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Ein schwarzer Freitag

Terroranschläge Ein schwarzer Freitag

Drei Anschläge innerhalb weniger Stunden. Mehr als 60 Tote - in Frankreich, Tunesien und Kuwait. Und überall gibt es Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund, möglicherweise handelt es sich um eine konzertierte Aktion der Terrororganisation „Islamischer Staat“.

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Angst, Tod, Entsetzen: Die Frau des mutmaßlichen Mörders von Lyon wird zum Verhör abgeführt (o.).

Quelle: PHILIPPE DESMAZES

Frankreich, Saint-Quentin- Fallavier, Freitagvormittag

„Es war eine makabre Inszenierung“ - mit diesen Worten beschrieb ein Polizist, was die Ermittler am Freitagvormittag bei einer Fabrik des US-Unternehmens Air Products im französischen Saint-Quentin-Fallavier, einer Stadt in der Nähe von Lyon, vorfanden. An einem Zaun hing der abgetrennte Kopf eines Mannes, versehen mit arabischen Aufschriften, neben einer islamistischen Fahne. Ein paar Meter weiter lag sein enthaupteter Körper. Am Abend wurde bekannt, dass es sich bei dem Opfer um den Arbeitgeber des mutmaßlichen Täters handelt. Der 50-Jährige war Chef eines Transportunternehmens in einem Vorort von Lyon.

Sein 35-jähriger Mörder wohnt in der Nähe von Lyon und arbeitete seit April für die Firma des Getöteten. Bisherigen Erkenntnissen zufolge fuhr er in einem Lieferwagen auf das Gelände, für das er eine Passiererlaubnis besaß. Ob der Chef zu diesem Zeitpunkt noch lebte, ist unklar. Denn kurz darauf stieg der 35-Jährige mit dem Kopf des Toten aus dem Wagen und brachte ihn an einem Zaunpfeiler an. Dann holte er den Leichnam aus dem Auto, legte ihn auf den Boden und stieg wieder ein. Anschließend rammte er mit dem Fahrzeug offenbar absichtlich mehrere Gasbehälter. Zeugen sprachen von einer gewaltigen Explosion. Mindestens zwei Menschen wurden verletzt.

Nur fünf Monaten nach den Anschlägen auf die Zeitschrift "Charlie Hebdo" und einen jüdischen Supermarkt ist es in Frankreich wahrscheinlich erneut zu einem Islamistenattentat gekommen. Die Lage ist noch unklar, wie erste Bilder aus der Nähe von Lyon zeigen.

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Einer Auswertung der Videoüberwachungskameras zufolge wurden die ersten Rettungskräfte vom mutmaßlichen Täter mit dem Ruf „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“) empfangen. Ein Feuerwehrmann rang mit ihm und hielt ihn fest, bis die Polizei eintraf.

Festgenommen und verhört wurden außerdem seine Schwester sowie seine Frau, die Mutter dreier gemeinsamer Kinder. „Er ist heute Morgen um 7 Uhr zur Arbeit gegangen. Er macht Lieferungen“, soll sie in ihrer Vernehmung gesagt haben. Als sie von dem furchtbaren Verdacht erfahren habe, sei ihr Herz stehen geblieben: „Ich kenne ihn doch, er ist mein Mann. Wir führen ein normales Familienleben. Wir sind normale Muslime.“ Ein Nachbar beschrieb den Mann als unauffällig und zurückhaltend.

Innenminister Bernard Cazeneuve zufolge fiel der Mann dem französischen Inlandsgeheimdienst bereits 2006 wegen islamistischer Radikalisierung auf. Er wurde in einer Anti-Terror-Kartei erfasst, zwei Jahre später aber wieder gestrichen.

Präsident François Hollande sprach von einer „Attacke terroristischer Natur“ und berief eine Zusammenkunft des Verteidigungsrates in Paris ein. „In diesem Moment geht es zuerst darum, den Opfern unser Mitgefühl auszusprechen“, sagte Hollande. „Aber das kann nicht die einzige Antwort sein. Die Antwort besteht in Handlungen. Die Angst darf niemals die Oberhand gewinnen.“ Premierminister Manuel Valls erinnerte an die Terroranschläge auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ in Paris mit 20 Toten im vergangenen Januar. „Diese Attacke beweist, dass die dschihadistische Bedrohung extrem hoch bleibt.“ Es dauerte nur wenige Stunden, bis deutlich wurde, dass sich diese Bedrohung nicht auf Frankreich beschränkt.

