Diese Vuvuzela tönt nicht mehr. Jemand hat die Tröte schwarz angemalt und an eine der vielen Kondolenztafeln gestellt. Aus der Lärmtröte wird ein Sinnbild der Stille. Eine Stille, die jedes Gespräch verstummen lässt. Die Erinnerung an den Tod der 21 Loveparade-Opfer lässt nichts anderes zu als Schweigen. Auch bei Neugierigen, die sich die Unglücksstelle anschauen wollen.
Waltraud Nötzel aus Moers spricht nicht mit ihrer Freundin. Kopfschüttelnd läuft die Frau durch den dunklen Tunnel am alten Güterbahnhofsgelände. Sie versucht zu begreifen. „Ich krieg’ schon jetzt Panik, wo ich nur hier durchlaufe“, sagt sie. Sie hat die Bilder im Fernsehen nicht verstanden. Deshalb ist sie über den Rhein nach Duisburg gefahren. „Es ist sonst zu schwer, sich vorzustellen, was hier passiert ist.“
Viele ältere Menschen besuchen an diesem Mittwochvormittag den Tunnel. Insgesamt sind es mehrere Dutzend, es ist ein Kommen und Gehen. Auf dem Weg wütet ein Rentner vor sich hin: „Es muss erst was passieren, damit so was verboten wird.“ Doch als er die Unterführung erreicht, schweigt auch er. Zu überwältigend ist der Ort. Aus dem Schaulustigen, der einfach mal meckern wollte, wird ein Betroffener.
Die Katastrophentouristen stehen am Tunneleingang oder schlendern durch die enge Röhre. In der Mitte des Durchgangs liegt ein Kondolenzbuch mit einer langen Schlange von Trauernden davor. Dort hat Sensationslust keinen Platz. Die Menschen weinen und schauen zu Boden.
Das Buch liegt auf einem Stehpult direkt an der Tunnelwand. Thea Tomberg-Jung lässt sich Zeit mit ihrem Eintrag. „Duisburg kann nie mehr fröhlich sein“, schreibt sie, hält inne und wendet sich Minuten später mit ihrer Enkelin ab. „Niemand lacht mehr. Es gibt nur noch dieses eine Thema“, sagt die alte Dame. Immer wieder besucht sie, die in Sichtweite wohnt, mit ihren Kindern und Enkeln die Unglücksstelle. „Gestern haben wir Blumen und Kerzen hergebracht. Die Kinder weinen oft.“
Wem die Schlange vor dem Kondolenzbuch zu lang ist, der nutzt die freien Plakatflächen, um sich auszudrücken. Auch die Loveparade- Veranstalter haben ein großes, weißes Plakat anbringen lassen. „Wir sind zutiefst erschüttert. Wir trauern mit den Angehörigen“, steht darauf in schwarzen Lettern.
Drumherum schreiben Besucher mit dickem Filzstift ihre Worte der Trauer und des Dankes: Dank für die „Schutzengel, die meine Freunde heil hier herausgeführt haben.“ Auch Wut findet Platz: „Jetzt hast’e scheiß Aufmerksamkeit, Sauerland“, klagt jemand den Duisburger Oberbürgermeister an, der im Kulturhauptstadtjahr mit der Loveparade in Duisburg punkten wollte.
Ein Kranzgebinde, wie man es sonst von Beerdigungen kennt, steht in einem Meer aus Kerzen. Ihr Licht strahlt warm auf die Gesichter der Menschen im Tunnel, bringt sie zum Glühen. Siegfried Klimas aus Weeze betrachtet den gedämpften Schein der Grablichter. Auch er will verstehen. „Noch am Samstag war ich hier in der Nähe. Ich wollte meine Lebensgefährtin vom Bahnhof abholen. Plötzlich stand ich inmitten der Menschen. Die hatten alle Angst.“ Die Polizei habe ihm schließlich geholfen, die Frau zu finden.
20 Minuten Fußweg vom Tunnel entfernt liegt der Gewölbebau des Duisburger Rathauses. Auch dort liegt in einer Nische neben dem Paternoster ein Kondolenzbuch. Eine Menschenschlange gibt es nicht. Hier trauern diejenigen, die allein sein wollen, Zeit brauchen. „Liebe Freunde, Ihr seid nicht umsonst gestorben“ steht auf den ersten Seiten des Hefts. Zwei geschlossene Bücher liegen daneben. Sie sind bereits vollgeschrieben.
dpa
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Kommentare
Mal schön langsam jk – 28.07.10
So einfach wie die Mitschuld von Schaller als Veranstalter jedem klar sein dürfte - und diese wird nun umgehend nach weiter unten zu den einzelnen Ordnern durchgereicht werden - so einfach sollte auch die Verantwortung von Bürgermeister, Polizei und Landespolitik klar sein.Wirklich einzig und alleine verantwortlich gezeigt hat sich der Duisburger Baudezernatsleiter Jürgen Dressler, der aufgrund der ihm vorliegenden Informationen jede Verantwortung für diese Veranstaltung im Vorfeld ablehnte, weil er den Wahnsinn kommen sah und sich auch nicht unter Druck setzen ließ.
