Hemmoor. Er schloss nicht aus, dass sich die beiden Niederländer in Tiefen begaben, die ihnen zum Verhängnis geworden sind. Die Leichen der 54 und 59 Jahre alten Männer werden nicht obduziert.
Seit 2000 sind nun zehn Taucher dort ums Leben gekommen. Der 33 Hektar große Kreidesee, mit rund 30 000 Tauchern jährlich eines der beliebtesten deutschen Unterwasserreviere und für örtlichen Tourismus von großer Bedeutung, steht weiterhin im Ruf, gefährliches Terrain zu sein. Taucher sagen: anspruchsvoll. Dass es aber am See nicht liegt, darin sind sich in Hemmoor und Umgebung alle einig.
Wie es am Sonnabend unter der spiegelglatten Wasseroberfläche zu dem tödlichen Drama kommen konnte, ist auch am Dienstag nicht aufgeklärt worden. Sechs Niederländer zahlten jeweils zehn Euro für eine Tageskarte, sie stiegen an einem warmen und sonnigen Herbsttag in den See, alle erfahrene Taucher, einer der ertrunkenen Männer war Tauchlehrer. Bald ging es unter Wasser um Leben oder Tod: Zwei Männer retteten sich mit einem schnellen Notaufstieg, zwei Landsleute gelangten ohne Komplikationen an die Luft. Am Sonntag fanden Rettungstaucher die zwei Verunglückten. Ob ihre Ausrüstung Mängel hatte, ob sie zu tief tauchten und in Panik gerieten, ob eine Ursache die andere nach sich zog – Polizeisprecherin Anke Rieken wollte dazu nichts sagen. Die Tauchgeräte würden untersucht und Gespräche mit den Überlebenden ausgewertet. Sie sind bereits in ihre Heimat abgereist.
Günther Zabka, Taucharzt in Hemmoor, redet über Unglücke wie dieses sehr nüchtern. Er hat etliche Unfallopfer behandelt und erzählt, was in der Tiefe droht. „In 50 oder 60 Metern kann es zu einem Tiefenrausch kommen. Tauchern wird schwindlig, sie können ihre Situation nicht richtig einschätzen, im schlimmsten Fall kommt es zu einer Panik. Dann vergessen sie alles, was sie gelernt haben.“ Es ist dunkler und kälter dort unten, Taucher verbrauchen mehr Luft, die Ventile der Atemgeräte können wegen hohen Wasserdrucks vereisen. Taucher haben sich schon unter Wasser in vermeintlicher Luftnot das lebensnotwendige Mundstück aus dem Mund gerissen. Im Kreidesee ist es Pflicht, einen zweiten Atemregler zu tragen. Ob der See zu gefährlich sei? „Nein“, sagt Zabka, „jedes Jahr gibt es hier mindestens 100 000 Tauchgänge. Aber nach jedem Unfall ist das Geschrei groß.“
Betreiber der Tauchbasis ist Holger Schmoldt, 45 Jahre alt und früher zwölf Jahre lang professioneller Taucher bei der Polizei. Er ist zugleich Präsident des Verbandes internationaler Sporttaucher mit Sitz in Hemdingen bei Pinneberg. Gestern war Schmoldt auf Geschäftsreise in Bayern, zu dem Unglück will er sich nicht äußern und verwies auf die Polizei. Dort nimmt man ihn von jeder Schuld aus. Sprecherin Rieken lobte sogar „hohe Sicherheitsstandards“. Wer tauchen will im Kreidesee, muss laut Betreiber Belege über Gesundheitszustand und Taucherausbildung vorlegen. Zudem werde stichprobenartig etwa jede fünfte Ausrüstung auf ihren Zustand geprüft, und jeder Taucher dürfe nur in Tiefen hinabsteigen, die seinem Ausbildungsstand entsprächen. Anke Rieken sagte, für schärfere Auflagen gebe es keinen Grund. Am Ende sei der Tod wohl ein tragischer Unglücksfall gewesen.
Weil vier Männer gleichzeitig in Not gerieten, gilt in Hemmoor eine Vereisung der Atemgeräte jedoch mittlerweile als wahrscheinlichste Ursache.
Gunnar Menkens
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