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Panorama Eltern der ermordeten Maria: „Schicksal unserer Tochter wurde instrumentalisiert“
Nachrichten Panorama Eltern der ermordeten Maria: „Schicksal unserer Tochter wurde instrumentalisiert“
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10:26 12.03.2019
„Liebe Maria, wir werden dich niemals vergessen": Ein Papierherz, Blumen und Kerzen erinnern an die Ermordung Maria Ladenburgers in der Nähe des Tatorts am Fluß Dreisam in Freiburg. Quelle: Peter Rakoczy
Freiburg

Die 19-jährige Medizinstudentin Maria Ladenburger kam gerade mit dem Fahrrad von einer Studentenparty, als sie der aus Afghanistan stammende Hussein K. sie am 16. Oktober 2016 vom Fahrrad stieß, vergewaltigte und ermordete. Der tragische Fall löste eine Debatte über die innere Sicherheit in der Flüchtlingskrise aus und wurde von rechten Kräften instrumentalisiert.

Weil die Eltern Friederike und Clemens Ladenburger zur Besonnenheit aufriefen, wurden sie von der AfD und rechten Gruppen politisch angefeindet. Einige machten dem trauernden Vater des Opfers sogar den Vorwurf, er trage als hoher EU-Beamter eine Mitverantwortung für die Flüchtlingskrise.

Strafrechtlich ist der Fall abgeschlossen, im März vergangenen Jahres verurteilte eine Jugendkammer des Freiburger Landgerichts den Täter zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe und ordnete zusätzlich die Sicherungsverwahrung an. Am Tag vor der Urteilsverkündung kündigten Marias Eltern, Friederike und Clemens Ladenburger, an, dass sie mit einer Stiftung an ihre Tochter erinnern wollen. Am Mittwoch wird das Ehepaar mit dem Bürgerpreis der deutschen Zeitungen in Berlin geehrt. Erstmals seit der Tat geben die beiden nun ein Interview.

Bekommen den Bürgerpreis: Friederike und Clemens Ladenburger in Köln Quelle: Peter Rakoczy

Frau Ladenburger, Herr Ladenburger, einen Tag bevor am 23. März 2018 das Urteil gegen den Mörder Ihrer Tochter gesprochen wurde, haben Sie die Gründung der nach ihr benannten Maria-Ladenburger-Stiftung bekannt gegeben. Warum?

Clemens Ladenburger: Es hat sich glücklich gefügt, dass wir mit den Vorbereitungen für die Stiftung zu diesem Zeitpunkt fertig waren, dank der großartigen Zusammenarbeit mit dem Verband der Freunde der Universität Freiburg. Es war unser Wunsch, dass die Erinnerung an unsere Tochter nicht nur mit diesem entsetzlichen Verbrechen verbunden sein soll, sondern mit ihrem Leben. Deshalb haben wir für die Stiftungsbezeichnung auch bewusst Marias vollen Namen verwendet, der bis zum Ende des Prozesses in der Öffentlichkeit und in den Medien ja immer nur abgekürzt verwendet werden durfte. Aber jetzt dachten wir: Im Kontext der Stiftung ist es uns recht.

Wie kamen Sie überhaupt auf diese Idee?

Friederike Ladenburger: Sie hat sich seit Sommer 2017 aus vielen kleinen Puzzlesteinen zusammengefügt. Wir haben eine große Dankbarkeit empfunden, dass wir Maria geschenkt bekommen hatten und mit ihr eine ganz besondere – wenn auch viel zu kurze – Zeit erleben durften. Deshalb wollten wir anderen Studierenden etwas schenken, was Marias Wirken und ihrer Ausstrahlung entsprechen und ein Zeichen der Mitmenschlichkeit in ihrem Sinne setzen sollte. Unsere beiden anderen Töchter haben unsere Überlegungen übrigens stark mitgeprägt.

Die Maria-Ladenburger-Stiftung – ausdrücklich auch für Geflüchtete

Zur Erinnerung an die 2016 von einem afghanischen Asylbewerber ermordete Freiburger Medizinstudentin Maria Ladenburger haben ihre Eltern, Friederike und Clemens Ladenburger, zusammen mit dem Verband der Freunde der Universität Freiburg eine nach ihrer Tochter benannte Stiftung gegründet.

