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Kölner Karneval im 
Schatten des Terrors

Polizei zeigt mehr Präsenz Kölner Karneval im 
Schatten des Terrors

Mehr als 2000 Polizisten sollen die Kölner Jecken an Weiberfastnacht und am Rosenmontag schützen. Die Karnevalisten lassen sich die Stimmung dennoch nicht verderben. Sie feiern – und Leibwächter passen auf die Frauen auf.

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Ein Bundespolizist in Köln am Hauptbahnhof mit einer Body-Cam Streife. Dabei tragen die Polizisten mobile Video-Kameras am Körper.

Quelle: Oliver Berg/dpa

Köln. Karnevalistin Susanne Diessner vertraut auf die Polizei. Dennoch: Wenn am Rosenmontag der Kölner Karnevalsumzug endet und ihr Wagen, eine nach Rosen duftende venezianische Gondel auf Rädern, sein Ziel in der Innenstadt erreicht hat, wartet auf die 450 Frauen der Karnevalsgesellschaft Colombina Colonia eine Neuerung.

Leibwächter für die Frauen

Ein Security-Team wird sie auf dem rund 900 Meter langen Weg zu ihrem Festsaal in der Nähe vom Dom eskortieren. "Bei einigen von uns ist die Angst nach der Silvesternacht groß", sagt Diessner, Mitglied im Vorstand der Gesellschaft. Wenn die Kölner Frauen in diesem Jahr Karneval feiern wollen, mieten sie sich lieber Leibwächter. Sicher ist sicher.

Der Karneval ist in diesem Jahr ein anderer. Ein unbeschwerter, trunkener einwöchiger Ausnahmezustand? Das war einmal. Die Ausschreitungen haben aus einem leicht durchgeknallten rheinischen Volksfest eine Hochrisikoveranstaltung von nationalem Interesse gemacht. Dabei hat sich auf den ersten Blick ja gar nicht so viel geändert: "Als Frau an Weiberfastnacht allein durch die Altstadt zu gehen", sagt Diessner, "das war auch vor zwei Jahren schon keine gute Idee." Blicke, Sprüche, Grapschereien, die Sitten waren in manchen Ecken auch vorher schon verroht.

Eine Million Besucher erwartet

Aber da ist ja auch noch die Angst vor dem Terror. "Dass da ein Irrer rumballert, das macht mir mehr Gedanken", gibt Diessner zu. Eine Million Menschen werden am Rosenmontagszug allein in Köln erwartet. Ziele gibt es also mehr als genug.

Die Polizei hat am Montag ihr Sicherheitskonzept für den großen Marsch durch Köln präsentiert. Mehr als 2000 Beamte werden auf den Straßen unterwegs sein, zusätzlich werden rund 350 Polizeianwärter eingesetzt. Für Straftäter stehen 400 Plätze in Gefangenensammelstellen bereit, und Stadt, Polizei, Justiz und Karnevalsvereine sind sich einig darin, dass mit Ertappten kurzer Prozess gemacht werden soll.

Keine konkrete Gefährdung

"Trotzdem", sagt der neue Polizeipräsident Jürgen Mathies, "kann es keine hundertprozentige Sicherheit geben." Es gebe eine "abstrakt hohe Gefährdungslage für einen Anschlag", konkrete "Gefährdungserkenntnisse" lägen aber nicht vor.

Die Angst vor dem Terror, die Gefahr durch Islamisten, eine Polizei, die in der Silvesternacht die Kontrolle verliert – sind das nicht lauter Steilvorlagen für süffige Karnevalistenscherze? Einer, für den die Kölner Silvesternacht zumindest in Teilen eine Themenvorlage ist, heißt Jupp Menth. Besser bekannt ist er als "Ne kölsche Schutzmann", unter diesem Namen absolviert er in dieser Session knapp 150 Auftritte als Büttenredner.

Ex-Polizist kritisiert die Politik

Zu Beginn erzählt er jedes Mal, er komme gerade aus Düsseldorf, vom Innenminister Ralf Jäger (SPD). Dem habe er gesagt: "Eine Pfeife wie Sie, die, um die eigene Haut zu retten, die Polizei in die Pfanne haut, die hat in Köln nichts zu suchen." "Dafür", sagt Menth, "gibt es immer großen Beifall."

Es ist sein Thema. 42 Jahre lang war der 67-Jährige selbst Polizist. Es ärgert ihn, wie Politiker nach der Silvesternacht laut Scheinlösungen verkündeten und rasche Verstärkungen für die Polizei ankündigten. "Die Ausbildung eines Polizisten dauert drei Jahre", sagt er. "Das wird bis Weiberfastnacht wohl nicht mehr ganz zu schaffen sein." Menth kann sehr bissig sein, beim Thema Flüchtlinge aber hält auch er sich zurück. "Das ist zu brisant, zu frisch, zu heiß."

Ob der Karneval in diesem Jahr ein anderer wird? Allzu pessimistisch ist der "kölsche Schutzmann" da trotz allem nicht. Schließlich gibt es diesen Satz aus dem kölschen Grundgesetz, der in Köln durchaus Verfassungsrang hat: "Et hätt noch immer joot jejange", es ist noch immer gut gegangen. "Und nach dem zehnten Bier", sagt Menth, "hält sich die Angst bei den meisten dann auch in Grenzen."

"Wir lieben die Narrenfreiheit"

Jecken greifen Absage auf: Der Terror ist ein grünes Gespenst. Zwischen den Zähnen klemmt eine Dynamitstange, die Zündschnur brennt. Beim Braunschweiger Karneval ist die riesige Figur mit dem Titel "Der Terror trifft uns alle" einer von mehreren Motivwagen, mit dem die Jecken die Absage 2015 aufgreifen. Voriges Jahr wurde die Innenstadt eine Stunde vor dem Start des Umzugs wegen einer Terrorwarnung geräumt.

Doch die Braunschweiger wollen sich das Feiern nicht verderben lassen. In diesem Jahr heißt es bei Norddeutschlands größtem Karnevalsumzug "Jetzt erst recht" – ein Motto, das sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel zu einem lobendem Kommentar inspirierte: "Wir lieben unsere Freiheit, die Meinungsfreiheit und ganz besonders die Narrenfreiheit." Bis zu 250.000 Besucher werden am 7. Februar zum Schoduvel erwartet.

Bei den anderen Umzügen im Land liegt der Schwerpunkt dagegen auf lokalen Themen. "Das ist eher die Aufgabe von Düsseldorf", sagt Rainer Behrens vom Karnevalsverein in Hannover über die großen Satire-Wagen. In Hannover werden am 6.  Februar rund 120.000 Menschen durch die Landeshauptstadt ziehen.

Auch Osnabrück wird an diesem Tag zum Narren-Mekka. Zum 40. Jubiläum des sogenannten Ossensamstags rechnen die Veranstalter wieder mit 60.000 Zuschauern. Sicherheit ist bei allen Umzügen ein besonderes Thema. In Braunschweig ist die Polizei mit doppelt so vielen Einsatzkräften auf der Straße wie 2015. Auch die Videoüberwachung wird ausgeweitet.

Verhaltensregeln in Mainz : Die rheinland-pfälzische Polizei geht mit einer Informationskampagne auf Flüchtlinge zu. In vier Sprachen erklären Flugblätter unter anderem, dass die Fastnachtstage in Deutschland friedlich gefeiert werden müssten und sexuelle Gewalt verboten sei.

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