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„Ich will dieses Leben nicht verlieren“

Afghanistan zwischen Aufbruch und Rückschritt „Ich will dieses Leben nicht verlieren“

In Afghanistan wächst bei Millionen Frauen die Angst.  Sie haben ihre Selbstständigkeit erobert – und fürchten nun die Rückkehr der Taliban. Eindrücke aus einem Land zwischen Aufbruch und Rückschritt.

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„Lernen ohne Angst“ ist das Motto der Naqschbandi-Zeltschule in Masar-i-Scharif. Die kleinen Mädchen, sagen ihre Lehrer, sind gierig nach Bildung.

Quelle: Iden/Wendle

Kabul. Islam Bibi ist tot, erschossen auf dem Weg zur Arbeit. Die Mutter dreier Kinder ist ermordet worden, weil sie Polizistin war in der Provinz Helmand. Zu modern. Zu frei. Bibis Bruder hat dreimal versucht, sie zu töten. Ein Unbekannter hat es am 4. Juli 2013 vollbracht.
Nadschia Seddiki ist tot, erschossen auf dem Weg zur Arbeit. Sie war Direktorin der Frauenbehörde der Provinz Laghman. Zu sichtbar. Zu emanzipiert. Seddiki war erst wenige Monate im Amt, als sie am 10. Dezember 2012 starb. Ihre Vorgängerin Hanifa Safi war im Juli ermordet worden.

Sarah Gul lebt. Das Mädchen hat sechs Monate Folter ertragen. Nach der Zwangsheirat mit einem ihr fremden Mann war die damals 13-Jährige von ihren Schwiegereltern eingekerkert, angekettet, gebrandmarkt worden. 2012 wurde das Paar aus der Provinz Baghlan zu zehn Jahren Haft verurteilt – in einem Prozess, der als Meilenstein bei der Bestrafung von Gewalt in der Familie galt. Im Juli 2013 hebt ein Richter in aller Stille das Urteil auf, lässt die Folterer aus dem Gefängnis frei. Sarah Gul lebt in Angst. In Afghanistan wächst bei Millionen Frauen die Angst. Die Verfassung ist eindeutig: Männer und Frauen sind vor dem Gesetz gleich. Die Wirklichkeit ist nur schwer zu fassen: Immer mehr Frauen arbeiten als Polizistinnen, Richterinnen, Ärztinnen, Lehrerinnen, Ministerinnen, Abgeordnete, Unternehmerinnen.

Aber immer mehr Frauen werden deshalb auch verfolgt. In diesem Jahr, dem zwölften  Jahr nach dem Sturz der Taliban, häufen sich die Berichte über Frauen und Mädchen, die geschlagen, verstümmelt, entführt, getötet werden, weil sie ihre Stimme erheben – von Ehemännern und Verwandten und vor allem von Fundamentalisten, die sich in Taliban-Verbänden oder der berüchtigten Islamischen Partei neu gruppieren. Wenn die Fundamentalisten jetzt schon so viel Einfluss zurückerobern – wie wird es dann werden, wenn die ISAF-Mission in einem Jahr zu Ende geht? Wenn die Nato-Kampftruppen Ende 2014 abgezogen sind, Afghanistan wirklich souverän, aber auch auf sich allein gestellt ist? „Wenn die Ausländer gehen, stecken wir alle wieder in Burkas. Dann kommen die Taliban zurück. Jeder weiß das“, sagt die Studentin Fatima Farahman. Ist der Fortschritt der vergangenen zwölf Jahre wirklich so zerbrechlich? Was denken  Frauen in diesem Land zwischen Aufbruch und Rückschritt?

