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Unfälle: Sollen Gaffer härter bestraft werden?

Behinderung der Retter Unfälle: Sollen Gaffer härter bestraft werden?

Immer häufiger bedrängen fotografierende Gaffer nach Unfällen die Retter. Ist es nur pure Neugier oder Sensationslust? Inzwischen hat sich auch die Politik des Themas angenommen. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hat eine Gesetzesinitiative gestartet, um die Gaffer härter zu bestrafen.

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Foto: Strafbares Gaffen – oder normale Neugier? Nach einem Unfall beobachten immer wieder Passanten die Rettungskräfte. In Hagen brandmarkte die Polizei Übergriffe von Handyfilmern.

Quelle: Archiv

Hannover. Die Zuschauer gingen einfach an den Polizisten vorbei. Setzten sich an den Hang und sahen zu, wie ein Mensch starb. "Dabei", so beschreibt es der Polizist Hans-Christian Schlemm noch immer fassungslos, "standen die Beamten in ihrem Streifenwagen mitten auf der Straße." Aber die Absperrung interessierte kaum jemand. Beim Tod wollten die Gaffer in der ersten Reihe sitzen.

Es ist Sonntag, 22. Mai 2016, 13.20 Uhr, als bei der Polizeiinspektion Altenkirchen im Westerwald ein Notruf eingeht. In Hilgenroth, an der Kreisstraße Richtung Breitscheidt, liegt ein Amateurradrennfahrer bewusstlos in der Böschung. Nach 120 Kilometern, so werden die Beamten später ermitteln, war der 52-Jährige an einer Steigung zusammengebrochen.

Als die Polizisten eintreffen, haben Sanitäter bereits mit der Wiederbelebung begonnen. Das Spektakel am Ortsrand zieht Dorfbewohner an. Wer denn dort liege, wollen sie von den Beamten wissen – und beschimpfen sie, als sie keine Auskunft geben. Andere sehen sich mit ihren Kindern die Reanimation aus der Nähe an.

"Radfahrer stirbt auf Tour – Gaffer behindern Rettungseinsatz": Unter dieser Überschrift verbreitet die Deutsche Presse-Agentur den Vorfall von Hilgenroth am nächsten Tag bundesweit. Schlemm, Leiter der Polizeiinspektion Altenkirchen, ist seit 1979 bei der Polizei – aber an einen solchen Einsatz kann auch er sich nicht erinnern. Es ist die Respektlosigkeit, die ihn und seine Kollegen auch Tage später noch verstört. "Das hat ganz klar eine neue Qualität", sagt er.

Dabei häufen sich die Klagen über eine geradezu aggressive Neugier. Im rheinland-pfälzischen Ingelheim filmen Schaulustige Anfang Mai, wie ein 85-jähriger Radfahrer stirbt, der von einem Auto erfasst worden war.

Als im April in Hagen ein zehnjähriges Mädchen angefahren wird, umstellen binnen kürzester Zeit Hunderte Neugierige die Unfallstelle, viele mit gezücktem Handy. Besonders Dreiste fordern die Feuerwehrleute auf, zur Seite zu gehen und die aufgespannte Sichtblende zu entfernen – sie könnten "nicht richtig filmen".

Ob jemand Erste Hilfe leistet, ist nach einem Unfall Glückssache. Auf die Smartphone-Filmer ist hingegen Verlass. Nicht selten sind die Fotos schneller online als die Verletzten auf dem OP-Tisch. Die Polizei ist immer häufiger hilflos gegen die Übermacht der Neugierigen. "Wir machen die Erfahrung, dass sich diese Leute zusammentun", erklärt der Hagener Polizeikommissar Tino Schäfer. "Ein Polizist reicht da gar nicht aus, um sie an den Aufnahmen zu hindern."

Inzwischen hat sich auch die Politik des Themas angenommen. Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD) hat eine Gesetzesinitiative gestartet, um die Gaffer härter zu bestrafen. Unfallopfer zu filmen oder Retter zu behindern könnte bald harte Strafen einbringen. Aber kann ein Gesetz die Gaffer stoppen? Ist das Strafgesetzgesetzbuch ein Mittel gegen Voyeurismus? Können Polizisten nach einem Unfall auf der Autobahn noch die Handys der Vorbeifahrenden kontrollieren?

Einig sind sich Psychologen jedenfalls in einem Punkt: Es ist kaum möglich, die Staus der Neugierigen nach einem Crash auf der Gegenspur zu verhindern. "Man kann da gar nicht nicht hinschauen", erklärt der Psychologe Peter Fischer von der Universität Regensburg. Zu sehr sind wir Menschen darauf programmiert, allem Neuen, Unerwarteten und Spektakulären in unserer Nähe Aufmerksamkeit zu widmen – es könnte ja auch Gefahr für uns bedeuten.

