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Ikea tilgt Lesbenstory für Moskau

Selbstzensur Ikea tilgt Lesbenstory für Moskau

Mutter, Mutter, Kind: In seinem aktuellen Kundenmagazin wirbt Ikea mit einer Story von einem lesbischen Paar und ihrem Kind. In der russischen Ausgabe von „Ikea Family“ zensiert sich das schwedische Möbelhaus hingegen selbst – und erntet harsche Kritik in den sozialen Netzwerken.

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„Alle Menschen sind willkommen“, sagt Ikea. In der Werbung passt sich das schwedische Möbelhaus inzwischen aber den Vorurteilen von Ländern wie Russland und Saudi-Arabien an.

Quelle: dpa

Hannover. Clara und Kirsty leben mit Söhnchen Isaac im Haus von Claras Mutter im englischen Dorset. Der Platz unter dem Dach ist knapp – aber ein großes schwedisches Möbelhaus hat natürlich eine Lösung für die junge Familie. „Ein Dachgeschoss, ein Raum, eine Familie – das klappt wunderbar“, jubelt Clara in der aktuellen Ausgabe des Kundenmagazins „Ikea Family“. Die harmlose Homestory über die lesbischen Mütter und ihr Kind erscheint in 25 Ländern. In der russischen Ausgabe fehlt sie jedoch. „Die lokale Gesetzgebung verbietet uns die Veröffentlichung dieses Artikels“, begründet Ikea die Selbstzensur. Im Sommer hatte Russland die „Propaganda von nichttraditionellen sexuellen Beziehungen“ unter Strafe gestellt.

Ausgerechnet Ikea übt vorauseilenden Gehorsam. Dabei hat der gelb-blaue Riese bisher keine Gelegenheit ausgelassen, sich als tolerantes Unternehmen darzustellen – und damit regelmäßig Widerstand von konservativer Seite erfahren. Schon vor fast 20 Jahren schaltete der Konzern einen Spot im US-Fernsehen, in dem Schwule als Ikea-Kunden gezeigt wurden. Rechte Gruppen riefen zum Boykott auf. Ebenso in Polen 2008: Da erregte ein Bild eines mutmaßlich schwulen Paares am Abendbrottisch den Zorn konservativer Kleriker. In Italien echauffierte sich die Berlusconi-Presse 2010 über ein Plakat mit zwei Händchen haltenden Männern und dem Slogan „Wir sind offen für alle Familien“.

„Ikea heißt selbstverständlich alle Menschen willkommen“ ist auch jetzt die Standardantwort der PR-Abteilung auf wütende Kommentare in sozialen Netzwerken. Das hatte auch niemand in Abrede gestellt. Die Frage lautet vielmehr: Wie ernst ist das Image des sympathischen, toleranten Konzerns nach der russischen Selbstzensur noch zu nehmen?

„Ikeas Verhalten ist ein Armutszeugnis“, findet Klaus Jetz, Geschäftsführer des deutschen Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD). „Der Möbelkonzern legt mehr Wert auf den Geldsäckel als auf die Menschenrechte.“ Russland ist einer der wenigen Märkte, auf denen die global vertretene Firma noch Wachstumsraten verzeichnet. Ärger mit den Behörden könnte das Ziel gefährden, Billy und Poäng auch in die Plattenbauten von Wladiwostok zu bringen.

Aber hätte ein Weltkonzern wie Ikea das Geschichtchen über Clara und Kirsty nicht wenigstens als Versuchsballon im Blatt lassen können? Weder der Text noch die Bilder der Frauen wirken wie „Propaganda für nichttraditionelle sexuelle Beziehungen“. Schon 2012 hatte Ikea in Saudi-Arabien alle Frauenbilder aus dem Katalog entfernt – und hinterher Selbstkritik geübt.

Das russische Gesetz ist „ein Anschlag des Putin-Regimes auf die Menschenrechte, es widerspricht allen europäischen Werten“, sagt LSVD-Geschäftsführer Klaus Jetz. Ikea lege „seine Überzeugungen beim Grenzübertritt in vorauseilendem Gehorsam einfach ab“. Zu einem Boykott möchte Jetz nicht direkt aufrufen. „Ikea wird viele Kundinnen und Kunden verlieren“, prophezeit er aber.

Von Jan Sternberg

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