Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Panorama Fritten sollen Welkulturerbe werden
Nachrichten Panorama Fritten sollen Welkulturerbe werden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:38 08.08.2014
Belgien will seine Fritten als Unesco-Weltkulturerbe. Quelle: dpa
Anzeige
Brüssel

Entschlossen pikst Alain Meersseman mit seinem blauen Plastikgäbelchen in die Pommestüte. Dann begutachtet er seine fettige Beute als wäre sie ein Kunstwerk. „Gelb, und ein kleines bisschen golden“, sagt er, wie für einen Werbespot. Meersseman sitzt auf einer Bank auf dem Place Jourdan in Brüssel, um ihn herum stöbern Tauben nach Kartoffelresten.

Neben Bier und Schokolade sind Pommes das kulinarische Aushängeschild Belgiens. Die sonst eher uneitlen Belgier lieben ihre frittierten Kartoffelstäbchen. Jede Unstimmigkeit zwischen den niederländischsprachigen Flamen und den Französisch sprechenden Wallonen findet an der Pommesbude ihr Ende. „96 Prozent der Belgier gehen laut einer Umfrage mindestens einmal im Jahr zur Frittenbude, 46 Prozent mindestens ein Mal pro Woche“, sagt Bernard Lefèvre, der Chef des belgischen Pommesherstellerverbands Navefri-Unafri.

Im Gegensatz zum den meisten anderen Völkern genießen die Belgier ihre Fritten meist nicht als Beilage, sondern als Hauptgericht. Pur, mit einem Klecks Soße. Kein belgischer Marktplatz ohne Pommesbude. Nach UNAFRI-Angaben gibt es davon rund 5000 im Land, die Flamen nennen sie „Frietkot“, die Walloner „Frietkot“.

Besonders bekannt ist das „Maison Antoine“ in Brüssel. Die leicht heruntergekommen wirkende Hütte im Europaviertel gilt als eine der besten Pommesbuden Belgiens, ja gar der Welt. Seit 1948 frittiert der Betrieb zerhackte Kartoffeln. In dritter Generation, sieben Tage die Woche.

Dominique Bonnier rührt mit seiner Kelle durch den Kessel mit kochendem Rinderfett, der Dampf steigt ihm ins Gesicht. „Belgische Pommes werden zweimal frittiert“, erklärt er. Einmal zehn Minuten bei etwa 130 Grad, um sie innen weich zu bekommen. Dann kurz bei rund 150 Grad, damit sie außen schön knusprig werden. Bonnier hat das im Gefühl. Seit 14 Jahren macht er das schon im „Maison“.

300 Kilo Pommes bringen sie hier täglich unters Volk, am Wochenende mehr. Statt Rot-Weiß gibt es eine Auswahl an 29 Soßen, von tomatiger Andalouse bis zur hausgemachten Sauce Tartare. „Das ist eine echte Mahlzeit, keine Beilage“, stellt Frittenkoch Bonnier klar. Vor allem am Abend bilden sich lange Schlangen von Touristen, EU-Beamten, von Flamen und Wallonen an den Theken.

Auch beim ewigen Streit mit den Franzosen über die Urheberschaft der Fritten sind sich die Belgier ungewohnt einig. „Ich bin Belgier - natürlich sind Pommes belgisch“, sagt Bonnier, fast ein wenig entrüstet über die Frage. „Wären Fritten französisch, gäbe es wohl seit langem ein Frittenforschungsmuseum in Paris“, scherzt auch Verbandschef Lefèvre.

Der Pommesverbandschef träumt vom Unesco-Weltkulturerbe und wirbt dafür um Unterstützung. „Viele Städte wollten Pommesbuden noch vor ein paar Jahren abschaffen, weil sie nicht als hübsch betrachtet wurden. Wir sollten aber stolz sein darauf.“ Die Flamen habe er bereits überzeugt, sagt er. Jetzt wolle er den Vorschlag auch in der Wallonie und in der Brüsseler Region einbringen. „Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass die Fritten das Land einen. Aber es ist wahr: Keiner behauptet, dass Pommes flämisch oder wallonisch oder aus Brüssel sind. Sie sind belgisch - wie Schokolade und Bier. Pommes sind eine Art Heimat-Geschmack.“

Ein Stück Heimat ist für viele Belgier auch die „Maison Antoine“. „Ich hab sie alle probiert“, sagt Kunde Alain Meersseman vor der berühmten Pommesbude. Der 47-Jährige ist sich sicher: „Das sind die besten Fritten.“ Er ist Wallone. Neben ihm auf der Bank sitzt seine Frau Xenia. Sie ist Flämin. Beide graben mit den Fingern in ihren Papiertüten. Meersseman lächelt: „Wenn die Belgier zusammen Pommes essen, reden sie nicht über Politik.“

dpa

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Erst langsam, dann immer schneller hat sich die Ebola-Epidemie seit Dezember aufgebaut. Mit keiner der bisherigen Maßnahmen war sie zu stoppen. Mit der Einstufung als Internationaler Gesundheitsnotfall können nun, zentral gesteuert, neue Anordnungen greifen.

08.08.2014
Panorama Mit dem Sitzroller in die Kurve - Wie Erwachsene das Radeln lernen

Die Hände an den Lenker, den Blick nach vorn: Radfahren sieht kinderleicht aus. Doch hunderttausende Erwachsene in Deutschland können nicht radeln. Ein Berliner hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht.

08.08.2014

Ein Zähne putzender Rentner aus Bad Saulgau in Baden-Württemberg hat einen Großeinsatz ausgelöst. Notarzt, Feuerwehr und Polizei waren am Mittwoch ausgerückt, nachdem der Mann von einem Stromschlag berichtete. Vor Ort stellte sich heraus, dass er nur an den Anschaltknopf seiner elektrischen Zahnbürste gekommen war.

07.08.2014
Anzeige