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Ein ziemlich verrückter Sommer

Wetter in Deutschland Ein ziemlich verrückter Sommer

Hitze, Nässe, Sturm: Wochenlang warnt der Wetterdienst vor Unwettern. Alles im Bereich des Normalen - oder ein Vorgeschmack auf den Sommer der Zukunft?

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Hitze, Nässe, Sturm: Sieht so der Sommer der Zukunft aus?

Quelle: Florian Gaertner

Hannover. Gewitter, Sturm und peitschender Regen - da fühlt Cevin Dettlaff sich wohl. Der Brandenburger ist „Stormchaser“, ein Sturmjäger, der sich gewaltige, dunkle Wolkenberge sucht, der ganz nah dran sein will an Blitz und Donner. „Diese Urgewalten sind faszinierend“, sagt Dettlaff und schwärmt vom „wahnsinnigen Gefühl“, davor zu stehen und genau das zu fotografieren, was vielen Angst macht: heftige Unwetter. Seit 2010, als er seine Liebe zu dem Himmels­grollen entdeckte, sind unzählige Bilder zusammengekommen. Allein in den vergangenen Monaten mehr als 10 000. Doch was Dettlaff und seinen Sturmjägern wahre Freude bereitet, lässt viele Menschen in Deutschland fast verzweifeln. Extreme Hitze, gewaltige Unwetter, sintflutartiger Dauerregen, seit Wochen eine fast schon tropische Schwüle, die - etwas vollmundig - schon als „Europa-Monsun“ beschrieben wird. Das Wetter der schönsten Wochen des Jahres gleicht einer Fahrt mit der Achterbahn. Und manche fragen: Bleibt das jetzt so? Ist das etwa der Sommer der Zukunft?

Der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach ist in den vergangenen Wochen mit seinen Unwetterwarnungen kaum noch hinterhergekommen. Seit dem 1. Juni hat er an 39 von 73 Tagen gewarnt. Wie oft Regionen auf der Deutschlandkarte in dem alarmierenden Pink (Warnungen vor extremem Unwetter) oder Rot (Unwetterwarnungen) eingefärbt wurden, darauf bekommt man bei den Wetterexperten keine konkrete Antwort mehr. „Tausende Warnungen müssen es gewesen sein“, sagt Sprecher Andreas Friedrich. Erst am vergangenen Mittwoch zeigte die Karte endlich mal wieder das entspannte Blau. „Nicht dass Sie vergessen, wie die Wetter- und Unwetterwarnkarte ohne Warnungen aussieht“, schrieb die Zentrale bei Facebook.

Doch dieser schöne Mittwoch wird nicht lange in Erinnerung bleiben, weder den Meteorologen noch den Menschen in Deutschland, und Gewitterfreund Dettlaff schon gar nicht. Sie alle werden sich an die Unwetter erinnern, an die Schwüle, an Kinder in Gummibooten, die über geflutete Straßen paddeln, an die Schlaglöcher, die der ständige Wechsel zwischen Hitze und heftigem Regen in Berlins Straßendecken gerissen hat, an den Mann aus Münster, der Ende Juli in seinem eigenen Keller ertrunken ist. Und seit Tagen sitzen Hunderte Urlauber auf der Insel Helgoland fest, weil wegen Sturmböen und Gewittern keine Schiffe auslaufen können.

Erst am Montag war eine Windhose durch das hessische Bad Schwalbach gefegt und hatte Schäden in Millionenhöhe verursacht.

Erst am Montag war eine Windhose durch das hessische Bad Schwalbach gefegt und hatte Schäden in Millionenhöhe verursacht.

