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Fall Peggy: Was wir wissen und was nicht

Verschwundenes Mädchen Fall Peggy: Was wir wissen und was nicht

15 Jahre nach dem Verschwinden der Schülerin Peggy bekommt der Fall eine spektakuläre Wende: Ein Pilzsucher findet Knochen, die von der Leiche des Mädchens stammen. Das wirft neue Fragen auf.

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Der Fundort der Leichenteile in einem Waldstück liegt in Thüringen, aber nur etwa 15 Kilometer von Peggys Heimatort Lichtenberg entfernt

Quelle: Bodo Schackow/David Ebener/dpa

Lichtenberg. Die Nachricht über den  Knochenfund in Thüringen, der höchstwahrscheinlich der seit 15 Jahre vermissten Peggy aus Oberfranken zugeordnet wird, bringt den Fall wieder ins Rollen. Rechtsmediziner in Jena haben die Leichenteile nun untersucht und den Fund von Peggys Leiche bestätigt. Die Ermittler sind nun einen entscheidenden Schritt weiter. Doch sie müssen noch viele Fragen beantworten.

Lässt sich DNA denn nach 15 Jahren einwandfrei entschlüsseln?

"Die Knochen sind als Hartgewebe ideal geeignet, um auch bei längerer Liegezeit noch ein DNA-Profil feststellen zu lassen", sagte der Vize-Direktor des Instituts für forensische Genetik in Münster, Carsten Hohoff. "Von daher sind sie besser als andere forensische Probenträger – zum Beispiel ein Blutfleck oder ein Haar." Als Vergleichsproben hatten die Rechtsmediziner Genmaterial von Peggy aus der Zeit ihres Verschwindens, wie der Leitende Oberstaatsanwalt Herbert Potzel am Dienstag in Bayreuth sagte.

Der Fall Peggy wurde bis heute nicht aufgeklärt. Bisher gibt es weder einen Täter, noch eine Leiche. Jetzt sind in einem Waldstück in Thüringen Skelettteile entdeckt worden – stammen sie von der Neunjährigen?

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Welche Informationen haben die Ermittler zur Todesursache?

Bei dem DNA-Abgleich ging es zunächst einmal nur darum, die Identität des toten Kindes herauszufinden. Allerdings sprachen die Ermittler in Bayreuth schon am Montag von einem möglichen "Tatort" - es scheint also viel gegen einen natürlichen Tod zu sprechen. Die rechtsmedizinischen Untersuchungen könnten eventuell auch bei der Frage weiterhelfen, ob es sich um einen Unfalltod oder zum Beispiel Mord handelt.

Die Fahnder haben neben Knochen auch "Gegenstände" gefunden. Warum verraten sie nichts darüber?

Der Hintergrund dafür sei, dass ein möglicher Beschuldigter später behaupten könnte, er habe Details "aus den Medien" erfahren, sagte Oberstaatsanwalt Potzel. "Es kann sich ja um Täterwissen handeln. Ein eventueller Täter wüsste ja, was er getan hat, wo er Gegenstände abgelegt hat." Auch Polizeihauptkommissar Jürgen Stadter vom Polizeipräsidium Oberfranken machte deutlich, dass Details über gesicherte Spuren vorerst geheim bleiben. Gleiches gelte etwa für Gegenstände, die die Fahnder nach wie vor suchen.

Inwiefern könnten die Knochenfunde bei der Suche nach dem mutmaßlichen Täter helfen?

Um Rückschlüsse auf einen möglichen Täter ziehen zu können, seien vor allem andere mögliche Probenträger in der Nähe des Ortes wichtig, wo die Knochen gefunden wurden, sagte der Vize-Direktor des Instituts für forensische Genetik in Münster, Carsten Hohoff. "Möglicherweise lassen sich an Knochen weitere Spuren, Werkzeugspuren, finden, die die Polizei in ihren Ermittlungen weiter verfolgen kann."

Die Polizei hat eine Soko Peggy gegründet. Wer arbeitet da mit?

Polizeihauptkommissar Stadter sprach von gut 30 Mitgliedern der Sonderkommission. Darunter seien "überwiegend" Kriminalbeamte. Über die anderen Soko-Mitglieder machte er ebenso wenig Angaben wie über die verschiedenen Fachrichtungen, aus denen sie kommen.

Wie arbeitet die Soko Peggy?

