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"Wegsehen wäre die schlimmste Entwürdigung"

Plädoyer für das Zeigen von Schreckensbildern "Wegsehen wäre die schlimmste Entwürdigung"

Warum wir die Seelenruhe der Leser stören müssen: Ein Plädoyer der Fotografin Heike Rost für das Zeigen von Schreckensbildern.

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Heike Rost ist freie Fotografin und Mitglied des Deutschen Presserats.

Quelle: privat

Das Bild eines ertrunkenen syrischen Kindes an Küste der Ägäis. Leichen erstickter Menschen in einem Lastwagen an der österreichischen Grenze. Bilder, die seit ihrer Veröffentlichung heftig diskutiert werden. Sie zeigen Unerträgliches. Wir leben hierzulande auf einer Insel der Glückseligen, befreit von Krieg und Bedrohung. Jetzt brechen Leid, Schmerz und Tod in diese heile Welt. Und viele reagieren instinktiv: Ich will das nicht sehen! Weil es Angst macht und Tabus sprengt, sich nicht wegschieben oder ungeschehen machen lässt. Argumente ethischen Denkens und Handels in der Diskussion um die Fotos klingen bisweilen seltsam hohl. Dafür sind diese Bilder zu furchtbar.

Müssen Seelenruhe von Lesern stören

Man muss sie dennoch zeigen, diese Momente. Es gehört zur Aufgabe von Journalismus, die Seelenruhe von Lesern zu stören. Unbequem ist das und schwer erträglich; auch für Journalisten. Es bedarf sorgfältiger Abwägung, großen Fingerspitzengefühls, notwendiger Informationen und möglichst genauer Überprüfung der Quellen in jedem einzelnen Fall: Die Bilder der Toten aus dem Lastwagen, die Fotos der ertrunkenen Kinder stammen offenbar von Helfern und Einsatzkräften. Diese versuchen oft vergeblich, Leben zu retten und überschreiten ihre Grenzen von Kraft und Vorstellungsvermögen.

Darf man dennoch zeigen, was so sehr Grenzüberschreitung ist? 


Berichterstattung über furchtbares Geschehen und Propaganda, beispielsweise aus dem Fundus von IS/ISIL, ist notwendig. Dazu gehört neben aller Differenzierung und intensiven Überlegung auch ein angemessenes Umfeld, eines, das ohne boulevardeske Gewohnheiten von Klickstrecken über Sensationslüsternheit bis marktschreierische Getösigkeit auskommt. Und intensive Diskussionen in Redaktionen sind nötig, ein gemeinsames Ringen um Positionen und eine klare, journalistische Haltung. Letztere zu finden und zu leben, geht nicht ohne Zweifel am eigenen Tun, ohne permanente Fragestellung und Perspektivwechsel. Schon gar nicht ohne das Wissen: 'richtig' oder 'falsch' lässt sich weder definieren noch klar von einander abgrenzen in dieser Gratwanderung der journalistischen Haltung. Es gibt keine einfachen oder gar allgemeingültigen Lösungen dafür.

Bilder sind hochemotional - und bewegen

Die Geschichte des Journalismus belegt immer wieder, vom Vietnam-Krieg über 9/11 und den Boston-Marathon bis zu den Erdbeben von Haiti und Japan: Es waren Bilder, die Menschen zutiefst berührten. Und zu Veränderung und Handeln bewogen. Auch wenn es ein griffiges, oft geäußertes Argument ist: Es sind nicht immer die Bilder, die den Opfern ihre Würde nehmen. Menschen sind keine abstrakte Zahl in einer ebenso abstrakten Statistik des Todes, sie dürfen es nicht sein. Entwürdigend ist die Distanz, die in der anonymen Abstraktion der Opferzahlen liegt. Und viel entwürdigender noch ist, was Menschen in ihren Heimatländern erleiden müssen, in Afghanistan, Libyen, im Libanon oder in Syrien. Sie lassen alles hinter sich, um anderswo Frieden und Sicherheit zu finden, nehmen tödliche Risiken auf sich in ihrer Verzweiflung - und bezahlen ihren Weg in Frieden und Freiheit mit dem Leben. Wir dürfen diese furchtbaren Bilder nicht wegschieben und ihre Vorgeschichte vergessen.



Wegsehen bewegt nichts. Und für die Opfer dieser Kriege und Katastrophen wäre genau das die wohl schlimmste Entwürdigung.

Die freie Fotografin Heike Rost ist seit 2002 Mitglied des Deutschen Presserats. Sie veröffentlichte den Beitrag auf dem Portal des Mediendienstes kress.de

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