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Töten als Urlaubsspaß

Großwildjagd in Afrika Töten als Urlaubsspaß

In Afrika sterben jedes Jahr Tausende geschützter Tiere, weil Sportjäger sich mit ihren Trophäen schmücken. Doch der Tod des Löwen Cecil wirkt wie ein Weckruf.

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Cecil war einer der berühmtesten Löwen von Simbabwe. Er wurde im Juli von einem Jäger getötet.

Quelle: dpa

Hannover. Es ist ein Milliardengeschäft mit dem Tod. Jahr für Jahr sterben Tausende Wildtiere in Afrika, damit sie als Trophäen die Wohnzimmerwände wohlhabender Europäer oder Amerikaner zieren können. Der Löwe Cecil ist in Simbabwe eines qualvollen Todes gestorben, weil ein Zahnarzt aus Minnesota genau das wollte: den prächtigen Kopf des Königs der Tiere als Beweis seines Könnens als Armbrustschütze. Stattdessen ist Cecils Kopf zum Symbol des Widerstands gegen ein System geworden, in dem artgeschützte Tiere von jagenden Touristen getötet werden dürfen.

Simbabwe, trotz politischer Unruhen beliebtes Ziel von Trophäenjägern, hat auf die weltweite Empörung reagiert und ein Jagdverbot auf Löwen, Leoparden und Elefanten verhängt. Experten glauben aber nicht, dass dadurch das Töten als Hobby bekämpft werden kann. Im Gegenteil.

Riesiger Industriezweig

Ein Blick nach Südafrika lässt das Ausmaß der Großwildjagd erahnen. 2012 gab es dort 12.000 Wildtierfarmen. Mehr als 10.000 haben sich auf die Züchtung von Großwild für die Jagd spezialisiert. Dreimal mehr Menschen als in gewöhnlichen Viehbetrieben arbeiten dort. Tausende Touristen kommen Jahr für Jahr ans Kap, um Urlaub zum Töten zu machen. Die Farmen bieten maßgeschneiderte Trips für Jäger aller Art. Es ist ein riesiger Industriezweig.

Umgerechnet 1000 Dollar kostet in Südafrika der Schuss auf ein Zebra. Für Nashörner, deren Hörner besonders bei wohlhabenden Chinesen sowohl als Statussymbol als auch für Arzneien beliebt sind, müssen Touristen 100.000 Dollar einplanen. Zahnarzt Walter Palmer aus Minnesota zahlte 55.000 Dollar für den Schuss auf Cecil. Für die Farmen sind Löwen und Elefanten lebende Wertanlagen.

Import auch nach Deutschland

Nicht in allen, aber in vielen Ländern Subsahara-Afrikas ist die Jagd auf Tiere, die auf der Liste der geschützten Arten stehen, erlaubt. Rund 200 Millionen Dollar Umsatz generiert die Jagd in diesen Ländern jährlich. Die meisten Waffen tragenden Touristen kommen aus den USA. Aber auch aus Deutschland reisen zahlreiche Sportjäger nach Afrika, Kanada oder Eurasien. Dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) zufolge wurden im vergangenen Jahr 43 erlegte Schwarzbären, 36 Leoparden, sieben Afrikanische Elefanten sowie ein Eisbär importiert. Legal. Mit Genehmigung des BfN. "Jeder Einzelfall wird überprüft", sagt der Abteilungsleiter für Artenschutz, Dietrich Jelden. 

Aber was bedeutet legal? "Wir prüfen schwerpunktmäßig die Nachhaltigkeit", erklärt Michael Müller-Boge vom BfN. Da geht es darum, ob die Population einer Tierart stark genug ist, um "Entnahmen" zu erlauben. "Die Legalität beruht auf den Vorschriften vor Ort. Eine Ausfuhrgenehmigung des jeweiligen Landes reicht uns im Regelfall aus." Wenn aber Zweifel an den Papieren aufkommen, prüfe das Amt die Vergabe gezielt nach, erklärt Müller-Boge.

Reaktion der Jäger

Viele Großwildjäger können den Wirbel nicht nachvollziehen. Sie sehen in ihrem Handeln einen Beitrag zum Schutz der lokalen Bevölkerung vor wilden Tieren. Die Jagd diene dem Artenschutz; durch Reduzierung von Überpopulation hege man die Tierarten und trage dazu bei, dass die Vielfalt erhalten bleibe.

