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EU will weitere Flüchtlinge umverteilen

Kinderleiche verstärkt Debatte EU will weitere Flüchtlinge umverteilen

Nach den schockierenden Fotos der Leiche eines ertrunkenen Flüchtlingskinds und angesichts der chaotischen Zustände in Ungarn hat sich die Debatte in der Europäischen Union über den Umgang mit der Krise vehement verschärft.

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Der Syrer Aylan Kurdi, Vater des ertrunkenen Dreijährigen, weint um seine Familie.

Quelle: dpa

Istanbul/Berlin. Wie aus EU-Kreisen zu erfahren war, will Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker den Mitgliedstaaten vorschlagen, weitere 120.000 Flüchtlinge umzuverteilen. Deutschland und Frankreich forderten zugleich eine verbindliche Quotenregelung. Mit der neuen Umverteilung solle auf die "sehr dringliche Situation in Italien, Ungarn und Griechenland" reagiert werden, hieß es aus EU-Kreisen. Die 120.000 Menschen sollten über ein Quotensystem verteilt werden - zusätzlich zu der angestrebten Verteilung von 40.000 Flüchtlingen, die auf freiwilliger Basis bereits vorgesehen ist. Der Plan der Kommission, diese ersten 40.000 Flüchtlinge aus Italien und Griechenland über verpflichtende Quoten auf alle EU-Staaten zu verteilen, war im Juni am Widerstand einer Reihe osteuropäischer Staaten und Großbritanniens gescheitert. Vereinbart wurde im Juli lediglich die Verteilung von 32.000 Menschen auf freiwilliger Basis. Polens Ministerpräsidentin Ewa Kopacz bekräftigte ihre Ablehnung von Quoten, signalisierte aber Bereitschaft zur Aufnahme auf freiwilliger Basis. Polen sei "bereit, das Ausmaß unseres Engagements nach dem Prinzip der Freiwilligkeit zu diskutieren", erklärte sie in Warschau. Auch Portugal stellte die Aufnahme von mehr Flüchtlingen in Aussicht.

Merkel: Notwendiges Prinzip der Solidarität

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frankreichs Präsident François Hollande einigten sich auf eine gemeinsame Initiative für verbindliche Quoten. Bei einem Besuch in der Schweiz sprach Merkel von einem notwendigen "Prinzip der Solidarität". Nach Hollandes Angaben sollen die Vorschläge den EU-Innenministern am 14. September vorgelegt werden. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) warnte, die Flüchtlingskrise bringe durch die Wiederkehr von Grenzkontrollen die Reisefreiheit in Europa in Gefahr. Die EU müsse daher gemeinsam handeln. Der britische Premierminister David Cameron, dessen Land dem Schengenraum nicht angehört, sagte eine "Überprüfung" der Aufnahmezahlen zu. EU-Ratspräsident Donald Tusk warnte vor einer Spaltung zwischen Ost- und Westeuropa und forderte die "faire Verteilung" von "mindestens 100.000 Flüchtlingen" unter den EU-Staaten. Die EU müsse die Krise "ernsthaft angehen", sagte er bei einem Treffen mit Ungarns Regierungschef Viktor Orban in Brüssel. Zugleich müsse Europa mehr zur Grenzsicherung tun. Letztlich gab Tusk damit auch Orban Rückendeckung. Dessen Regierung steht in Europa seit Tagen in der Kritik.

"Alle wollen nach Deutschland"

In Budapest hinderten die Behörden Flüchtlinge über Tage, Züge nach Österreich und Deutschland zu nehmen. Am Wochenende hatte Ungarn zudem einen Grenzzaun zu Serbien fertiggestellt, um Flüchtlinge von der unkontrollierten Einreise abzuhalten. Am Donnerstag ließ die ungarische Polizei bis zu 300 Flüchtlinge in einem Zug in Richtung Orte nahe der Grenze zu Österreich abfahren, wie ein Reporter berichtete. Kurz nach der Abfahrt wurde der Zug aber gestoppt. Die Menschen sollten mit Bussen in ein nahes Aufnahmelager gebracht worden, wogegen sich viele von ihnen aber verzweifelt wehrten. Orban verteidigte in Brüssel das ungarische Vorgehen: Die Krise erfülle die Menschen nicht nur in Ungarn "mit Angst", sagte er. Dies sei aber "nicht ein europäisches", sondern "ein deutsches Problem". "Alle wollen nach Deutschland", sagte Orban. Ungarn stehe in der Pflicht, Flüchtlinge zu registrieren, und müsse seine Grenze nach dem Schengenabkommen sichern.

"Meine Kinder rutschten mir aus den Händen"

Das Foto eines vor der türkischen Küste ertrunkenen Kleinkinds aus Syrien hat am Donnerstag weltweit Bestürzung ausgelöst. Das Bild zeigt die Leiche des dreijährigen Ailan, die nach dem Kentern eines Flüchtlingsboots am Mittwoch mit dem Gesicht im Sand an einem Strand nahe dem Ferienort Bodrum gefunden wurde. Die türkische Polizei nahm Medienberichten zufolge vier aus Syrien stammende mutmaßliche Schleuser fest. Ailans Vater Abdallah Schenu sagte der türkischen Nachrichtenagentur Dogan, das Schlauchboot sei auf dem Weg zur griechischen Insel Kos plötzlich umgestürzt, weil einige Insassen aufgestanden seien. "Meine Kinder rutschten mir aus den Händen", berichtete der Vater. "Es war dunkel, und alle schrien. Deshalb haben meine Frau und meine Kinder meine Stimme nicht gehört." Dem aus der nordsyrischen Kurdenstadt Kobane stammenden Mann gelang es nach eigenen Angaben, an die Küste nahe dem Ferienort Bodrum zu schwimmen. Neben Ailan starben auch dessen fünfjähriger Bruder Galip und die 27-jährige Mutter Rihanna.

Familie wollte weiter nach Kanada

Die Familie war im vergangenen Jahr vor der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat aus Kobane in die Türkei geflohen. Eine in Vancouver lebende Tante des Jungen sagte der Tageszeitung "Ottawa Citizen", Ziel der Familie sei Kanada gewesen. Das Foto von Ailan ging um die Welt. Der kleine Junge trug ein rotes T-Shirt und eine kurze blaue Hose. Ein junger Polizist nahm ihn in die Arme und trug ihn davon. Auf einem Foto ist zu sehen, wie der Beamte den Kopf zur Seite dreht, als könne er den Anblick der Kinderleiche nicht ertragen. Nilüfer Demir, die das Foto für die Nachrichtenagentur Dogan machte, sagte im Fernsehsender CNN-Türk, sie sei beim Anblick der Leiche "erstarrt". "Leider konnte nichts mehr für das Kind getan werden." Ihr Anliegen sei, dass über "die Tragödie dieser Menschen" nachgedacht werde.

afp/dpa/so

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