Einige der Experten für den Fall der verschwundenen Neunjährigen sind mit Polizisten aus Thüringen am Fundort der Knochen im Einsatz. Sie suchten noch am Dienstag das Waldgebiet zwischen Rodacherbrunn (Saale-Orla-Kreis) und Nordhalben (Landkreis Kronach) ab. Die Suchmaßnahmen betreffen laut Stadter einen Umkreis von mehr als 100 Metern um den ursprünglichen Fundort der Knochen. Weitere Details zur Arbeit der Soko wollten weder Stadter noch Potzel noch das Bundeskriminalamt (BKA) machen. Eine BKA-Sprecherin verwies darauf, dass Sonderkommissionen immer fallabhängig unterschiedlich arbeiten.

Was bedeutet der Knochenfund für Peggys Mutter?

Psychotherapeut und Trauma-Experte Christian Lüdke aus Essen sagte der Münchner "Abendzeitung": "Mit den sterblichen Überresten, die jetzt beigesetzt werden können, kann die Mutter endlich anfangen, richtig zu trauern." Das sei wichtig, um diesen Prozess zum Abschluss zu bringen. Dass der Täter noch nicht gefasst sei, lasse etwa die Frage offen: Hätte man das Ganze verhindern können?

Der Fall Peggy - Chronologie:

  • 7. Mai 2001: Die neunjährige Peggy aus dem oberfränkischen Lichtenberg verschwindet auf dem Heimweg von der Schule. Wochenlange Suchaktionen bleiben ohne Erfolg.
  • August 2001: Die Polizei nimmt einen geistig behinderten Mann fest. Er gibt an, sich an Peggy und drei weiteren Kindern sexuell vergangen zu haben.
  • 22. Oktober 2002: Die Ermittler präsentieren den 24-Jährigen als mutmaßlichen Mörder der Schülerin. 7. Oktober 2003: Vor dem Landgericht Hof beginnt der Prozess.
  • 30. April 2004: Der geistig behinderte Mann wird wegen Mordes an Peggy zu lebenslanger Haft verurteilt.
  • 17. September 2010: Ein wichtiger Belastungszeuge widerruft seine Aussage und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ermittlungsbehörden.
  • 4. April 2013: Der Anwalt des geistig behinderten Mannes beantragt die Wiederaufnahme des Falls.
  • 8. Januar 2014: Auf dem Friedhof Lichtenberg öffnen die Ermittler ein Grab. Sie vermuten, dass bei einer Beerdigung 2001 Peggys Leiche dort abgelegt wurde. Doch sie finden keine Hinweise.
  • 10. April 2014: Auf Anordnung des Landgerichts Bayreuth beginnt das Wiederaufnahmeverfahren.
  • 7. Mai 2014: Das Gericht beendet das Verfahren aus Mangel an Beweisen. Eine Woche später gibt es einen Freispruch für den geistig behinderten Mann.
  • 18. Februar 2015: Die Staatsanwaltschaft Bayreuth stellt ihre Ermittlungen ein. Ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wird aber aufrechterhalten, um mögliche Spuren weiterzuverfolgen.
  • 19. März 2015: Das Oberlandesgericht Bamberg entscheidet, dass der ursprünglich verurteilte Mann aus der Psychiatrie entlassen werden soll.
  • 3. Juni 2015: Die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" greift den Fall Peggy auf.
  • 16. Juni 2015: Ein ehemaliger Verdächtiger im Fall Peggy wird in einem anderen Fall wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes zu einer Jugendstrafe von sieben Monaten ohne Bewährung verurteilt. Im Fall Peggy gilt er nicht mehr als tatverdächtig.
  • Mai 2016: Ein im Fall Peggy ehemals verdächtigter Mann fordert Schadenersatz von mehr als 20 000 Euro. Ermittler hatten 2013 auf der Suche nach dem verschwundenen Mädchen sein Grundstück in Lichtenberg metertief durchsuchen lassen. Die Ermittler hatten dabei zwar Knochenreste gefunden. Sie stammten aber nicht von Peggy.
  • 2. Juli 2016: Ein Pilzsammler findet in einem Wald im thüringischen Landkreis Saale-Orla Skelettreste.
  • 4. Juli 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft teilen mit, dass die Knochen "höchstwahrscheinlich" von Peggy stammen. Dies hätten erste rechtsmedizinische Untersuchungen und Erkenntnisse am Fundort ergeben.

dpa/RND/zys

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Knochenfund im Wald
Foto: Die Polizei hat den Fundort der Knochen in einem Waldstück abgesperrt.

Mit Spannung werden die Ergebnisse der DNA-Analyse der aufgefundenen Kinderknochen erwartet - doch das könnte womöglich länger dauern als zunächst erwartet. Am Fundort der Knochenteile, die wahrscheinlich von der vermissten Schülerin Peggy stammen, läuft die Spurensicherung weiter auf Hochtouren.

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