Die Polizistin
Sakila Amiri, 31, Sergeant in der Polizeistation Masar-i-Scharif

„Ich würde wahnsinnig gerne meine Uniform tragen. Ich bin stolz darauf. Aber es ist inzwischen zu gefährlich. Ich fahre jeden Tag eine halbe Stunde mit dem Bus zur Polizeistation und zurück nach Hause – und es gibt wieder viele Leute, die ihren Hass auf Frauen mit Autorität offen zeigen. Deshalb gibt es auch immer noch viel zu wenige Polizistinnen. Wir sind ein islamisches Land, unsere Frauen brauchen Polizistinnen, sie brauchen ja auch Ärztinnen. Wir haben nicht die gleichen Probleme wie Männer, und wir reden nicht mit ihnen darüber. Ich bin stolz darauf, dass ich seit zehn Jahren meinem Land als Polizistin diene und andere Frauen schütze. Ich weiß, wie man mit einer AK 47 und einer Pistole schießt, aber ich lerne jetzt erst lesen und schreiben, während meiner Dienstzeit. Als ich Kind war, war Krieg, die Eltern haben uns aus Angst nicht zur Schule gelassen – jetzt machen meine Tochter und ich zusammen Hausaufgaben. Ich verdiene mehr als mein Mann, es macht ihm nichts aus. Manchmal ist es anstrengend, acht Stunden am Tag zu arbeiten und sich dann um die Kinder zu kümmern. Aber die Jüngste ist schon fünf, die Großen passen auf sie auf, die kommen schon ganz gut allein zurecht. Während der Taliban-Zeit durfte ich nicht einmal allein aus dem Haus gehen. Ich will dieses Leben nicht wieder verlieren.“

Die Lehrerin
Khadija Karimi, 38, unterrichtet in den Zelten und Baracken der Naqshbandi High School

„Es war mir egal, was die Taliban verboten haben. Sie haben die Lehrerinnen und die Schülerinnen aus den Schulen geworfen. Da haben wir den Mädchen heimlich lesen und schreiben und rechnen beigebracht, in einem Privathaus. Alle haben gewusst, dass wir uns da versammeln. Den Taliban haben wir gesagt, dass wir Religion und Nähen unterrichten. Sie waren nur sechs Jahre an der Macht, aber sie haben unsere Schule und alles drumherum zerstört. Nach 30 Jahren Bürgerkrieg können 90 Prozent der Eltern in diesem Viertel nicht lesen und schreiben. Aber fast alle schicken ihre Kinder in diese Schule, auch jetzt, im kalten Herbst, dabei haben wir nur ein paar Räume ohne Fensterscheiben und halb zerfetzte Zelte und keine Heizung. Die Kinder und Jugendlichen kommen trotzdem und lernen, sie sind gierig danach. Wir haben hier 22-jährige Mädchen, die holen nicht nur ihre Schulbildung nach, sondern auch ihre Kindheit in einer Gemeinschaft ohne Angst. Das macht mich froh. Auch wenn wir in vier Schichten unterrichten müssen, die großen Mädchen von halb sieben bis halb zehn, die kleinen bis halb eins, dann sind die Jungen dran. Die Deutschen bauen ein Schulhaus mit 24 Klassen. Wenn Gott will, wird es vor dem Winter fertig. Sonst müssen wir wieder für zwei Monate schließen. Ich glaube, mit der Zeit kann alles wieder gut werden in diesem Land. Aber ich weiß nicht, was ich tue, wenn jemand den Mädchen das Recht auf Bildung noch einmal wegnimmt.“

Die Schneiderin
Suraya Ahmedi, 38, führt ein florierendes Schneidergeschäft in Masar-i-Scharif

„Ich denke, ich bin ein Erfolg. Vor zehn Jahren war hier nichts. Noch im vergangenen Jahr wollte die Bank mir keinen Kredit für den Ausbau der Schneiderwerkstatt geben, weil ich eine Frau bin. Aber ich wollte das ohne meinen Mann schaffen und habe meinen ganzen Schmuck verkauft, um der Bank zu beweisen, dass ich die ersten Raten bezahlen kann. Das war bitter. In Kursen habe ich Marketing und Management gelernt. Jetzt habe ich zwölf Meisterinnen angestellt, zusammen bilden wir 50 Schülerinnen aus, die ein festes Gehalt bekommen. Manche sind älter als ich. Die höhere Schicht aus Masar-i-Scharif und aus Kabul lässt sich bei mir Abendkleider schneidern für die großen Hochzeitsfeiern. Oder sie bestellen aus dem Ausland, über meinen Internetshop.  Die Kleider sind ganz westlich, mit Spaghettiträgern und tiefem Ausschnitt und Pailletten. Schönheit ist uns wichtig, auch wenn wir sie nur im Frauenraum der Hochzeitshalle zeigen dürfen. Ein großer Teil meiner Träume ist wahr geworden, aber ich fürchte, dass meine Kinder auf der Strecke bleiben, wenn es hier wieder schlechter wird. Viele junge Leute gehen schon ins Ausland. Es gibt keine Investitionen mehr. Wer Geld hat, hält es fest und wartet ab bis nach der Präsidentenwahl im April. Es gibt kein Vertrauen. Die ganze Wirtschaft steht auf Stopp. Dabei wäre es gut, wenn zum Beispiel in Masar eine richtige Textilindustrie aufgebaut würde. Frauen müssen lernen, außer Haus zu arbeiten. Sie sollen nicht immer betteln müssen bei ihren Männern. Manchmal werde ich gefragt, ob ich Frauenrechtlerin bin. Ich bitte Sie! Ich bin Geschäftsfrau.“

