Volltextsuche über das Angebot:

25 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Frauen drängen in die Nazi-Szene

Rechtsextremismus Frauen drängen in die Nazi-Szene

Frauen auf rechten Partei-Posten, Mädchen, die auf NPD-Demos in der ersten Reihe mitlaufen. Kenner der Szene sind überzeugt: Der deutsche Rechtsextremismus ist schon lange keine reine Männerdomäne mehr.

Voriger Artikel
Bibliothek erhält Buch nach 122 Jahren zurück
Nächster Artikel
„Walk of Fame“ in Hollywood wird um 25 Sterne erweitert

Immer mehr Frauen drängen in die rechte Szene.

Quelle: dpa

Wie sieht ein Neonazi aus? Bei dem Wort schwingen sofort die Attribute „männlich“ und „Schlägertyp“ mit. Doch genauso, wie viele Rechtsextremisten heute nicht mehr in aggressiver Kluft mit Glatze und Springerstiefeln auf sich aufmerksam machen, agieren längst nicht mehr ausschließlich Männer in der Szene. Rechte Frauen, die früher vor allem in der Rolle der Partnerin oder Mutter auftraten, sind zunehmend selbst politisch aktiv.

„Man kann davon ausgehen, dass der Anteil der Frauen in der rechtsextremistischen Szene steigt“, sagte die Extremismusexpertin Andrea Röpke kürzlich auf einem Fachgespräch der Grünen-Bundestagsfraktion zum Thema. Sie schätzt, dass jeder fünfte Rechtsextremist heute weiblich ist - offizielle Zahlen gibt es nicht. „In Berlin und Brandenburg ist der Frauenanteil sehr, sehr hoch.“ Auch in Nordrhein-Westfalen gebe es viele rechtsextreme Frauen.

„Die Frauen stabilisieren die Szene im Hintergrund“

Die freie Journalistin beschäftigt sich seit Jahren mit den verschiedenen Ausprägungen des Rechtsextremismus in Deutschland. In ihrem Buch „Mädelsache!“ hat sie mit dem Journalisten Andreas Speit die Frauen der Neonazi-Bewegung unter die Lupe genommen. „Die Frauen stabilisieren die Szene im Hintergrund“, erläutert Röpke. In der rechtsextremen NPD würden sie gezielt dafür eingesetzt, auf dem Land Akzeptanz zu schaffen - die Politik werde dann „nachgeschoben“.

„Sie nennen das selber „kommunale Verankerung““, sagt Röpke. Die Frauen treten als nette Nachbarin oder hilfsbereite Vereinsschwester auf, organisieren Fußballturniere und Kinderfeste. Als Kommunalpolitikerin bedienen sie sich häufig sozialer und grüner Themen, wie Grünen-Vorstandsmitglied Astrid Rothe-Beinlich berichtet. Naturschutz, Landwirtschaft, auch Gentechnik gehören dazu. „Wir wollen gesunde Nahrung, für unsere gesunden Kinder“, heiße es dann. Ihnen helfe der verbreitete Irrglaube, dass Rechtsextremisten Männer seien. „Frauen können genauso Nazis sein wie Männer“, sagt Rothe-Beinlich.

Dabei klingt eines zunächst schizophren: Obwohl Frauen mehr und mehr Posten in den rechten Parteien und Organisationen besetzen, propagieren sie selbst weiter das Bild der Mutter und Hausfrau - einer Frau also, deren Hauptaufgabe es nicht ist, im Beruf erfolgreich zu sein, sondern Kinder in die Welt zu setzen. Akademikerinnen und Karriere-Frauen, Feminismus und Emanzipation würden missachtet, sagt die Rechtsextremismus-Expertin Valérie Dubslaff von der Universität des Saarlandes. „Es wird gegen alternative Lebensentwürfe gehetzt.“

Männer haben beruflichen Vorrang

Akzeptiert wird auch, dass Männer beruflichen Vorrang haben. Das wurde etwa im Fall Gitta Schüßler deutlich. Die NPD-Politikerin hatte nach den Kommunalwahlen in Mecklenburg-Vorpommern 2009 kritisiert, dass zwei NPD-Parlamentarierinnen zugunsten männlicher Nachrücker auf ihre Mandate verzichteten. In einem Bericht des Landes-Verfassungsschutzes heißt es, Schüßler habe das als „innerparteilichen Skandal“ und den NPD-Landesverband als eine „Männersekte“ kritisiert. Nicht ohne Folgen: Nach einem Misstrauensantrag trat sie als Vorsitzende des „Rings Nationaler Frauen“ (RNF) zurück. Ihr Abgang wurde vom Vorstand der 2006 gegründeten NPD-Unterorganisation unter anderem mit „geradezu feministischen Ansichten“ begründet.

Der Frauen-Zuwachs in der Szene macht sich auch bei Aussteiger-Organisationen wie „Exit“ bemerkbar. „Wir haben in den letzten zehn Jahren auch zunehmend Frauen, die aussteigen wollen“, sagt Bernd Wagner, Leiter und Gründer von „Exit“. Knapp 20 Prozent derjenigen, die über die Organisation dem Rechtsextremismus den Rücken kehren wollen, seien weiblich. Dabei hätten Frauen es deutlich schwerer. „Vor allem wenn Kinder dabei sind“, sagt Wagner. „Hier fehlt die Unterstützung von Seiten der Gesellschaft und von Seiten des Staates.“

Ein spezielles Programm für weibliche Aussteiger gebe es nicht. „Wir haben eine Art Ablaufschema für Frauen mit Kindern entwickelt“, erläutert Wagner. Trotzdem gebe es noch viele ungeklärte Fragen. „Wie geht man mit Kindern von Frauen um, die die Szene verlassen? Wie ist das familienrechtlich? Wie wägt man hier die verschiedenen Freiheitsrechte ab? Diese Fragen sind alle offen - sowohl staatlich als auch rechtlich.“

dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Panorama
Augenblicke: Bilder aus Hannover und der Welt

Klicken Sie sich durch spektakuläre Fotos – ausgewählt von der HAZ-Redaktion.