Quelle: dpa

Der Sommer 2014 ist ein verrückter Sommer: Der Monat Juli war um 2,3 Grad Celsius zu warm und viel zu nass. Jedenfalls auf ganz Deutschland gerechnet. Blickt man jedoch auf die einzelnen Regionen, will DWD-Experte Friedrich kein Muster ausmachen. „Dafür war das Wetter einfach zu unterschiedlich“, sagt er. An den Küsten Mecklenburg-Vorpommerns bauten die Kinder Sandburgen unter blauem Sonnenhimmel, in Mittel- und Süddeutschland hockten die Menschen zur gleichen Zeit im Dauerregen. Und wo die einen sich freuen, beginnen die anderen über den viel zitierten Klimawandel nachzudenken.

Friedrich aber macht für Unwetter und Schwüle schlicht die sogenannte Großwetterlage Tiefeuropa verantwortlich, „die extrem viele Gewitter zu uns brachte“. Sie hat sich wochenlang über Deutschland breitgemacht. Dabei kamen sehr feuchte Luftmassen von Südwesten herangezogen, stiegen auf und wurden durch die starke Sommersonne erhitzt. Die Folge: extrem hohe Gewitterwolken mit reichlich Regengüssen. „Und weil es lange Zeit keine Windbewegungen in den hohen Luftschichten gab“, erklärt Friedrich, „blieben die Gewitterwolken dort, wo sie plötzlich entstanden, und regneten ab.“ Das taten sie kräftig: Mehr als 190 Liter Regen je Quadratmeter fielen innerhalb von 24 Stunden in Münster, in Baden-Württemberg waren es 150 Liter. In Niedersachsen und in Sachsen fielen im Juli mit durchschnittlich rund 100 Litern pro Quadratmeter etwa 30 Liter mehr als sonst.

Dass sich so eine eigenwillige Wetterlage so lange halten kann, liege an den eingespielten Strömungsverhältnissen in der Atmosphäre, erläutert Friedrichs Kollege Guido Halbig. Er verspricht Linderung: Derzeit kühlt ein Tiefdruckgebiet die Luft auf erträgliche 23 Grad Celsius ab, die Schwüle verschwindet. Manche Meteorologen sehen darin aber schon Vorboten des Herbstes, ahnen ein jähes Sommerende. Vorsichtig beginnen sie mit einer ersten Bilanz. Was steckt hinter diesem turbulenten Sommer? Alles ganz normal - oder eben doch ein Bote des sich wandelnden Weltklimas?

Auch das ist der Sommer 2014: Strandwetter lockt Badegäste in Zinnowitz auf der Insel Usedom ans Wasser.

Auch das ist der Sommer 2014: Strandwetter lockt Badegäste in Zinnowitz auf der Insel Usedom ans Wasser.

Quelle: dpa

„Eine solch hartnäckige Wetterlage ist nicht ungewöhnlich für unsere Breitengrade, aber sie tritt zunehmend häufiger auf“, sagt DWD-Experte Friedrich. Und so sieht er den heißen, nassen und gewittrigen Sommer 2014 als einen Vorgeschmack auf das, was Mitteleuropa in den nächsten 20 bis 40 Jahren erwartet. Grund sei tatsächlich die Erderwärmung; denn wird die Atmosphäre wärmer, setzt sie viel mehr Energie zur Kondensation von Wasser frei. „Die Folge sind kräftige Gewitter mit starken Niederschlägen“, sagt Friedrich und macht dennoch ein wenig Hoffnung: „Nicht jeder Sommer in der Zukunft muss so aussehen.“

Der deutsche Sommer wird also auf lange Sicht noch unbeständiger, meinen Experten. Wo kann man dann noch Ferien machen? Zwar gibt es bis jetzt noch keine Klagen über Stornierungen wegen des schlechten Wetters im Land, doch flüchten sich viele Touristen in die europäischen Nachbarländer. Dabei sah es dort auch nicht besser aus. In Holland war der Juli ähnlich verregnet wie in Deutschland, in Skandinavien loderten Waldbrände, in Bulgarien ertranken zwei Menschen im Hochwasser. Hart hat es nach Angaben der Tourismusverbände auch Teile Italiens getroffen: Rund vier Millionen Euro fehlen in den Kassen der Hoteliers. Dort spricht man von einem „pazza estate“ - einem verrückten Sommer. Zeitungen haben ihren Lesern schon Tipps gegeben, wie man einer Depression durch das triste Grau entgehen kann.

