Nach der Haftentlassung: Jörg Kachelmann droht in seinem eigenen Unternehmen Meteomedia der Machtverlust. Er kämpft nicht nur um seine Ehre, sondern auch um sein Lebenswerk.
Beim Wetterdienst Meteomedia hält man derzeit Ausschau nach neuen Mitarbeitern. Gesucht wird zum Beispiel ein Meteorologe, idealerweise „mit Moderationserfahrung“, so steht es auf der Unternehmenshomepage. Jörg Kachelmann fällt einem da ein, aber der arbeitet dort schon. Es ist seine Firma. Damit das auch so bleibt, wird Kachelmann in den nächsten Wochen wohl so einige Personalien in seinem Wetterunternehmen zu klären haben. Er kämpft nicht nur um seine Ehre, sondern auch um sein Lebenswerk.
Im Laufe der vergangenen 132 Tage, die der wegen Vergewaltigung angeklagte Kachelmann in Untersuchungshaft verbracht hat, ist bei Meteomedia intern ein heftiger Machtkampf entbrannt. Wie der „stern“ berichtet, hat Kachelmanns Mitgesellschafter Frank B. Werner versucht, in Abwesenheit seines Partners die Geschäfte des gemeinsamen Unternehmens vom Namen Jörg Kachelmann zu lösen. Kachelmann hält 49 Prozent an Meteomedia, Werner 38 Prozent. Der Journalist und Unternehmer soll einen Imageschaden befürchtet haben, wenn der im schweizerischen Gais und in Bochum ansässige Wetterdienst weiter wie bisher mit dem Namen seines Gründers wirbt.
Laut „stern“ hatte Werner durchgesetzt, dass Kachelmann nicht mehr selbstständig Unternehmensverträge abschließen kann. Daraufhin habe Kachelmann aus dem Gefängnis heraus Werner als Verwaltungsrat der gemeinsamen Firma entmachtet und auch seine Geschäftsführerin Kristina Schless gefeuert, nachdem sie verkündet hatte, die Quoten vom „Wetter im Ersten“ seien auch ohne Kachelmann als Moderator gut. Schless soll sich mittlerweile in ihren Job zurückgeklagt haben. Unter dem Dach der weltweit verzweigten „Jörg Kachelmann Produktions AG“ arbeiten rund 100 Mitarbeiter, die Unruhe ist groß.
Und bei Kachelmann selbst? „Der Albtraum ist für mich noch nicht zu Ende“, sagte er am Tag nach seiner Haftentlassung in Interviews bei ARD und ZDF. Sich dem Prozess zu entziehen, komme nicht infrage: „Aufgrund meines Wissens, dass ich unschuldig bin, habe ich keinen Grund, mich von irgendetwas fernzuhalten oder wegzulaufen.“ Unschuldig im Gefängnis zu sitzen sei das bisher Furchtbarste in seinem Leben gewesen. Die herzliche Verabschiedung von seinem „Stockwerksbeamten“ in der U-Haft erklärte Kachelmann damit, dass dieser „mehr als ein Kumpel“ für ihn geworden sei. Unter den Gefangenen habe „wechselseitiger Respekt“ geherrscht, „das war sehr wichtig“. Am Donnerstagabend feierte Kachelmann seine Freilassung mit Freunden in einem italienischen Restaurant in Köln.
Das Landgericht Mannheim teilte gestern mit, es sehe trotz der Aufhebung der Untersuchungshaft das Verfahren wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung weiterhin als eilbedürftig an. Am 6. September wird Kachelmann daher wie geplant auf der Anklagebank sitzen.
Kam am Donnerstag aus dem Gefängnis frei: Wetterexperte Jörg Kachelmann.
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Wann beginnt der Prozess gegen Kachelmann?
Die Hauptverhandlung wegen des Verdachts der Vergewaltigung gegen Kachelmann beginnt wie geplant am 6. September. Nachdem das Oberlandesgericht Karlsruhe am Donnerstag den Haftbefehl gegen den Schweizer aufgehoben hatte, kündigte das Landgericht Mannheim an, über den Zeitpunkt des Verfahrensbeginns neu zu beraten. Am Freitag bestätigte das Gericht den ursprünglichen Termin, weil das Verfahren eilbedürftig sei - auch wenn Kachelmann nicht mehr in Haft sitze.
Kann der Prozess noch abgesagt werden?
Nein. Nach Eröffnung des Hauptverfahrens kann die Staatsanwaltschaft ihre Anklage nicht mehr zurückziehen. Die Ermittler werfen Kachelmann vor, seine ehemalige Freundin Anfang Februar in ihrer Schwetzingen Wohnung vergewaltigt und mit einem Messer am Hals verletzt zu haben. Die Staatsanwaltschaft erhob Mitte Mai Anklage, das Landgericht Mannheim eröffnete Anfang Juli das Hauptverfahren gegen Kachelmann. Der 52-jährige Schweizer bestreitet die Vorwürfe. Theoretisch könnte die Staatsanwaltschaft, wenn sie sich ihrer Sache nicht mehr sicher sein sollte, am ersten Prozesstag auf Freispruch plädieren. Das Verfahren wäre dann schnell beendet.
Könnte sich Kachelmann dem Verfahren entziehen?
Kachelmann kann sich seit seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft frei bewegen und auch ins Ausland fahren. Theoretisch könnte er sich in die Schweiz absetzen. Das Land liefert eigene Staatsbürger nicht aus.
Was passiert, wenn er nicht vor Gericht erscheint?
Sollte Kachelmann nicht nach Mannheim zur Hauptverhandlung kommen, könnte er im gesamten Schengenraum per Haftbefehl ausgeschrieben werden, sagte der Karlsruher Strafrechtler Michael Rosenthal der dpa. Kachelmann könne sich in Europa dann praktisch nicht mehr frei bewegen. 25 europäische Staaten sind Mitglied des Schengener Abkommens. Eine Flucht nach Kanada oder in die USA sei ebenfalls sinnlos, da mit beiden Ländern ein Auslieferungsabkommen bestehe. Vergewaltigung verjährt nach deutschem Recht erst nach 20 Jahren.
Könnte Kachelmann bei einem Freispruch Schadenersatz geltend machen?
Der Berliner Presserechtsanwalt Christian Schertz hält dies durchaus für möglich. „Ich gehe davon aus, dass die sehr frühe Information der Öffentlichkeit über die Inhaftierung die Persönlichkeitsrechte Kachelmanns verletzt hat“, sagte Schertz der dpa. „Sollte Kachelmann im Hauptverfahren freigesprochen werden, stehen Amtshaftungsansprüche im Raum. Die Pressearbeit der Staatsanwaltschaft war Auslöser für die mediale Hetzjagd auf Kachelmann, bei der immer neue Details aus seinem Intimleben an die Öffentlichkeit kamen.“
dpa
Kommentare
Erfahrung bestärkt Wahrscheinlichkeit Ottilie Normalverbraucherin – 02.08.10
In den Frauenberatungsstellen sitzen Tag für Tag Frauen aller sozialen Schichten, die jetzt durch emotionale und physische Beziehungsgewalt von Männern zumindest seelisch für immer gezeichnet sind. Und sie beschreiben fast alle den gleichen "Jekyll/Hyde Typus", von daher würde es mich nicht überraschen, wenn Kachelmann auch in dieser Liga spielt. Da sind mir noch viel eloquentere, charismatischere, harmlos-selbstsicher-vertrauenerweckendere als er bekannt geworden, von denen niemand sowas je geglaubt hätte. Möge die Gerechtigkeit siegen.