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Panorama Hunderttausende feiern CSD und Ehe für alle
Nachrichten Panorama Hunderttausende feiern CSD und Ehe für alle
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19:56 23.07.2017
Feiern für Toleranz und Verständigung: Eine Teilnehmerin des Christopher Street Day (CSD) am Großen Stern in Berlin. Quelle: dpa
Berlin

Eine überflutete Straße, ein Einhorn-Schwimmreifen und darin eine fröhliche Drag-Queen: Auch ein zwischenzeitlicher Wolkenbruch hat am Ende dem Berliner Christopher Street Day nichts anhaben können. Bis spät in die Nacht hinein feierten am Sonnabend Tausende Menschen in der Hauptstadt – und dabei vor allem die Ehe für alle. Der bunte Freuden- und Protestzug führte vom Kurfürstendamm zum Brandenburger Tor, wo das Abschlussfest stattfand. Knapp 60 Wagen waren dabei, Zehntausende Menschen säumten die Straßen.

Viel Glitter war entlang der Feiermeile zwischen Kurfürstendamm und Großem Stern zu sehen. Quelle: imago/epd

Zum Auftakt der 39. Parade der Schwulen, Lesben, Bi-, Trans- und Intersexuellen am Sonnabend in der Hauptstadt schallt es bei zunächst drückender Hitze aus den Lautsprechern: „We are the beautiful ones“ (Wir sind die Schönen). Dragqueens, Fetischisten und unzählige Verkleidete laufen und tanzen gut gelaunt. Motto: „Mehr von uns – jede Stimme gegen Rechts“.

„We are the beutiful ones“: wir sind die Schönen – so hallte es zu Beginn des Zuges durch die Straße. Ganz vorn dabei: Annemieke und Beatrix. Quelle: imago

Die Regenschauer und Gewitter, die am Nachmittag über Berlin hinwegziehen, nehmen die Menschen mit Humor: „It's raining men“, schreibt ein Nutzer auf Twitter als Anspielung auf den Hit der Weather Girls. Mehrere hoffen auf einen echten Regenbogen.

Regen – na und? Auf die kräftigen Güsse hatten die CSD-Teilnehmer nur eine Antwort: „It’s raining men“. Quelle: imago/Müller-Stauffenberg

Indes tragen Google-Mitarbeiter beim Umzug einen großen Regenbogen aus Luftballons. Viele große Unternehmen sind mit eigenen Wagen vertreten. Am Rande des Umzugs fährt ein verkleideter Roboter der Berliner Stadtreinigung auf und ab – mit Peitsche in der Hand und Lederriemen am orangefarbenen Körper begeistert „Reimer“ viele Zuschauer.

Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur unpassende Kleidung. Quelle: dpa

Ein paar Jugendliche aus Magdeburg offerieren freie Umarmungen und führen darüber Strichlisten. Wer am Ende am wenigsten Menschen umarmt habe, müsse die Pizza für alle bezahlen, erzählt die 15-jährige Franziska. „Wir sind hier, weil wir alle nicht heterosexuell sind“, sagt sie. „Es geht darum, in der Schule nicht dumm angeguckt zu werden, nur weil man bisexuell ist.“ Mehr Akzeptanz sei das Ziel.

Großes Thema war die Ehe für alle. Hier auch auf dem Truck der Berliner Kirchenkreise, der unter dem Motto „Trau Dich““ am CSD. teilnahm. Quelle: epd

„Wir feiern heute die Ehe für alle“, sagt Patrick Raap. Der 44-Jährige ist mit Freunden extra aus Hamburg zum Berliner CSD gekommen. „Im nächsten Jahr will ich meinen Partner heiraten“, erzählt er. Mit der historischen Bundestagsentscheidung zur Öffnung der Ehe hierzulande sei es Zeit, den Blick zu weiten, findet Raap: „Die Politik sollte sich einsetzen für Schwule und Lesben in Ländern, wo deren Rechte unterdrückt werden.“ Erst am Vortag hatte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Gesetz zur Ehe auch für Homosexuelle unterzeichnet. Voraussichtlich Anfang Oktober soll es soweit sein: Auch Lesben und Schwulen dürfen dann in Deutschland heiraten und damit ebenfalls Kinder adoptieren.

Bei allem Grund zum Feiern werden auf den rund 60 Wagen des Umzugs immer wieder sehr ernste Themen aufgerufen. So fordert etwa die Aids-Hilfe kostenfreie Gesundheitschecks. Der CSD erinnert ja traditionell an Vorfälle um den 28. Juni 1969 in New York: Nach einer Polizeirazzia in der Bar „Stonewall Inn“ kam es zum Aufstand von Schwulen, Lesben und Transsexuellen mit Straßenschlachten in der Christopher Street.

Volker Beck, einer der Väter der Ehe für alle, läuft am Kopf des CSD auf dem Kurfürstendamm. Quelle: imago/Emmanuele Contini

Auch Politiker laufen bei der Parade mit. „Die Phase der Toleranz ist vorbei. Jetzt kann die Epoche der Akzeptanz beginnen“, erklärt der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck mit Blick auf die Ehe für alle. Aber es müsse weitergekämpft werden: „Weg mit dem Transsexuellengesetz, her mit einem Selbstbestimmungsgesetz, das entwürdigender Gutachteritis und Schikanen ein Ende setzt.“ Es gab für die queere Community am Samstag neben der Ehe für alle noch einen Grund zu feiern. Auch das Gesetz zur Rehabilitierung von Menschen, die nach 1945 noch für ihre Homosexualität juristisch verurteilt wurden, trat an dem Tag in Kraft.

Von RND/dpa