Stiftungszweck laut Satzung ist es, „Bildung und Erziehung von Studierenden der Universität Freiburg, vor allem an der medizinischen Fakultät, zu fördern“. Förderschwerpunkte sind die Vergabe von Stipendien an Studierende in schwierigen Lebenssituationen (Krankheit, Behinderung), die finanzielle Unterstützung von Praktika und Famulaturen in Entwicklungsländern sowie konkrete Projekte von Studierenden in der Entwicklungsarbeit. Studienstarthilfen von monatlich bis zu 750 Euro für maximal ein halbes Jahr sind für benachteiligte Studierende vorgesehen, darunter ausdrücklich auch für Geflüchtete und Studierende nach persönlichen Schicksalsschlägen.

Friederike und Clemens Ladenburger steuerten aus privatem Vermögen ein Stiftungskapital von 100 000 Euro bei. Inzwischen ist von mehr als 900 Unterstützern eine Summe von fast 400 000 Euro hinzugekommen. Maria Ladenburger hatte sich in der Studenteninitiative „Weitblick“ für ein Schulprojekt in Afrika engagiert. Auch deshalb hat die von ihren Eltern ins Leben gerufene Stiftung dezidiert karitativen Charakter. Erste Projekte wurden bereits finanziert.

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) verleiht dem Ehepaar Ladenburger am Mittwoch den Bürgerpreis der deutschen Zeitungen. Als „Deutschlands Bürger/Bürgerin des Jahres“ werden Personen gewürdigt, die sich für andere Menschen oder für eine große Idee engagieren und damit Vorbild sind.

War Freiburg denn nach dem Verbrechen an Ihrer Tochter kein kontaminierter Ort für Sie?

Friederike Ladenburger: Sehen Sie: Wir sind zuerst und vor allem trauernde Eltern. Darum ist es uns nach Marias Tod natürlich sehr schwergefallen, wieder gern nach Freiburg zu kommen. Das braucht Zeit. Aber wie Maria uns in Gesprächen, Briefen und anderen Aufzeichnungen so vieles hinterlassen hat, was uns Kraft gibt, so hat uns auch der Gedanke geholfen, dass sie in Freiburg bis zu ihrem Tod eine glückliche Zeit hatte.

„So jung sie auch war, sie hatte eine sehr reife und starke Art, den Blick auf das Positive zu lenken“: Maria Ladenburger. Quelle: Picasa

Im Prozess gegen den Täter waren Sie Nebenkläger. Wie sind Sie an das Verfahren herangegangen? Sie haben sich dazu ja bislang nie öffentlich geäußert.

Friederike Ladenburger: Wir haben es als unsere Pflicht angesehen, als Nebenkläger unseren Beitrag zur juristischen Aufarbeitung zu leisten. Dafür haben wir uns einen sehr kompetenten Anwalt gesucht, Professor Bernhard Kramer. Er hat uns in der Begleitung des Prozesses sehr geholfen und uns fortlaufend detailliert informiert. Wir waren selbst bewusst nicht im Gerichtssaal. Wir wollten uns so ein Stück Distanz bewahren.

Welche Marschroute haben Sie Ihrem Anwalt aufgegeben?

Clemens Ladenburger: Wir wollten ein möglichst konstruktives, sachliches Vorgehen im Dienste der Rechtsprechung. Aber keinen von unserem Anwalt zusätzlich angefachten Medienrummel, keine politischen Begleitstatements, keine Überlagerung des Prozessverlaufs durch emotionale Einlassungen seitens der Opfer, also von uns. Nur zum Prozessbeginn und am Tag des Urteils haben wir jeweils eine Erklärung veröffentlicht.

Hatten Sie nie den Gedanken, dem Täter einmal Auge in Auge gegenüberzustehen?

Clemens Ladenburger: Wir haben das offengehalten. Es war jedenfalls nicht von vornherein klar, dass wir dem Prozess von Anfang bis Ende fernbleiben würden. Aber im Verlauf des Verfahrens haben wir uns dann gefragt: Möchte Maria, dass wir da hingehen? Und wir sind zum Ergebnis gekommen: Nein, das möchte sie nicht. Außerdem haben wir aufgrund des Täterprofils und seines Verhaltens vor Gericht zunehmend den Eindruck gewonnen, dass wir mit einer persönlichen Konfrontation nichts erreichen und auch uns damit nicht helfen würden.