Tunesien, Hotel Imperial Marhaba in Sousse, mittags

Am Mittag, auf der anderen Seite des Mittelmeers. Szenen des Horrors inmitten der tunesischen Ferienidylle. Zwei Touristen in Badehose liegen neben ihren Sonnenschirmen erschossen im Sand, einer mit Kopfschuss in einer Blutlache, der andere unter einem Badehandtuch. Im Hintergrund entlang der Reihen aus Sonnenschirmen sind umgestürzte Liegen zu sehen. Sie künden von der panischen Flucht anderer Badegäste der beiden Strandhotels „Imperial Marhaba“ und „El Mouradi Palm Marina“, die sich vor den heranstürmenden Attentätern in Sicherheit zu bringen versuchten. Nach Berichten von Augenzeugen beschwor das Hotelpersonal die Urlauber, sich in ihren Zimmern zu verbarrikadieren. Einige rannten in Panik zurück an den Strand, um ihre Zimmerschlüssel zu holen. Es kostete sie ihr Leben.

Bis in den Nachmittag hinein lieferten sich die Täter am Strand und auf dem Hotelgelände Gefechte mit der Polizei. Die Attentäter töteten mindestens 37 Menschen, die meisten davon Urlauber. Den Sicherheitskräften gelang es schließlich, einen der Terroristen zu erschießen. Ein Foto zeigt, wie der junge Mann in schwarzer Kleidung außerhalb der Hotelanlage tot auf dem Asphalt liegt, neben ihm seine Kalaschnikow. Bei ihm soll es sich um einen Studenten aus der zentraltunesischen Region Kairouan handeln. Der zweite Attentäter wurde festgenommen.

Nach Angaben eines Augenzeugen hatten sich die Männer als Strandbesucher in Bademänteln getarnt, unter denen sie ihre Waffen verborgen hatten. Andere wollen gesehen haben, dass die Männer ihre Gewehre in zusammengefalteten Sonnenschirmen versteckt hatten. Einige Urlauber dagegen gaben an, die Terroristen seien mit dem Boot von See her gekommen. Unter den Opfern seien mehrere Deutsche, sagte eine Reiseführerin am Nachmittag. Offiziell gab es dafür zunächst keine Bestätigung. Das Auswärtige Amt richtete einen Krisenstab ein.

Am frühen Abend erklärte der Tui-Konzern, zu dem das Hotel gehört, man müsse leider davon ausgehen, dass sich Tui-Gäste unter den Opfern befänden. Aktuell seien rund 260 Urlauber des Veranstalters in der Region.

Bis zum Abend bekannte sich niemand zu dem Attentat in Sousse. Aber auch dort deutet einiges auf den „Islamischen Staat“. Tunesien ist in der arabischen Welt das Land mit dem größten Dschihadisten-Kontingent bei der Terror-Vereinigung, gefolgt von Saudi-Arabien und Marokko.

Kuwait, Imam-Sadik-Moschee, mittags

Fast zeitgleich in Kuwait-Stadt. Männer laufen humpelnd auf die Straße vor der Imam-Sadik-Moschee. Ihre traditionellen weißen Gewänder sind blutverschmiert, ihre Gesichter schmerzverzerrt. Eine dichte Staubwolke quillt aus der brennenden Moschee. Auf dem Boden liegen Leichen.

Während des Freitagsgebets hatte plötzlich ein Selbstmordattentäter eine Bombe in der schiitischen Moschee zur Explosion gebracht. Mindestens 27 Gläubige kamen bei der Detonation ums Leben. 227 Menschen seien verletzt worden, teilte das kuwaitische Innenministerium mit.

In sozialen Medien bekannte sich die IS-Terrormiliz zu dem Anschlag. Ihr Sprecher Abu Mohammed al-Adnani hatte vor einigen Tagen Unterstützer und Sympathisanten aufgerufen, während des Fastenmonats Ramadan Attentate auf „Feinde“ des Islams zu verüben.

Auf der Seite des „Islamischen Staates“ kämpfen Muslime sunnitischer Glaubensrichtung. Diese extremistischen Sunniten werfen Schiiten vor, sie seien vom rechten Glauben abgefallen. Im syrischen Kobane führte dieser Konflikt am Freitag zu einem weiteren Blutbad: Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte tötete die Dschihadistenmiliz dort innerhalb von 24 Stunden 120 Zivilisten.

Von Birgit Holzer und Martin Gehlen

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Anschlag in Lyon
Sicherheitskräfte durchsuchen ein Haus in Saint-Priest bei Lyon.

Der mutmaßliche Attentäter in Frankreich hat vor dem Anschlag womöglich seinen Arbeitgeber enthauptet. Der am Anschlagsort gefundene Leichnam sei der des Chefs eines Unternehmens aus der Region, in dem der Verdächtige angestellt war, wie Ermittler am Freitag sagten.

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