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"Alles sicher": Unterwegs in Tschernobyl

30 Jahre nach Reaktorunglück "Alles sicher": Unterwegs in Tschernobyl

Das Reaktor-Unglück von Tschernobyl jährt sich zum 30. Mal. Was ist geblieben vom größten atomaren Unfall, den die Welt bislang erlebt hat? HAZ-Reporter Jörn Kießler ist in das Sperrgebiet rund um den havarierten Reaktor gereist, und hat sich die sogenannte Exclusion Zone aus nächster Nähe angesehen.

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2016 jährt sich die Katastrophe von Tschernobyl zum 30. Mal.

Quelle: Kießler/M

Als die Umrisse des Sarkophags rund um Reaktor 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl am Horizont auftauchen, starren die Reisenden des Kleinbusses schon seit einer Viertelstunde in den Dunst des sonnigen Frühlingsmorgens. Nur einen Insassen interessiert die schaurige Aussicht nicht. Alexey Eremenko verfolgt stattdessen auf seinem Tablet, wie sich Monica und Chandler, zwei Protagonisten der amerikanischen Kultserie "Friends", auf ihre Hochzeit vorbereiten. Die Fernsehsendung hat er sich zuhause auf das Gerät gespielt. Den 26-Jährigen langweilt die knapp 140 Kilometer lange Fahrt von Kiew in das Sperrgebiet rund um den Reaktorblock 4, der in der Nacht zum 26. April 1986 explodierte. Seit vier Jahren führt er Touristen durch die sogenannte Exclusion Zone. In dem Jahr, in dem sich das Unglück zum 30. Mal jährt, wird er aller Voraussicht nach ein Vielfaches des ukrainischen Durchschnittsgehaltes verdienen. Ohne dafür ein Risiko einzugehen, wie er sagt.

Was ist geblieben vom größten atomaren Unfall, den die Welt bislang erlebt hat? HAZ-Reporter Jörn Kießler ist in die Geisterstadt gereist, und hat sich die sogenannte Exclusion Zone aus nächster Nähe angesehen.

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"Um Guide für die Exclusion Zone zu werden, muss man eine sechsmonatige Ausbildung machen", erklärt der 26-Jährige in passablem Englisch. Sein Ausbilder, der ihm alles zeigte, mache den Job bereits seit 20 Jahren. "Und er hat keine gesundheitlichen Probleme", erklärt Eremenko und schiebt hinterher: "Er hat sogar Kinder." Es ist eine Art Mantra, die er sich selbst, aber auch den Besuchern immer wieder vorbetet, die aus der ganzen Welt kommen. Es sind vor allem US-Amerikaner und Briten, die sich für die Tour durch das verseuchte Gebiet anmelden. Dicht gefolgt von Russen und Polen. 2014 besuchten rund 13.000 Menschen die Exclusion Zone, im Jahr darauf waren es 15.000. Tendenz steigend.

In diesem Jahr hat Eremenko vor allem Anfragen von Journalisten und Kamerateams aus der ganzen Welt. Der Aufnäher, den er voller Stolz auf dem rechten Ärmel seines Hemdes trägt, zeigt, dass er einer von 20 Guides ist, die gut Englisch sprechen. Dadurch sind seine Dienste vor allem für westliche Journalisten interessant. Unter anderem begleitete er im April den deutschen TV-Entertainer Wigald Boning durch die Exclusion Zone. Er drehte dort für ein Doku-Format des Fernsehsenders History. Für diese Folge der Serie „Wigald & Fritz – Die Geschichtsjäger“ hatten sich Autor, Kamerateam und Stars zuvor beim Bundesamt für Strahlenschutz über die Belastung rund um Tschernobyl informiert. Vor Ort begleitete sie Sebastian Pflugbeil, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz.

„So vorbereitet sind aber die wenigsten Besucher“, erklärt Eremenko. Zwar seien die meisten Menschen ängstlich, wenn sie das Sperrgebiet betreten. „Das legt sich aber schnell“, sagt der 26-Jährige. „Dann wollen sie an Orte geführt werden, an denen die Strahlung besonders hoch ist.“ Solche Hotspots kennt Eremenko zuhauf. Kaum betritt er einen der 160 Orte, die nach dem Reaktorunglück verlassen wurden, zeigt er wie selbstverständlich auf bestimmte Stellen. Hier ein Holzbrett, das verlassen in der Einfahrt zu einem Grundstück liegt, da ein von einem Plünderer aus einem Wohnhaus hinaus gezerrter Schrank. „Wenn die Touristen die Gegenstände dann mit ihrem Strahlenmessgerät geprüft haben, reicht ihnen das auch nicht mehr“, sagt Eremenko. „Sie wollen sie dann auch unbedingt berühren.“ Die meisten der Guides erlauben das auch. Sie wollen die Menschen, die ihr Gehalt zahlen, nicht verärgern. Außerdem ist das ja alles ungefährlich.

Dieser Eindruck wird auch an offiziellen Stellen in der Exclusion Zone vermittelt. Eremenko das Tablet mittlerweile zur Seite gelegt. Die Reisegruppe nähert sich dem Besucherzentrum des Kernkraftwerkes. Pünktlich zum Jubiläum wird das kleine Gebäude, hinter dem der Sarkophag rund um den zerstörten Block 4 wie ein riesiges Mahnmal in den Himmel ragt, in freundlichem Grau gestrichen. Im Inneren werden die Katastrophentouristen von einer Mitarbeiterin der Regierung empfangen. Die Wände zieren Hochglanzaufnahmen des Reaktors aus besseren Zeiten. Trotz der aufgeräumten Atmosphäre herrscht Foto- und Filmverbot. Offiziell aus Sicherheitsgründen.

Ein anderer möglicher Grund dafür, dass nichts aus dem Inneren des Kraftwerkes an die Öffentlichkeit dringen soll, wird bei dem Vortrag der Ukrainerin deutlich. „Wir haben nicht nur eine sichere Arbeitsumgebung für die Mitarbeiter im Kernkraftwerk geschaffen“, erklärt sie in gebrochenem Englisch, dafür aber umso lauter. „Auch die ganze Exclusion Zone ist mittlerweile sicher.“ Einen handfesten Beweis dafür bekommen die Besucher der Exclusion Zone am Abend, wenn sie den 30-Kilometer-Radius rund um das havarierte Kernkraftwerk wieder verlassen. In einem riesigen Strahlenmessgerät, das aussieht wie ein überdimensionierter Türrahmen aus Metall, müssen die Touristen ihre Hände und Füße auf Messfelder legen. Rücken und Po werden gegen eine weitere Fläche gedrückt, an der die Strahlung gemessen werden soll. Ein kleines orangefarbenes Lämpchen blinkt auf, wenn alles in Ordnung ist. Bei einigen der Besucher passiert das, bevor sie überhaupt die Hände auf den Messfelder abgelegt haben.

„Alles sicher“, sagt Eremenko und mahnt seine Gruppe zur Eile. Er will zurück nach Kiew. Morgen kommt er schon mit einer anderen Touristengruppe zurück nach Tschernobyl. 

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