur noch Starbucks.“ Er klang dabei ein bisschen wie ein snobistischer Kunstkritiker, und tatsächlich sind die Funktionsweisen von Unterhaltungsindustrie und Kunstmarkt gar nicht so unterschiedlich. Banksy hat das in seiner selbstironischen Dokumentation „Exit Through the Giftshop“ (2010) eindrucksvoll beschrieben. Der Weg aus dem Museum führt immer durch den Shop, Kunsterfahrung wird direkt in Konsum umgesetzt.

Doch das "Dismaland" war mehr als wohlfeiler Agit-Prop. Das zeigte sich in Banksys bitterböser Installation von überfüllten Flüchtlingsbooten. Einige Puppen trieben bäuchlings im Bottich. Die Besucher konnten die Spielzeugboote perfiderweise steuern – wie der Westen die Asylpolitik.

Ein letztes Mal angestellt, vor dem Märchenschloss, dem dunklen Herzen des Parks. Darin Blitzlichtgewitter. Die Paparazzi hatten ihre Motorroller geparkt und knipsten die verunglückte Prinzessin, der Disney-Vögel die Schürzenschleife hielten. Eine unverhohlene Anspielung auf den Unfalltod von Lady Di und den Voyeurismus der Medien. Diese bitterböse Kunst wird noch lange nachwirken.

Noch schnell eine Dismalafel auf die Hand. Dann verließ ich diesen Ort – natürlich durch den Souvenirshop.

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