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Panorama Germanischer Brauch feiert in Niedersachsen eine Renaissance
Nachrichten Panorama Germanischer Brauch feiert in Niedersachsen eine Renaissance
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21:23 30.12.2009
Die Jugend setzt die Tradition fort: Jonas (links) und Dana mit ihren Middewinterhörnern am Mühlenteich in Wilsum. Quelle: Meppelink

Eine dünne Eisdecke überzieht den Mühlenteich von Wilsum. Menschen in dicken Jacken stampfen feste mit den Füßen im Schnee auf. Es ist kalt an diesem Abend in dem kleinen Dorf in der Niedergrafschaft. Trotzdem sind mehr als hundert Leute auf dem Wall rund um den Teich versammelt. Fackeln, die im Boden stecken, spenden schummriges Licht. Ein seltsames Tuten, vier oder fünf lang gezogene Töne, schallt über den weißen Teich. Dann, nach einer kurzen Pause, schallt es vom gegenüberliegenden Ufer zurück: Es ist die Zeit des Middewinterhornblasens in der Niedergrafschaft, dicht an der Grenze zu den Niederlanden. Wie in Wilsum treffen sich in diesen Tagen Männer – und auch einige wenige Frauen – aus den verschiedenen Dörfern, um auf den alten Holzhörnern zu blasen. So, wie es die Leute in dieser Gegend schon vor vielen Tausend Jahren gemacht haben.

Schon in germanischer Zeit sollen sich die Menschen zwischen den Bauernhöfen mit solchen Holzhörnern verständigt haben. Bei Feuer und anderen Notlagen konnte so Hilfe gerufen werden, auch die bösen Geister wurden mit den Rufen der Hörner vertrieben. Zwier Lübbermann legt Wert darauf, dass die Hörner „nicht als Musikinstrument missbraucht“ werden. Da jedes von ihnen von Natur aus anders klingt, ist an ein melodisches Spiel in der Gruppe sowieso nicht zu denken. An Silvester spielen die Menschen beiderseits der Grenze die Holzhörner vom ersten Advent bis zum Dreikönigstag am 6. Januar. Aus dem Rufhorn der heidnischen Germanen ist ein Instrument zur Ankündigung des christlichen Gottes in der Weihnachtskrippe geworden.

Wenige Stunden vor dem Treffen der Hornbläser am Mühlenteich zieht sich Zwier Lübbermann in die Werkstatt einer alten Scheune zurück. Dort hat der Heimatverein von Wilsum Maschinen und Werkzeuge der einstigen Handwerker des Dorfes aufgestellt. Der 69-jährige Lübbermann – sein Vorname Zwier ist in der Niedergrafschaft häufig zu finden – macht sich für den Abend bereit: dunkle Arbeitshose, blau-weiß gestreiftes Kittelhemd, Weste und schwarze Jacke und natürlich die Holzschuhe. An der flachen Mütze steckt eine kleine Miniaturabbildung des Middewinterhorns. 1991 haben sie hier in Wilsum das Hornblasen wiederentdeckt, berichtet Lübbermann. Damals renovierte der Heimatverein das Gelände rund um den Teich mit Wassermühle und Müllerhaus, das sich heute wie ein kleines Freilichtmuseum präsentiert. Zwier Lübbermann hatten es aber vor allem die alten Hörner angetan.

ittlerweile hat der gelernte Fleischer schon mehrere dieser eigenartigen Holzinstrumente gebaut, die ein wenig wie die kleineren Brüder der berühmteren Alphörner aussehen.
In der Werkstatt zeigt Lübbermann seine Werkstücke. Middewinterhörner werden aus kleinen, gebogenen Baumstämmen gefertigt. Der Hornbläser findet sie in den Wäldern rund um Wilsum. Erle, Birke, aber auch Lärche sind geeignet. Die Stämme werden längs durchgeschnitten und beide Hälften vorsichtig in Handarbeit ausgehöhlt. Anschließend fügt der Hornbauer die Teile wieder mit Leim und Bindern zusammen. Ein Mundstück aus Holunderholz vervollständigt das Rufhorn.

Jetzt im Winter ziehen die Hornbläser aus den Dörfern bei ihren organisierten Wanderschaften von Hof zu Hof. Lübbermann kann die Herkunft der Bläser aus den verschiedenen Orten beiderseits der deutsch-niederländischen Grenze schon an der Tonfolge erkennen. Auch an diesem Abend sind Gäste aus dem Nachbarland dabei. Etwa 30 Hornbläser haben sich rund um den Mühlenteich versammelt Zwier Lübbermann hat seine ältestes Horn dabei, „immer noch meine Stradivari“, sagt er. Im Licht einer Fackel setzt er das Horn an den Mund und bläst. Lange schallt sein Ton über den Teich. „Een weemoedigen Klang“, nennt er es selbst. Und etwas Wehmut klingt tatsächlich mit. Dann treibt auch Lübbermann der kalte Ostwind in die warme Scheune. Dort hat der Heimatverein mit seinen Helfern für die Bläser und ihrer Bewunderer heißen Glühwein und warme Würstchen vorbereitet.

Von Bernhard Remmers

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