"Trophäenjagd per se zu verdammen, greift zu kurz", sagt auch Torsten Reinwald vom Deutschen Jagdverband. "Wir sollten uns endlich von der emotionalen Ebene der Debatte lösen." Die Weltnaturschutzunion sowie der Internationale Rat zur Erhaltung des Wildes und der Jagd haben einen Leitfaden herausgegeben. Beide glauben, dass die Großwildjagd den Lebensraum erhalten und zum Einkommen der ortsansässigen Bevölkerung beitragen kann. Ein Jagdverbot würde das Gegenteil bewirken, sagt Reinwald.

Kampf gegen Wilderei

In Simbabwe kostete eine Jagdlizenz bisher 2000 bis 8000 Euro. "Die Einzigen, die richtig davon profitieren, sind Grundbesitzer und Safariunternehmen", sagt Johnny Rodrigues von der Zimbabwe Conservation Task Force. Die Bevölkerung gehe leer aus. Die Hürden für eine Lizenz sind nicht eben hoch. Folge: In den ausgewiesenen Jagdgebieten gibt es nicht mehr genug Wild, das erlegt werden könnte. Das wurde auch Cecil zum Verhängnis: Er wurde aus dem Hwange-Nationalpark in ein Jagdgebiet getrieben, wo Walter Palmer auf ihn wartete.

Es gibt aber auch Länder, die sich gegen die Trophäenjagd entscheiden. Mit Erfolg. "In Namibia managen die lokalen Gemeinschaften ihren Artenbestand selbst. Das ist zudem ein guter Ansatz, um Wilderei zu bekämpfen", sagt Roland Gramling von der WWF-Umweltorganisation. Artenschutz brauche keine Trophäenjagd. "Wenn doch, dann nur unter der Bedingung, dass die hohen Erträge auch wirklich dem Artenschutz und der Armutsbekämpfung zugutekommen und nicht in dunklen Kanälen versickern."

Dort versickert ohnehin zu viel. Subsahara-Afrika erlebt gerade die schlimmste Wildereikrise aller Zeiten. Jährlich werden 30.000 Elefanten und Tausende Nashörner geschossen. Die Nachfrage aus Südostasien ist explodiert. 2007 wurden in Südafrika 13 Nashörner gewildert, 2012 waren es mehr als 1300. Die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher. Zu lukrativ ist das makabre Geschäft mit den Trophäen. "Wenn der Tod von Cecil eines erreicht hat", sagt Roland Gramling, "dann, dass darüber gesprochen wird."

Von Carsten Bergmann und Melanie Steitz

Nachgefragt ...

... bei Julia Grauvogel (28), Simbabwe-Expertin am German Institute of Global and Area Studies in Hamburg.

Der Löwe Cecil ist in Simbabwe erschossen worden. Welche Rolle spielt die Großwildjagd für den Staat im südlichen Afrika?
Die Jagd ist eine Möglichkeit, Devisen ins Land zu bringen. Es ist aber nicht die einzige und mit Sicherheit nicht die wichtigste. Insgesamt hat der Tourismus unter der Gewaltherrschaft Robert Mugabes und internationalen Sanktionen sehr gelitten. Nur langsam läuft der Sektor wieder an. Simbabwe soll eine Destination für die Wohlhabenden sein. Und die kommen für Safaris, im begrenzten Umfang auch für die Jagd.

Mugabe hat die Nation 1987 als erster schwarzer Premier aus der britischen Kolonialherrschaft geführt. Doch längst steht sein Name für Unterdrückung und Korruption. Warum ist er noch an der Macht?
Mugabe ist noch immer der Held des Unabhängigkeitskampfes. Nicht nur in Simbabwe, auch in den Nachbarländern. Diese bekommen aber nicht das alltägliche Leben in Simbabwe mit, sondern sehen eher seine Symbol- und Strahlkraft als Freiheitskämpfer, der sich westlichen Einflüssen entgegenstellt. Es gibt Gerüchte, dass er nicht bis zum Ende der Legislaturperiode an der Macht bleiben wird. Es handelt sich eben um ein sehr personalistisches Regime. Keiner kennt Mugabes nächste Schritte.

Wie ist das Land wirtschaftlich aufgestellt?
Die Lage ist problematisch. Derzeit steht die Saatsaison in der Landwirtschaft an. Doch es hat viel zu wenig geregnet. Hohe Investitionen sind nötig, aber das Geld ist nicht da. Die öffentlichen Ausgaben überschreiten die Einnahmen. Dem Volk geht es nicht gut. Es gibt nur im begrenzten Maße Lebensmitthilfen von der Regierung, und die Hilfe vonseiten der EU ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Interview: Carsten Bergmann

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