Wie es im Moment aber scheint, hat man sich auf seiten der Politk und der Polizei auf den Veranstalter Schaller eingeschossen. So wenig ich diesen mag, so einfach ist es eben nicht.
Ich, als Bürger, muß mich auf die Ordnungsbehörden dieses Staates oder/und einer Stadt verlassen können.
Dazu gehört eben auch, dass das Ordnungsamt einer Stadt eine solche Veranstaltung, welche vom Veranstalter nachweislich vollkommen unverantwortlich geplant wurde, eben NICHT genehmigt.
Als letzte Instanz sehe ich die Polizei und den Polizeipräsidenten, welcher aufgrund seiner Position ebenso eine solche Veranstaltung ebenfalls verhindern kann.
All dies ist nicht geschehen.
Diese Amtsträger - Stadt und Polizei - sind für die Sicherheit der Bürger VERANTWORTLICH und haben kraft ihres Amtes dafür zu sorgen, dass wenn ein privater Veranstalter, welcher aufgrund Geldgeilheit oder Unfähigkeit den Überblick verloren hat, dass den Bürgern dennoch kein Schaden entsteht.
Da hilft auch kein Herausgerede, wer für welches Areal in Duisburg verantwortlich war.
Wer erst am Samstagmorgen die Genehmigung für eine am gleichen Tag stattfindende Großveranstaltung mit erwartet 1,4 Millionen Menschen unterschreibt, hatte selber den Wahnsinn vor Augen, nahm eventuelle Todesopfer in Kauf und unterschrieb trotzdem.
Selbst die Gründe, Umstände oder andere Ursachen für eine solche Unterschrift sind vollkommen egal.
Die Unterschrift wurde geleistet und muß nun verantwortet werden. Sie verursachte bis heute 21 tote Menschen und 511 teils Schwerverletzte.
Alle vier Herren der damaligen Pressekonferenz sind vor diesem Hintergrund knastreif, da sie - aus welchen Gründen auch immer - aufgrund der Umstände zu erwartende Todesopfer billigend in Kauf genommen haben.
Ein weiterer Umstand taucht überhaupt nicht mehr in der Presse auf: Die Bundespolizei lies am nächsten Tag sämtliche Unterlagen (Einsatzpläne, Karten, EMails) von ihren Computern verschwinden - Quelle Spiegel !
Warum hören wir davon nichts mehr ?
Ich warte auf den Moment, wo festgestellt wird, dass der Veranstalter ein bis drei gehbehinderte Rentner an den falschen Zugangstoren postiert hatte und diese drei armen Rentner nach Durchlass eines Rettungswagens dieses Tor nicht mehr rechtzeitig schliessen konnten.
Damit ist dann die Politik und die Polizei raus, der Veranstalter gibt die Schadensersatzforderungen an die axa oder an die Rentner weiter und selbige scheiden alsbald aus dem Leben, damit auch die letzte Schuld-Adresse im Sande verläuft.
Eine solche Entwicklung würde mich keinesfalls überraschen.
Vergessen wir übrigens nicht die jetzt allzu schlaue Frau Hannelore Kraft am 25.01.2010 zu zitieren:
"Essen (ots) – NRW-SPD-Chefin Hannelore Kraft fordert von der Landesregierung schnelle und unbürokratische Hilfe, damit die in Duisburg geplante Loveparade 2010 nicht platzt. "Die Loveparade ist ein Stück Jugendkultur, die ins Jahr der Kulturhauptstadt gehört", sagte Kraft im Gespräch mit den Zeitungen der WAZ-Mediengruppe (Montag-Ausgaben). Eine zusätzliche Hilfe könne sein, als Land Sponsoren für die große Techno-Party einzuwerben. "Oberstes Ziel für NRW ist: Die Loveparade 2010 gehört ins Ruhrgebiet", so die SPD-Chefin. Dem Spektakel droht nach 2009 zum zweiten Mal eine Absage, weil die Stadt Duisburg wegen hoher Verschuldung für eine Spaßveranstaltung kein Geld ausgeben darf. Das NRW-Innenministerium prüft derzeit, ob für den Liebesaufmarsch eine Ausnahme ermöglicht werden kann."
Auch die jetzt so schlau daherredende Frau Kraft hat diesen tödlichen Druck mit aufgebaut, der dazu führte, jegliche Bedenken in den Wind zu schlagen.
Sie wäre eine der ersten Personen, welche den Mund halten sollten...
Loveparade und andere Events ? – 28.07.10
Da kann man mal sehen was Geltungssucht, Raffgier und Habsucht alles anrichten können.Die Veranstalter, die solche Events mit menschenverachtender Arroganz durchziehen, ohne auf Warnungen und Sicherheitsrisiken zu reagieren, sollten mit aller Härte bestraft werden.
Wenn schon kein Gefängnis, dann hohe Geldstrafe und Berufsverbot als Eventmanager.
Wahrscheinlich wird sich die Aufklärung aber wie immer lange hinziehen und am Ende werden kleine Angestellte und Beamte als Bauernopfer den Kopf hinhalten müssen.
Oft ist es auch so, dass diese Veranstalter die Durchführung für ihre dubiosen Events, von selbstständigen freien Mitarbeitern machen lassen, auf die dann die Verantwortung abgeschoben werden kann.