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Ernst Albrecht wird 80 Jahre alt

Runder Geburtstag Ernst Albrecht wird 80 Jahre alt

Als Ministerpräsident setzte Ernst Albrecht auf   Verbindlichkeit – und konnte doch beinhart sein: Der CDU-Politiker und Vater von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen wird am Dienstag 80 Jahre alt.

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Ursula von der Leyen ist mit ihrer Familie nach Beinhorn zurückgekehrt. Dort lebt sie mit ihrem Vater Ernst Albrecht auf dem weitläufigen Anwesen, das ihre verstorbene Mutter Heidi-Adele gestaltet hat.

Quelle: Blüher

In den achtziger Jahren wäre dieser letzte Dienstag im Juni eher ein Routinetermin für ihn gewesen. Ernst Albrecht wäre in Hannover ins Gästehaus der Landesregierung gefahren und hätte seine Regierungsmannschaft zur Kabinettssitzung um sich versammelt. Heute kommt der ehemalige Ministerpräsident wieder in die Lüerstraße. Und viele seiner früheren Kabinettsmitglieder werden wieder da sein: Birgit Breuel, Erich Küpker, Hans-Dieter Schwind, Egbert Möcklinghoff, Hermann Schnipkoweit, Johann-Tönjes Cassens, Walter Remmers, Georg Berndt Oschatz, Burkhard Ritz und Wolfgang Knies. Ministerpräsident Christian Wulff hat sie alle eingeladen zu einer Wiedersehensfeier: Ernst Albrecht wird heute 80 Jahre alt.

„Er freut sich auf den Empfang“, sagt seine Tochter Ursula von der Leyen. Sie hat gestern Abend schon eine private Geburtstagsfeier für den Vater daheim in Beinhorn bei Burgdorf ausgerichtet. Auch die vier noch lebenden Söhne des Ehepaares Albrechts, deren Ehefrauen und alle 31 Enkel kamen zum Gratulieren.

Ernst Albrecht ist glücklich, wenn viele Menschen um ihn sind. Er geht freundlich auf sie zu, umarmt alte Weggefährten, auch wenn er sich nicht mehr an ihre Namen erinnern kann. Der einstige Star der niedersächsischen CDU leidet an Alzheimer und ist auf Hilfe im Alltag angewiesen. Seine einzige Tochter, ihr Mann und ihre Kinder haben sich der Herausforderung gestellt: 2007 sind die von der Leyens zu ihm gezogen; aus dem großen Anwesen wurde ein Mehrgenerationenhaus. Ernst Albrecht kann sich geborgen fühlen, sich dem Park widmen und dort auch am Grab seiner 2002 verstorbenen Frau innere Einkehr halten.

Noch erlaubt die Krankheit kleine Unternehmungen. Zum Einkaufen in Burgdorf begleitet Ernst Albrecht ein ehemaliger Polizist aus Beinhorn, den die Familie engagiert hat. Er ist auch dabei, wenn der frühere Ministerpräsident gelegentlich an einer örtlichen CDU-Veranstaltung teilnimmt. Solche Versammlungen sind Albrecht nach wie vor wichtig, er ist gern unter Menschen. Um den Haushalt kümmert sich ein kleines Team, das seine Tochter zusammengestellt hat. Es schließt auch die Lücke, die durch die Erkrankung der langjährigen, vertrauten Haushälterin entstanden ist.

Vierzehn Jahre lang, von 1976 bis 1990, hat Ernst Albrecht als Ministerpräsident die Politik in Niedersachsen geprägt und auch in der Bundespolitik mitgemischt. Schon kurz nach seiner Wahl am 6. Februar 1976 ermöglichte er mit seiner Stimme im Bundesrat die Ratifizierung der Ostverträge, die schließlich die Grundlage für eine Aussöhnung mit Polen bildeten. 1978 rettete er weit mehr als 1000 vietnamesische Bootsflüchtlinge vor dem Ertrinken im Chinesischen Meer, indem er sie nach Niedersachsen holte und ihnen Asyl gewährte. Seinerzeit war Albrecht bundesweit einer der beliebtesten Politiker; beinahe wäre er 1980 Kanzlerkandidat der Union geworden, wenn ihm CSU-Chef Franz-Josef Strauß keinen Strich durch die Rechnung gemacht hätte.

