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Köln feiert gegen die Angst

Karneval im Schatten von Silvester Köln feiert gegen die Angst

Seit den Übergriffen auf Frauen an Silvester liegt ein Schatten über der Stadt – doch beim Karneval feiern die Kölner mit einem alten Lied gegen den Schock an. Ob es gelingt, die Ängste wegzuschunkeln?

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Tausende Polizisten und Sicherheitskräfte schützen in diesem Jahr den Kölner Karneval.

Quelle: Oliver Berg

Köln. Marita Köllner, 57, hat in all den Jahren als Sängerin im Kölner Karneval nur einen großen Hit gelandet. Das ist fast 30 Jahre her, und das Lied hieß "Denn mir sin kölsche Mädcher". Ein Schunkelwalzer, eigentlich schon in Vergessenheit geraten – bis er in diesem Jahr plötzlich wieder hochaktuell wurde. Denn nach den schrecklichen Vorfällen an Silvester ist das Lied zu einer Art Widerstandshymne geworden, zu einem Lied des Trotzes und gegen die Angst.

Seine neue Bedeutung erfährt das Lied am Sonnabend, dem 9. Januar: Rund um den Kölner Hauptbahnhof sind Demonstranten aufmarschiert. Rechts schreien die Linken. Links die Rechten. Doch zwischen beiden Lagern versammeln sich plötzlich mehrere Hundert Frauen vor dem Dom, haken sich unter und beginnen dieses Lied zu singen: "Denn mir sin kölsche Mädcher. Hann Spetzebötzjer (Spitzenhöschen) an. Mir lossen uns nit dran fummele, mir lossen keiner ran."

Frauen gegen die Schockstarre

Frauen, die auf die sexuellen Übergriffe eines entfesselten Mobs mit einem alten Karnevalsschlager antworten. Frauen, die gegen die Schockstarre ansingen, die eine ganze Stadt erfasst hat. "So was gibt es nur in Köln", sagt Edgar Franzmann, Autor von lokalen Krimis. "Selbst Ängste versucht der Kölsche wegzuschunkeln. Ob ihm das auch immer gelingt, ist eine andere Frage."

Knapp vier Wochen später liegen die Schatten der Silvesternacht noch immer über der Stadt. Es ist Weiberfastnacht. Zehntausende Narren werden erwartet – und nicht nur im Rathaus und in der Tourismuszentrale ist die Anspannung fast mit Händen zu greifen. Die Angst, dass es wieder passieren könnte …

Ein eiskalter Wind treibt eine Regenwolke nach der anderen über die Altstadt, wo um 11.11 Uhr der Startschuss zum Straßenkarneval fallen soll. Alter Markt und Heumarkt sind weiträumig abgesperrt. Gepäckkontrollen, Leibesvisitationen, Zutritt nur ohne Glasflaschen. Gefühlt alle zehn Meter Polizei, alle 50 Meter Kamerateams aus aller Welt. Aber von finsteren Gestalten nordafrikanischen Aussehens ist weit und breit nichts zu sehen. Die einzigen fremdländischen Gesichter sind eingepackt in Wollmützen, Schals und Jacken mit dem Logo von privaten Wachdiensten.

Polizei, Sicherheitsdienste und Ordnungsamt sind vor Ort

2500 Polizisten patrouillieren in der Stadt. Dazu noch 700 Mitarbeiter vom Ordnungsamt und den Sicherheitsfirmen. Doch auf dem Heumarkt, wo sonst an den Bierwagen und Bratwurstständen keine Armlänge Platz ist, verlieren sich nur einzelne Grüppchen. Die meisten Narren hat es durchnässt zu den umliegenden Kneipen und Brauhäusern getrieben, wo sie geduldig in der Schlange warten, bis sie der Türsteher einlässt. Oder zurück in den Hauptbahnhof, wo plötzlich eine Spontanparty steigt.

Das Wetter oder die Angst? Offiziell werden sie in Köln später sagen, dass das Wetter viele Besucher an diesem Tag abgeschreckt habe. Dagegen spricht, dass in der Südstadt Tausende stundenlang vor der Bühne von Radio Köln im Regen ausgeharrt haben, wo die Lieblingssänger dieser Session gekürt wurden.