Die Betriebswirtin
Somayye Vaezi, 24, aus Herat, lässt sich zur Berufsschullehrerin weiterbilden

„Meine Heimatstadt Herat ist sehr konservativ, da werde ich manchmal angefeindet, weil ich studiere. Meine Familie ist auch sehr konservativ, aber nicht, was Bildung angeht. Meine Brüder sind alle Ingenieure, ich habe Wirtschaft studiert, und jetzt helfen mir meine Eltern, dass ich Berufsschullehrerin werden kann. Für das „Teacher Training“ muss ich immer wieder für drei Wochen nach Kabul. Mein jüngster Bruder muss dann sein Studium unterbrechen und auf mich aufpassen. Frauen dürfen nicht allein reisen. Es stört mich nicht. Nach der Schule gehen wir zusammen shoppen. Wenn ich heirate, muss mein Mann akzeptieren, dass ich arbeite. Keine von uns hier will ohne einen Mann und Kinder leben. Allein zu leben ist schrecklich, eine Familie gehört dazu. In der Wirtschaft könnte ich besser verdienen als an einer Schule. Aber es gibt keine Stellen. Der Staat investiert viel in Bildung, das nehme ich erst einmal mit, bis die Lage besser wird, dann suche ich mir vielleicht eine internationale Firma. Ich sollte mal eine Gruppe aus Kandahar unterrichten, 40 Männer, die haben sich geweigert, mich zu akzeptieren. Nach sechs Tagen sind sie aufgestanden und haben mich gelobt. Es war toll. Männer brauchen Zeit, um zu verstehen, dass wir jetzt anders sind und dass wir etwas zu sagen haben. Es geht nicht alles auf einmal.“

Die Juristin
Fatima Farahman, 22, studiert Jura an der Universität von Balch und ist Mitglied im „Female Lawyers Network“

„Ich wollte unbedingt Jura studieren. An der Uni konnte ich wählen zwischen dem allgemeinen, parlamentarischen Recht und dem islamischen Recht. Beide zusammen machen das afghanische Rechtssystem aus. Ich habe mich für die Scharia entschieden. Ich weiß, im Westen denkt ihr, dass die Scharia die Frauen unterdrückt. Aber das stimmt nicht. Die Taliban haben das islamische Recht missbraucht und falsch benutzt. Jetzt holen wir uns die Scharia zurück, sie ist auch unser Gesetz. Wir Jungen kämpfen wie ihr um Gleichstellung, aber innerhalb unserer Kultur. Die meisten Frauen kennen ihre Rechte gar nicht. Der Rechtsstaat ist hier noch nicht so entwickelt, da wollen wir Einfluss nehmen. Wir lassen nicht zu, dass nur Männer das gestalten! Ich bin dankbar, dass die Ausländer nach Afghanistan gekommen sind. Aber wenn sie jetzt gehen, stecken wir alle wieder in Burkas. Dann kommen die Taliban zurück. Jeder weiß das. Ich habe oft Angst davor. Aber manchmal denke ich: Wir wissen jetzt mehr. Vielleicht können wir uns wehren. Wenn alles gut geht, werde ich Diplomatin. Dann sehe ich die Welt – und stehe für mein Land.“

Am heutigen Donnerstag beginnt die Loya Dschirga, Afghanistans traditionelle Volksversammlung, die laut Verfassung in „überlebenswichtigen Situationen“ zusammentritt. 3000 Stammesälteste und Parlamentarier, Mullahs und Bürgerrechtler beraten über ein Sicherheitsabkommen mit den USA – darüber, wie viele US-Soldaten unter welchen Bedingungen auch nach 2014 im Land bleiben. Vom Ergebnis hängt auch ab, ob Berlin seine Mission verlängert.
Deutsche Diplomaten in Kabul rechnen fest mit einer Einigung. Die Fundamentalisten indes wollen alles tun, um sie zu verhindern. Am Sonntag explodierte eine Bombe am Versammlungsort der Loya Dschirga im Westen Kabuls. Zehn Menschen wurden getötet. Die Talibanführung hat sich zu dem Anschlag bekannt.

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