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Panorama Identität geht durch den Magen: Tim Mälzer im Interview
Nachrichten Panorama Identität geht durch den Magen: Tim Mälzer im Interview
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16:00 10.11.2018
Hat kein Problem damit, wenn man ihn einen „Mainstream-Koch“ nennt: Tim Mälzer will so viele Menschen wie möglich erreichen. Quelle: Philipp Rathmer

Herr Mälzer, in Ihrem neuen Kochbuch „Neue Heimat“ erklären Sie Essen zum Teil unserer Identität. Warum?

Die ersten prägenden Erinnerungen unseres Lebens verbinden wir mit unserer Familie. Dazu gehört auch die Konfrontation mit kulinarischen Begebenheiten. Damit ist Essen für uns stark prägend. Und Essen ist etwas, das andere mit unserem Land verbinden. Wenn du als Deutscher im Urlaub bist und jemand merkt, wo du herkommst, dann sprechen die Leute zuerst über unsere Autos – und dann gleich über das Essen.

Nur, dass sie mit uns fast ausschließlich Weißwurst verbinden.

Ja, wir stehen eher in der Kraut-Wurst-Ecke. Aber die Italiener sind ja auch nur Pizza und Pasta, die Japaner nur Sushi. Das ist genauso Quatsch.

Sie attestieren Essen, Gemeinschaft zu stiften und Fremde zu verbinden.

So ist es. Wenn wir früher überlegt haben, wohin wir abends ausgehen, ging es stundenlang hin und her, bevor man sich geeinigt hat. Wenn ich aber gefragt habe, ob die anderen zum Essen vorbeikommen, waren sich alle einig. Beim Essen kommen die unterschiedlichsten Charaktere zusammen und nehmen sich Zeit füreinander. Auch bei Familienessen: Da sitzen Oma, Opa, Eltern, Kinder, Tanten, Onkel zusammen. Unterschiedliche Generationen mit unterschiedlichen Meinungen, Geschlechtern und Charakteren.

Das klingt alles so gut. In Wirklichkeit nehmen sich immer weniger Menschen die Zeit, zusammen zu essen.

Das finde ich gar nicht. Das Essen ist nur außerhäuslicher geworden. Früher war Essengehen etwas Besonderes. Heute gehen die Menschen in der Mittagspause zusammen essen oder treffen sich in der Kantine. Die 24/7-Entwicklung und die Veränderung der Familienformen haben den familiären Umgang mit Essen verändert. Aber wir kommen nicht seltener zum Essen zusammen als früher. Nur ist es längst nicht mehr nur das klassische Essen mit der Familie am heimischen Tisch.

Also müssten nur alle ein wenig mehr miteinander essen und die Welt hätte ein paar Probleme weniger?

Ich glaube ja. Ich habe zusammen mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium und der Bertelsmann Stiftung ein Projekt initiiert, bei dem wir Klassenräume zu Küchen umgebaut haben. Die erste Schule war in Berlin, in einem Bezirk mit vielen Muslimen. Vorher gelang es nie, die Eltern in die Schule zu lotsen und ins Gespräch zu bringen. Dann hat der Klassenlehrer das Elterntreffen in die Küche verlegt und jeder Elternteil hat etwas Landestypisches zubereitet. Plötzlich kamen alle zusammen und ins Gespräch. Essen ist etwas, das uns alle verbindet. Zudem glaube ich, am Esstisch wird verbindlicher gestritten. Da kann man nicht einfach weggehen.

„Essen ist etwas, das uns alle verbindet“; davon ist Tim Mälzer überzeugt. Quelle: Frank Meyer

Also besser streiten durch gemeinsames Essen?

Sagen wir eher: besser diskutieren. In einer anderen Schule in Bremen haben wir das gemeinsame Frühstück eingeführt, eigentlich für bessere Konzentration und effizienteres Lernen. Aber nach der Einführung sind auch die körperlichen Auseinandersetzungen an der Schule rapide zurückgegangen. Auch hier hat man gesehen: Essen verbindet. Wie viel ertragreicher wären Treffen von Staatsoberhäuptern, würden sie einfach zusammen essen gehen?

Das tun sie doch meistens.

Aber eben immer das gleiche Spitzenessen, das einem strengen Protokoll folgt. Warum sagt man nicht, man bekennt sich zum Regionalen und lässt allen Schnickschnack weg? Erst die offiziellen Verhandlungen, dann alle zusammen aufs Oktoberfest. Was glaubst du, was da am Ende rauskäme? Das wäre vermutlich was ganz anderes.

Mal was ganz anderes: Ich habe gehört, Sie essen gern Dosenravioli. Ist da was dran?

Das stimmt teilweise. Es ist nicht so, dass ich die regelmäßig esse. Aber manchmal, ich weiß nicht warum, packt mich der Heißhunger danach. Und dann muss es eben genau diese Dose sein. Ich meine: Da ist nichts Gutes dran. Die Dinger sind labbrig und kein Mensch kann sagen, was da genau drinsteckt. Aber manchmal muss es eben genau dieser Geschmack sein.

Sie machen immer wieder Werbung damit, die Küche für jedermann zu bieten. Eine Zeitung nennt sie Mainstream-Koch. Sind Sie das?

Ja, das bin ich. Und es ist wichtig, das zu sein. Ich finde Durchschnitt gut. Ich finde Normalität gut. Klar mag ich auch das, was darüber hinausgeht. Aber was wollen die Leute mit dem ganzen elitären Zeug anfangen? Man hat mich gerade auch den Dieter Bohlen der Küche genannt. Das ist nichts Negatives.

Wirklich nicht?

Kritiker, die sich sehr mit einer Materie auseinandergesetzt haben, finden Normalität auf einmal schlecht. Beim Kochen wie in der Musik. Dann nennen sie die Musik von Dieter Bohlen dumm. Aber wenn es so vielen Leuten gut gefällt, vielleicht sind ja dann die Leute, die darüber richten, dumm. Mit dem, was ich mache, komme ich nicht ins Feuilleton. Aber das Feuilleton braucht Menschen wie mich, damit es sich über sie erheben kann (lacht).

Küche, ganz einfach: Das neue Buch von Koch Tim Mälzer heißt „Neue Heimat. Kochbuch“ (Mosaik-Verlag). Quelle: Matthias Haupt

Von RND

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