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Panorama Heikle Mission in der Atomruine
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00:16 21.11.2013
Arbeit am Abklingbecken: In Fukushima haben die Arbeiten an den Brennstäben begonnen. Sie sollen geborgen werden. Quelle: dpa
Fukushima

Für diese Aufgabe gibt es weltweit kein Vorbild. Abgebrannter Brennstoff berge potenziell ein sehr großes Risiko, sagte der Chef der Atomaufsichtsbehörde, Shunichi Tanaka. Die Bergung müsse daher mit „höchster Vorsicht“ geschehen.

Eigentlich ist das Bergen von Brennelementen Routine in einem Atomkraftwerk. Doch im Gebäude des Reaktors 4 ereignete sich vier Tage nach dem schweren Erdbeben und Tsunami im März 2011 eine Wasserstoffexplosion. Das Dach und Teile der Wände wurden weggesprengt, es gibt dort nicht mehr viele gerade Decken und Mauern. Eine Kernschmelze fand hier nicht statt. Aber das Abklingbecken in etwa 30 Meter Höhe, in dem die heißen Brennstäbe nach ihrem Einsatz im Reaktor über Jahre abkühlen müssen, gilt als größte Gefahrenquelle auf dem Gelände – mal abgesehen davon, dass in Fukushima täglich eine wachsende Menge Wasser radioaktiv verseucht wird. „Es ist vernünftig, dass es geleert wird, denn das Gebäude ist nicht stabil genug“, sagt Gerhard Schmidt, Reaktorexperte des Darmstädter Öko-Instituts.

Koalition erwägt Atomfonds

Union und SPD wollen die Atomkonzerne stärker in die Pflicht nehmen. Die Koalitionäre erwägen, deren Rücklagen für die Stilllegung von Atomkraftwerken und die Endlagerung in einem Fonds zu bündeln. Die Politik befürchtet, dass die Steuerzahler im Fall von Insolvenzen auf diesen Kosten sitzen bleiben. „Zur Sicherstellung der Finanzierung der nuklearen Entsorgung könnte ein öffentlich-rechtlicher Fonds in Betracht kommen“, heißt es im Entwurf der Arbeitsgruppe Umwelt für den Koalitionsvertrag. Bislang haben e.on, RWE, EnBW und Vattenfall 32,6 Milliarden Euro Rückstellungen gebildet. Das Geld liegt aber nicht auf der Bank, sondern ist in Kraftwerke und Netze investiert, wo es Zinsen erwirtschaften soll. Die Grünen fordern schon länger einen staatlich kontrollierten Fonds. Die Firmen wehren sich. Sie stünden wegen des Atomausstiegs bereits erheblich unter Druck – dieser würde sich mit einem Fonds weiter verschärfen, argumentieren sie.

 kau

Um Reaktorblock 4 zu sichern, hat die Betreiberfirma Tepco daneben und darüber ein neues Gebäude errichten lassen. Dieses trägt nun einen Kran, mit dem die Bergungsarbeiten bewerkstelligt werden. Zwar ist das Lagerbecken weitgehend heil geblieben, doch bei der Explosion fielen Trümmerteile in den Pool. Auf Videoaufnahmen kann man etwa eine Trittleiter erkennen. Größere Teile konnten inzwischen geborgen werden, die kleineren aber bereiten den Experten Sorgen. Sie könnten die Brennstäbe bei der Umlagerung beschädigen. 

Arbeit unter Wasser

Die Arbeiter müssen also extrem vorsichtig vorgehen. 202 unbenutzte und 1331 abgebrannte Brennelemente mit jeweils 60 Brennstäben lagern noch in dem Abklingbecken. Mit einem ferngesteuerten Greifarm sollen die Spezialisten nun  Brennelement für Brennelement aus dem Becken ziehen und in einen Castor-ähnlichen Behälter packen. Geplant ist, erst die frischen und dann die abgebrannten Elemente zu bergen. Letzteres gilt als problematischer, da die benutzten Brennstäbe mehr Radioaktivität enthalten. Der gesamte Vorgang findet unter Wasser statt. Sollte ein Brennstab beschädigt werden oder kaputt gehen, kann so keine Radioaktivität in die Umgebung gelangen. In die Lagerbehälter passen jeweils 22 Brennelemente. Sind sie voll, werden sie per Lastwagen zu einem neu errichteten Nasslager an anderer Stelle auf dem Gelände gebracht. Drei der zu bergenden Brennelemente wurden allerdings bereits vor dem Erdbeben beschädigt, aus zweien tritt radioaktives Gas aus. Sie können nicht auf die vorgesehene Weise umgelagert werden. Es werde noch überlegt, wie damit umgegangen werde, sagte eine Tepco-Sprecherin unlängst.

Einige Fachleute halten die Umlagerung der Brennelemente in dem beschädigten Reaktorgebäude für äußerst gefährlich. Wenn Brennstäbe zerbrächen, könne radioaktives Gas entstehen und die Umgebung kontaminieren, eine Explosion sei möglich, ja sogar eine Kernschmelze im Abklingbecken sei nicht völlig ausgeschlossen, warnen sie. Die dann mögliche Katastrophe könnte die Ausmaße des Super-GAUs von 2011 noch übertreffen, sagte Arnie Gundersen, ein ehemaliger Kernkraftingenieur und Chef der US-Organisation Fairewinds Energy Education, der Nachrichtenagentur Reuters.

Intransparenz und Lügen

Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital warnt vor Übertreibungen. Die Verunsicherung sei allerdings verständlich, weil das bisherige Krisenmanagement nicht überzeugend sei. Tepco sei bislang „durch Intransparenz und Lügen“ aufgefallen, kritisiert er. So habe der Betreiber das Problem mit dem verseuchten Kühlwasser zunächst heruntergespielt, die Verseuchung von Meeresfrüchten geleugnet. Und erst kürzlich habe ein von einer Ratte zerbissenes Kabel einen Tag lang die Stromversorgung außer Kraft gesetzt. Dies zeige, dass in Fukushima schon ein einfacher Fehler schlimme Folgen haben könne. „Wir haben es hier mit einer improvisierten Anlage zu tun, bei der schwer abzuschätzen ist, was passiert, wenn nur ein Teil ausfällt.“

Das bedrohlichste Katastrophenszenario, das Öko-Institutsmitarbeiter Schmidt sich vorstellen kann, wäre der vollständige Kühlmittelverlust im Lagerbecken. Das könne passieren, wenn Mauern einstürzen, zum Beispiel bei einem weiteren Erdbeben. Dann könne es tatsächlich noch einmal zu einer Kernschmelze kommen. „Aber gerade das soll ja vermieden werden durch die Leerung des Beckens“, sagt er.

Tepco selbst versichert, es bestehe keine Verseuchungsgefahr für die Umgebung, selbst wenn ein Brennstab bei der Bergung kaputtgehen und Strahlung frei werden sollte. Das Gebäude sei abgedeckt, und man habe alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen getroffen, sagt Tepco-Chef Naomi Hirose. Ein Jahr lang soll die Bergung der Brennelemente dauern. Die Atomruine wird die Welt aber noch sehr lange in Atem halten. Der gesamte Prozess der Stilllegung dürfte 30 bis 40 Jahre dauern.

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