So sehr sich viele über die Wetterkapriolen geärgert haben, die Pilzsammler und Weinbauern immerhin freuen sich über Nässe und Wärme. Der Herbst verspricht reiche Ernte. Und Sturmjäger Dettlaff reibt sich sowieso die Hände bei jedem Grollen am Himmel. Für ihn kann es gar nicht oft genug donnern.

Das Wetter – ein fast unvorhersehbares Chaos

Frank Böttcher, Chef des Hamburger Instituts für Wetter- und Klimakommunikation, hat mit anderen Wetterexperten beim Extremwetterkongress 2011 die „Hamburger Erklärung“ unterschrieben. „Detaillierte Aussagen über das Wetter der kommenden Jahreszeit sind heutzutage unmöglich“, betonten die Initiatoren darin. Geändert hat sich daran bis heute nichts. Zwar schreitet die Technik voran, immer mehr Daten können gesammelt werden, doch das Wetter ist und bleibt ein nur bedingt vorhersehbares System. Dennoch sucht mancher täglich Rat bei Wettervorhersagen. So gehört der Blick auf das Smartphone oder ins Internet fast zum Alltag, um kurz die Garderobenfrage des Tages zu klären. Doch wer zum leichten Hemd greift, kann später frieren. Gerade die Wettervorhersagen auf Smartphone-Apps oder bei Onlineportalen gelten bei Experten als wenig zuverlässig.

Das hat die italienische Tourismusbranche gerade zu spüren bekommen. Ihrer Meinung nach haben sich viele Spontantouristen wegen falscher oder doch ungenauer Angaben gegen einen Kurzurlaub am Meer entschieden. Von vier Millionen Euro Schaden sprechen die Hoteliers in manchen Regionen – und sie sehen einen Teil der Schuld nicht beim Wetter, sondern  auch bei den Betreibern der Apps und Internetportale. Sie haben Erfolg: Einige Anbieter haben versprochen, ihre Vorhersagen häufiger am Tag zu aktualisieren.

Wie unsicher die Prognosen deutscher Anbieter  tatsächlich sind, wurde im Frühjahr getestet. Die Stiftung Warentest nahm zehn Apps und Internetangebote unter die Lupe – und von keinem Programm war die Verbraucherorganisation wirklich überzeugt. Vorhersagen für die nächsten fünf Tage trafen so gut wie nie zu. Die beste Tagesprognose lieferte wetter.com ab. Die App ist mit großer Genauigkeit in der Lage zu zeigen, ob binnen der nächsten 24 Stunden mit Sonne, Regen oder Unwettern zu rechnen ist. Immerhin.

„Wetter ist Chaos“, sagt Guido Halbig vom Deutschen Wetterdienst. Und doch sei eine zuverlässige Temperaturvorhersage mittlerweile für drei Tage möglich. Vorausgesetzt die Wetterlage sei stabil. Höchst- und Tiefsttemperaturen lassen sich für zehn Tage im Voraus zuverlässig prognostizieren. Windgeschwindigkeiten nur bis zu fünf Tage. Insgesamt lässt sich jedoch sagen: Je kürzer der Zeitraum, desto zuverlässiger ist auch die Aussage. „Bei einem Sommergewitter ist das schon wieder schwieriger“, sagt Halbig. „Weil es in kurzer Zeit entsteht, kann man es nur wenige Stunden im voraus vorhersagen, wenn überhaupt.“ Meteorologe Halbig rät zum Blick auf die Unwetterwarnkarte, aber auch auf den Regenradar, „denn dort sieht man zumindest, was auf einen zukommt und wie die Wolken ziehen“.

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