In seinen Memoiren „Erinnerungen, Erkenntnisse, Entscheidungen“ lässt Albrecht anklingen, dass er zufrieden auf seine Zeit als Regierungschef zurückblickt. 22 Forschungsinstitute habe er ins Leben gerufen, zahlreiche ausländische Investoren ins Land geholt und immer der Versuchung widerstanden, sich mit der Teilung Deutschlands abzufinden. Den Fall der Berliner Mauer und das Ende der DDR begriff er als Glück und Chance zugleich. Albrecht gab die nötigen Anstöße zur Länderpartnerschaft mit Sachsen-Anhalt, leitete dort die Sanierung der maroden Stadtkerne ein und trug auch ganz persönlich zum Zusammenwachsen der alten und neuen Bundesländer bei. Dass er dennoch die Landtagswahl 1990 verlor und er dem Sozialdemokraten Gerhard Schröder weichen musste, hat ihn anfangs sehr geschmerzt, war aber schon 1999, als er seine Erinnerungen aufschrieb, längst Vergangenheit für ihn.

Albrecht war immer mit Leib und Seele ein Christdemokrat, der sich in der evangelischen Kirche gut aufgehoben fühlte. Das hinderte ihn allerdings nicht, persönliche Freundschaften zu katholischen Bischöfen oder SPD-Politikern wie den Bremer Bürgermeister Hans Koschnick zu pflegen. In der niedersächsischen CDU indes wahrte er stets Distanz. Auftritte bei Schützenfesten, bei der Polizei, der Feuerwehr und auch der Bundeswehr überließ er für gewöhnlich dem sehr viel volkstümlicheren Landesvorsitzenden Wilfried Hasselmann. Albrecht und Hasselmann sprachen zwar oft davon, dass sie wie zwei Pferde an derselben Deichsel zusammen arbeiteten. In Wahrheit war es jedoch so, dass Albrecht die Richtung bestimmte und von allen – auch von Hasselmann und allen Regierungsmitgliedern – erwartete, dass sie ihm folgten, ohne zu murren.

Hasselmann hatte Albrecht 1970 aus Brüssel nach Niedersachsen geholt. Der damalige Generaldirektor für Wettbewerb der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) stieg in die Landespolitik ein und verdiente fortan sein Brot als Finanzchef des Bahlsen-Konzerns in Hannover – bis er 1976 als CDU-Mann zum Nachfolger des amtsmüden Ministerpräsidenten Alfred Kubel (SPD) gewählt wurde. Bis heute ist ungeklärt, welche Umstände ihm die für seine Wahl entscheidenden Stimmen aus dem sozial-liberalen Regierungslager beschert haben.

Wie ein Markenzeichen pflegte Albrecht stets sein verbindliches Lächeln, doch das hinderte ihn nie daran, beinhart für die Belange Niedersachsens einzutreten. Seine Kraft, so sagte er gerne, schöpfte er aus dem von seiner Ehefrau Heidi-Adele geprägten Familienleben und aus seiner Verbundenheit mit der Natur und der Jagd.

Dass ihm längst nicht alles gelang, was er für geboten hielt, ist für Albrecht auch ein Stück Wahrheit. Persönlich gelitten hat er, als Hasselmann im Zuge der Spielbankaffäre sein Ministeramt aufgeben musste. Zutiefst enttäuscht war er, als der Versuch des Verfassungsschutzes scheiterte, mit Hilfe eines vorgetäuschten Bombenanschlags auf das Celler Gefängnis einen V-Mann in das Umfeld der Terroristen von der Rote-Armee-Fraktion einzuschleusen. Resigniert klang er, als er angesichts des massenhaften Widerstands den Bau einer atomaren Wiederaufarbeitungsanlage im Wendland fallen lassen musste und eingestand: „Technisch machbar, aber politisch nicht durchsetzbar.“

Albrecht hat zwar nie die Lust am Regieren verloren, aber auch für die Zeit danach geplant. Als Lebensberater, wie er es schon früh genannt hat, wollte er sich im Stillen engagieren. Auch das war ihm vergönnt, etwa bei der Rettung vieler Arbeitsplätze im Stahlwerk in Thale im Ostharz, das er für eine Mark übernahm und nach der Sanierung für eine Mark wieder abgab. Und gemeinsam mit seinem Freund Carl H. Hahn, dem früheren VW-Chef, leistete er wichtige Beiträge zum Aufbau eines funktionierenden Staatsapparates in der einstigen Sowjetrepublik Kirgistan. Leider, wie sich in diesen Tagen zeigt, nicht genug.

Hahn wird heute auch an Albrechts „Kabinettssitzung“ teilnehmen, genau wie etliche andere Persönlichkeiten aus der Ära Albrecht. Dem Bundespräsidentenkandidat Wulff ist der Geburtstagsempfang für seinen politischen Ziehvater so wichtig, dass er diesen Termin einen Tag vor dem Wahltag in Berlin auf keinen Fall ausfallen lassen wollte. Auch so kann man Dankbarkeit zum Ausdruck bringen.

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