„Möchte Maria, dass wir da hingehen? Wir sind zum Ergebnis gekommen: Nein, das möchte sie nicht“: Clemens Ladenburger im Gespräch in Köln. Quelle: Peter Rakoczy

Sie betonen einerseits die Funktionsfähigkeit des Rechtsstaats. Andererseits brachte der Prozess eklatantes Versagen des Staates und staatlicher Behörden ans Licht – nicht nur hier in Deutschland, sondern zuvor schon in Griechenland. Niemand zog die falsche Altersangabe des Täters bei seiner Einreise in Zweifel. Seine kriminelle Vorgeschichte war nicht bekannt, in Griechenland war er trotz eines Kapitalverbrechens aus der Haft entlassen worden, und keinen kümmerte das mehr. Haben Sie angesichts solch haarsträubender Erkenntnisse nicht mit diesen eklatanten Mängeln, diesen blinden Flecken des Rechtsstaates, oder gar mit der ganzen Willkommenskultur gehadert?

Clemens Ladenburger: Wir haben es uns sicher nicht ausgesucht, dass ausgerechnet das Schicksal unserer Tochter – „der Fall Maria L.“ – zusammen mit anderen schlimmen Vorkommnissen …

… wie den Übergriffen der Kölner Silvesternacht 2015/2016 …

… eine Reihe von Fragen aufgeworfen hat, die den politischen und gesellschaftlichen Akteuren zuvor nicht so deutlich waren, die aber offen diskutiert werden müssen.

Welche Fragen?

Clemens Ladenburger: Nun, Fragen wie die nach den Zusammenhängen von Migration und innerer Sicherheit; nach den Kontrollen in Asylverfahren; nach der Zusammenarbeit in Europa und nicht zuletzt nach den großen Herausforderungen der Integration. Auch uns treiben diese Fragen um – als Juristen und als politisch denkende Menschen. Es ist wichtig, dass über diese Fragen diskutiert wird, auch kontrovers diskutiert wird. Aber wir wünschen uns, dass das sachlich geschieht und mit Respekt vor der Einstellung und der Herkunft des anderen. Wir haben uns mehrfach die Frage gestellt, ob wir als Opfer nicht doch selbst einmal Stellung beziehen sollten …

Friederike Ladenburger: … und wir haben uns durchaus unter Schmerzen dafür entschieden, das nicht zu tun.

Unter Schmerzen?

Clemens Ladenburger: Ja, schließlich mussten wir miterleben, wie das Schicksal unserer Tochter instrumentalisiert wurde, wie mit ihrem Namen Hass geschürt wurde. Natürlich hatten wir da den Impuls, öffentlich Einspruch zu erheben, in Marias Namen und im Namen unserer Grundüberzeugungen. Wäre das nicht geradezu unsere moralische Pflicht, haben wir uns gefragt.

Warum haben Sie diese Frage dann verneint?

Friederike Ladenburger: Wir hielten es für richtig, eine rote Linie zwischen uns und den politischen Debatten zu ziehen. Eine rote Linie, die wir nicht überschreiten. Alles, was wir als unmittelbar Betroffene sagen würden, kann in einer aufgeheizten gesellschaftlichen Stimmung der von uns gewünschten Sachlichkeit der Debatte nur abträglich sein. Ich kann es auch andersherum sagen: Als trauernden Eltern fehlt uns letztlich die Distanz. Deshalb tun wir uns und unserer Familie, aber auch der Gesellschaft den besten Dienst, wenn wir uns dazu öffentlich nicht äußern.

„Alles, was wir als unmittelbar Betroffene sagen würden, kann in einer aufgeheizten gesellschaftlichen Stimmung der von uns gewünschten Sachlichkeit der Debatte nur abträglich sein“: Friederike Ladenburger in Köln. Quelle: Peter Rakoczy

Clemens Ladenburger: Unsere Antwort, unser Debattenbeitrag ist die Stiftung – und nur die Stiftung. Damit wollen wir ein Zeichen setzen, dass wir als Gesellschaft Taten des Hasses und kaltblütiger Menschenverachtung nicht mit Hetze und noch mehr Hass beantworten dürfen. Sonst droht eine zerstörerische Spirale, die an die Grundlagen unseres Miteinanders rühren kann. Dem möchten wir mit unseren bescheidenen Möglichkeiten entgegenwirken.