Neugier ist ein Automatismus. Und auch das Filmen großer Katastrophen muss nicht zynisch sein: Wer am 11. September 2001 in New York den Zusammensturz des World Trade Centers und seine Opfer filmte, dokumentierte die Folgen eines enormen Verbrechens. Schamlose Neugier, wichtige Aufklärung: Das ist oft genug auch eine Frage des Kontextes.

Retter und Behörden setzen auch deshalb inzwischen immer öfter auf einen anderen Weg: Sie sperren die unerwünschten Blicke aus. Vorreiter ist Nordrhein-Westfalen. Bereits vor einem Jahr hat das Land zwölf mobile Sichtschutzwände angeschafft und auf die Autobahnmeistereien verteilt.

Jede ist bis zu 100 Meter lang, gut zwei Meter hoch und kann bei einem Unfall auf dem Mittelstreifen aufgestellt werden. 28-mal waren die Wände im Einsatz. Der Verkehr auf der Gegenfahrbahn laufe flüssiger, versichert Karsten Wieczorek von der Autobahnmeisterei Leverkusen: "Die Schaulustigen wollen Action sehen – eine grüne Fläche ist uninteressant."

"Nicht gaffen! Mitglied werden!"

Einen großen Nachteil haben die Wände allerdings: Es dauert bis zu 100 Minuten, bis sie aufgebaut sind. Ein Manko, das die Feuerwehr im niedersächsischen Wunstorf mit einer eigenen Erfindung behoben hat. Die Idee kam den Rettern, nachdem sie auf der A 2 ein Opfer aus einem Autowrack herausschneiden mussten und dabei von unzähligen Neugierigen auf der Gegenspur gefilmt wurden.

Die Feuerwehrleute kauften eine Plane, ließen sie mit einer Provokation bedrucken: "Nicht gaffen! Mitglied werden!" Praktischer Vorteil: Bislang waren bis zu zehn Kameraden damit beschäftigt, bei Unfällen Wolldecken hochzuhalten. "Die Plane macht aufmerksam", sagt Feuerwehrmann Marvin Nowak. "Und wir brauchen weniger Personal zum Abschirmen."

Ein schärferes Gesetz gegen das Gaffen lasse sich kaum kontrollieren, fürchten Experten. Frank Lasogga, Experte für Notfallpsychologie von der Technischen Universität Dortmund, glaubt immerhin an eine "psychologische Wirkung", ähnlich wie bei jüngsten Appellen der Polizei. "Schämt euch, ihr Gaffer", schrieb die Hagener Polizei auf Facebook an die Menschen, die das kleine, schwer verletzte Mädchen nach dem Unfall filmten. Dass solch emotionale Appelle durchaus wirken – auch davon können Notfallpsychologen berichten.

Mehr Bereitschaft zur Ersten Hilfe

So belegen Studien, dass sich die Bereitschaft zur Ersten Hilfe verbessert hat. Ein Effekt, von dem vor Kurzem eine Motorradfahrerin auf der B 217 in Springe bei Hannover profitierte. Nach einem schweren Unfall halfen Autofahrer dem Ehemann, den abgetrennten Teil ihres Armes wiederzufinden. Ärzte konnten ihn wieder annähen.

Später bedankte sich der Mann bei den Helfern: "Man hört sonst immer von Gaffern mit Handys", schrieb er. "Aber was wir erlebt haben, war genau das Gegenteil."

RND/Thorsten Fuchs

Hintergrund

Die Politik macht ernst: Vor einer Woche hat Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius einen Gesetzentwurf gegen das Gaffen im Bundesrat eingebracht. Die Kernpunkte:

Behinderung der Retter: Ins Strafgesetzbuch soll ein neuer Paragraph 115 („Behinderung von Hilfeleistungen“) eingeführt werden. Wer am Unglücksort Feuerwehr, Katastrophenschutz und Rettungsdienste behindert, soll mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe bedroht werden. Seit fünf Jahren ist es bereits strafbar, Helfer tätlich anzugreifen oder durch Drohungen zu behindern (§ 114). Strafbar soll nun aber jede „Behinderung“ der Rettungskräfte werden, also auch das massenhafte Herumstehen an der Unfallstelle.

Fotografieren: Der 2015 eingeführte Paragraph 201a „Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen“ soll erweitert werden. Bislang ist nur das Anfertigen und Verbreiten von Aufnahmen hilfloser noch lebender Menschen verboten. Sie sollen vor Fotos geschützt werden, die sie bloßstellen oder ihr Ansehen schädigen. Dieser Schutz soll nun auch für „Verstorbene“ gelten. Handys können leichter dauerhaft konfisziert werden.

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