Wenigstens die Zuschauertribünen auf dem Alten Markt sind an diesem Vormittag proppenvoll besetzt. Doch die sind auch überdacht. Außerhalb der Umzäunung sind immer noch fast mehr Polizisten zu sehen als Narren – und zunehmend genervte TV-Teams, immer noch auf der Suche nach gefährlich aussehenden Nordafrikanern. Was ihren Kameras entgeht, ist eine Szene, keine 70 Meter von der TV-Bühne entfernt, die gerade von Marita Köllner betreten wird.

"Denn mir sin kölsche Mädcher"

"Denn mir sin kölsche Mädcher": Ausgerechnet, als die Massen auf den Tribünen stimmgewaltig in den Refrain einfallen, umringt eine Gruppe von Flüchtlingen eine Frau im Flickenkostüm und einen Mann im Rollstuhl, verkleidet als amerikanischer Polizist. Halt! Die werden doch jetzt nicht ? Nein.

Der Mann heißt Ralf Riedel, kommt aus Köln-Ossendorf und leidet an Multipler Sklerose. Die Frau ist eine Mitarbeiterin der evangelischen Nathanael-Gemeinde. Und beide haben die Flüchtlinge heute dorthin geführt, wo das Herz des Karnevals schlägt. In der guten Absicht, sie zu integrieren. "Die Männer kommen aus Afghanistan, Pakistan und dem Irak", erklärt Riedel. "Und wir wollen ihnen zeigen, was der Kölner Karneval ist."

Den Fremden scheint das eher peinlich zu sein. Verlegen versuchen sie zu schunkeln und zu lächeln – und wirken dabei wie kleine Kinder, die brav das tun, was ihnen vorgemacht wird. Als die Frau auch noch rote Pappnasen verteilen will, lehnen sie dankend ab.

"Ich weiß mich auch ohne Pfefferspray zu wehren"

"Denn mir sin kölsche Mädcher ..." Das Lied schallt auch aus einer Altstadtkneipe, in der sich auffällig viele Männer mit etwas zu hungrigen Augen um vier als Zebras verkleidete Frauen drängen. Eine von ihnen ist Annegret, eine stramme Mittfünfzigerin. Angst, belästigt zu werden, hat sie noch nie gehabt. Auch in diesem Jahr nicht. "Ich weiß mich auch ohne Pfefferspray zu wehren", sagt sie. Eine halbe Stunde später bützt sie schon den dritten Mann. Falls man das, was sie da tut, denn wohl noch bützen nennen kann.

Und überhaupt: Wann ist ein Bützchen (im Kölschen ein harmloses Küsschen) kein Bützchen mehr? 22 Fälle von sexuellen Übergriffen meldet die Polizei am nächsten Tag. Darunter die Vergewaltigung einer jungen Frau, mutmaßlich durch einen afghanischen Asylbewerber.

Darunter aber auch Anzeigen wie die gegen einen Türsteher, der gegen einen Kuss einer Frau das Eintrittsgeld erlassen wollte. Oder das Begrapschen einer belgischen TV-Reporterin vor laufender Kamera. Einer der Täter meldet sich Tage später mit seiner Mama auf einer Wache. Er ist 17, hatte wohl zu viel getrunken und wollte die üblichen Mätzchen vor einer Kamera machen.

"Frauen sind inzwischen viel sensibler"

Dennoch: Statistisch gesehen ist das ein deutlicher Anstieg. Die Polizei führt das allerdings vor allem auf eine "erhöhte Anzeigenbereitschaft" zurück. "Viele Frauen sind inzwischen viel sensibler und melden sich bei uns", sagt Jürgen Mathies, der neue Kölner Polizeipräsident.

Insgesamt atmet Köln aber erst einmal auf. "Frauen fiere (feiern) sich ihr Kölle zurück", titelt der "Express" am nächsten Tag. Und, übrigens, wenn die Kölnerinnen in ihrer alt-neuen Hymne dabei von ihren Spetzebötzjern sangen, dann hat das nichts Anzügliches. Spetzebötzjer hat man sich eher als Unterhosen von Anno Dazumal vorzustellen. Blickdichte Baumwolle, an den Säumen mit Rüschen verziert, Tanzmariechen tragen es auch heute noch. Es ist ein traditionelles Kleidungsstück, das sich die Kölnerinnen nicht nehmen lassen wollen.

Von Udo Röbel

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