Sie sind aus dem rechten politischen Spektrum angefeindet worden.

Friederike Ladenburger: Das war sehr, sehr schmerzlich, besonders wenn es auf zum Teil unflätigste Weise gegen unsere verstorbene Tochter ging.

Haben Sie Anzeige erstattet?

Clemens Ladenburger: Nein. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass alle diese Anwürfe weder mit uns noch mit unserer Tochter etwas zu tun haben. Und: Wir stehen auch so zu ihren und zu unseren Idealen.

Das klingt, verzeihen Sie, alles so rational, so reflektiert. Woher nehmen Sie die Kraft, auf nur allzu verständliche Gefühle wie Wut, vielleicht sogar Hass und Rachegelüste zu verzichten?

Clemens Ladenburger: Ich würde nicht von Hass oder Rache sprechen. Aber dass wir keine Momente der Bitterkeit, der Wut, auch der Niedergeschlagenheit und Resignation gehabt hätten, könnte ich sicher auch nicht behaupten.

Friederike Ladenburger: Ohne Zweifel mussten und müssen wir als trauernde Eltern einen schwierigen Weg gehen – wie viele andere Eltern auch. Die größte Kraftquelle war und ist – Maria selber. So jung sie auch war, sie hatte eine sehr reife und starke Art, den Blick auf das Positive zu lenken, auf das Tragende, auf den Halt in aller Zerrissenheit und allem Leid. Das haben wir gespürt, als dieses Leid sie selbst und dann auch uns aufs Grausamste getroffen hat.

Was ist dieser Halt?

Friederike Ladenburger: Unser Glaube. Wir sind Christen, und als Christen waren wir vom Moment der Todesnachricht an gewiss, dass es Maria gut geht, dass sie gut aufgehoben und bewahrt ist.

Führt das nicht zwangsläufig zu der Frage: Wie kann Gott das zulassen?

Clemens Ladenburger: Gott wollte das nicht, was Maria angetan wurde. Gott will das Böse nicht. Aber er hat uns als freie Menschen erschaffen – und uns damit auch die Möglichkeit gegeben, Böses zu tun.

Friederike Ladenburger: Und das kann er dann auch nicht immer verhindern. Er hat nicht eingegriffen. Warum nicht? Ich weiß das nicht zu sagen. Noch am Abend des 16. Oktober 2016, an dem wir von Marias Tod erfuhren, haben wir uns gesagt: Wir werden nicht nach dem Warum fragen, weil es darauf keine Antwort gibt.

Clemens Ladenburger: Gott kann nicht alles Böse von uns fernhalten. Aber er ist im Leid gegenwärtig, und er teilt unser Leid. Das haben wir seit Marias Tod sehr wohl erfahren. Unser Gott steht uns zur Seite. Genau, wie er Maria zur Seite steht.

Sie haben vorhin mit Blick auf Ihre persönliche Teilnahme am Prozess gesagt, Maria hätte das nicht gewollt. Was, glauben Sie, will Maria – von Ihnen, von der Gesellschaft?

Friederike Ladenburger: Wir haben zu Marias Beerdigung einen Text von ihr ausgewählt, der von dem erwähnten Perspektivwechsel spricht. Ein Text, mit dem sie einmal einer Freundin Mut zugesprochen hat: „Du bist Teil eines riesengroßen Ganzen! Lass nicht den Kopf hängen, sondern schau auf und denke daran, dass wir vieles nicht verstehen können, aber auf eine ganz besondere Art und Weise etwas Gutes entsteht!“ Aus dem Bösen, das uns trifft; aus Ereignissen, die wir nicht verstehen; aus alledem kann – durch den Beitrag jedes Einzelnen – Gutes wachsen. Ich glaube, diese Haltung will Maria uns mitgeben.

Clemens Ladenburger: In einer der vielen wunderbaren Zuschriften, die wir nach Marias Tod bekommen haben, stand ein Gedanke, der uns sehr angesprochen hat: „Vielleicht können Sie es auch so verstehen, dass Maria Sie als Eltern bittet, all die Liebe und Güte, die sie ihren Mitmenschen gezeigt hat und nun nicht mehr zeigen kann, nun an ihrer Stelle anderen weiterzugeben.“ Wir denken, genau das tut Maria.

Von Joachim Frank und Stefan Hupk/RND

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