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ICE-Strecke von Hannover nach Berlin ist bald saniert
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Endspurt mit Tempo 0,25 ICE-Strecke von Hannover nach Berlin ist bald saniert

Endspurt mit Tempo 0,25: Die ICE-Strecke nach Berlin ist bald saniert. Seit dem 11. April wird die Trasse von Hannover modernisiert. Die Betonschwellen liegen zwar erst 15 Jahre im Granitsteinbett, sind aber bereits marode.

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Der Automat gibt den Takt vor: In kurzer Folge lässt der Reparaturzug bei Leiferde frische Schwellen ins Schotterbett fallen.

Quelle: Rainer Surrey

Leiferde. Mit einem kraftvollen Knick ist der Stiel des Wiesenkerbels gebrochen. Ingo Wilde steckt sich die tennisballgroße weiße Blüte an den Tragegurt seines Funkgeräts. „Hübsch, nicht?“, sagt der Gleisbauarbeiter und lacht. Minuten später wäre die Wildpflanze, die sich mühsam durch den groben Schotter des Bahndamms ans Licht gekämpft hatte, ohnehin niedergepflügt worden: PK 2 heißt im spröden Konstrukteursdeutsch der Koloss, dessen stählerne Klauen sich tief in den Schotter graben, ihn aufwerfen, Gleise über Rollen hinweg anheben und abspreizen, alte Bahnschwellen herausreißen und nur Sekunden später neue ins Gleisbett fallen lassen. Rund 280 Meter Länge misst der Bahnbauroboter, weitere 300 Meter Waggons mit neuen Schwellen schiebt er vor sich her. Wo früher eine Rotte Gleisarbeiter, etwa 100 Mann, mit Schaufel und Brechstange schuftete, reichen heute 25 Arbeiter, die mit Knöpfen und Hebeln den Herkules steuern.

Jetzt hat der Bautrupp die Landesgrenze passiert und ist am Dienstag in Leiferde bei Gifhorn angekommen. Seit dem 11. April wird die ICE-Trasse Hannover – Berlin modernisiert. Die Betonschwellen liegen zwar erst 15 Jahre im Granitsteinbett, sind aber bereits marode. „Falsche Mischung, schlechte Qualität“, erklärt Bauleiter Jan-Willem Jahn knapp. Pech für die Bahn, denn der Hersteller, eine ostdeutsche Firma, ist längst bankrott. So müssen 130.000 Schwellen zwischen Hannover und der Bundeshauptstadt ausgetauscht werden. 186 Kilometer Schiene und 30 Weichen kommen noch dazu, doch bei Leiferde sind es nur die Schwellen.

Steffen Ebert geht dem Schienengiganten hinterher. Er führt einen knatternden, weil benzingetriebenen Schraubendreher, mit dem er die Gleise mit den Schwellen verbindet. Nur eine Armeslänge von ihm entfernt rauschen ein ICE und etwas später ein Güterzug auf dem Nachbargleis vorbei. Ebert bringt der heftige Fahrtwind nicht aus der Ruhe. Maurer und Gleisbauer hat der 59-Jährige gelernt; seit 35 Jahren repariert er Gleise. „Und ich bin mehr gewöhnt als die Jugend“, sagt er in breitem Sächsisch. Auch viele andere Kollegen kommen aus Dresden oder Leipzig. So wie Mario Werner, der mit einem hochbeinigen Kran auf Schienen an den Zugseiten hin- und herfährt, den kettengetriebenen Schlund mit frischen Schwellen füttert und die verwitterten Exemplare abfährt. Richard Tusty ist sogar in der Tschechischen Republik zu Hause. „Ich liebe alles, was mit Beton und Eisen zu tun hat“, scherzt er. Mitunter leidet die Liebe – immer dann, wenn er eine gebrochene und immerhin 320 Kilo schwere Schwelle vom Reparaturzug herunter werfen muss. Viel anstrengender sei aber die Konzentration, meint Tusty. Der Zug ruckt unerbittlich vorwärts. Wie an einem Fließband müssen die Männer seinem gleichförmigen Sog folgen – zwölf Stunden je Schicht.

Heute werden Ebert, Tusty, Wilde und all die anderen Kollegen vom Baukonzern Strabag im Bahnhof Meinersen ankommen. Rund sechs Kilometer Schwellen haben sie dann verlegt, oder, anders gerechnet, etwa 10.000 Stück eingebettet. Sie werden sich weiter bis Lehrte vorarbeiten. Und später dann, so Bauleiter Jahn, vielleicht irgendwo fern der Heimat eingesetzt: „Die PK 2 ist teuer, davon gibt es in Europa nur 15 Exemplare. Einsätze bis hin nach Norwegen oder Ungarn sind daher normal.“

Etwa 250 Meter pro Stunde legt der Bauzug zurück; mitunter begleitet von Spaziergängern. Andere werden bald mit Tempo 250 unterwegs sein: Am 27. August sind die Bauarbeiten abgeschlossen. Dann rast der ICE wieder in einer Stunde und 36 Minuten von Hannover nach Berlin.

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HAZ-Redakteur/in Alexander Dahl

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