Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Reker nach Messerattentat außer Lebensgefahr

Angriff auf OB-Kandidatin Reker nach Messerattentat außer Lebensgefahr

Bei einem Messerangriff auf offener Straße ist die Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker schwer verletzt worden. Ein Mann hatte sie an einem Wahlkampfstand angegriffen. Reker ist Sozialdezernentin in Köln, dabei auch für die Flüchtlingspolitik zuständig. Der Täter gab an, er habe aus Fremdenfeindlichkeit gehandelt.

Voriger Artikel
Deutscher erschießt legendären Elefanten
Nächster Artikel
Mehr als doppelt so viele Tote wie verkündet

Henriette Reker ist bei einer Messerstecherei schwer verletzt worden.

Quelle: dpa

Köln. Einen Tag vor der Oberbürgermeisterwahl in Köln hat ein Attentäter aus vermutlich fremdenfeindlichen Motiven die Kandidatin Henriette Reker mit einem Jagdmesser niedergestochen. Der 44-jährige arbeitslose Mann attackierte die auch für die Unterbringung von Flüchtlingen zuständige Sozialdezernentin am Samstagmorgen an einem CDU-Wahlkampfstand auf einem Wochenmarkt. Die parteilose Reker war nach einer Notoperation außer Lebensgefahr.

"Die Operation von Frau Reker ist sehr gut verlaufen", teilte Professor Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin der Uniklinik Köln, am Samstagabend mit. "Wir haben keinen lebensbedrohlichen Zustand mehr." Bei normalem Verlauf hielten die behandelnden Ärzte die vollständige Wiederherstellung der Gesundheit Rekers für wahrscheinlich. Der Attentäter hatte ihr eine Verletzung am Hals zugefügt.

Wahl findet wie geplant statt

Die Wahl findet trotz des Attentats wie geplant am Sonntag statt. Die Wahlleiterin Gabriele Klug appellierte an die Kölner, nach dem Angriff auf Reker auf jeden Fall wählen zu gehen. Alle Parteien stoppten aber den Wahlkampf.

Die Kölner Oberbürgermeisterkandidatin Henriette Reker ist einen Tag vor der Wahl bei einer Messerattacke in Köln verletzt worden.

Zur Bildergalerie

Das Attentat löste Sorge über zunehmende Gewalt in der Diskussion über die Aufnahme von Asylbewerbern in Deutschland aus. "Dieser feige Anschlag in Köln ist ein weiterer Beleg für die zunehmende Radikalisierung der Flüchtlingsdebatte", teilte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) mit. Er sei schon "seit langem besorgt über die hasserfüllte Sprache und gewalttätigen Aktionen". Flüchtlinge, Helfer, Ehrenamtliche und Politiker würden angegriffen.

Menschenkette vor dem Rathaus

Am Samstagabend setzten die Spitzen der NRW-Politik ein Zeichen gegen Gewalt. Vor dem Kölner Historischen Rathaus begannen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), NRW-CDU-Chef Armin Laschet, der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner sowie Grünen-Politiker eine Menschenkette zu bilden. "Wir stehen hier zusammen als Demokraten, um ein Zeichen zu setzen gegen diese verabscheuungswürdige Tat", sagte Kraft.

Am Tatort kam es am Morgen zu dramatischen Szenen. Ein Beamter der Bundespolizei, der in seiner Freizeit auf dem Markt war, griff laut Polizei als erster ein und überwältigte den mit zwei Messern bewaffneten Attentäter. Neben Reker wurden auch eine Kölner CDU-Politikerin, eine FDP-Ratsfrau und zwei Bürger verletzt. Reker und eine weitere schwer verletzte Frau wurden in ein Krankenhaus gebracht.

Angreifer gesteht fremdenfeindliche Motive

Der festgenommene Mann mit deutscher Staatsangehörigkeit hatte nach Angaben der Ermittler zwei Messer bei sich und griff Reker gezielt an. Der Angreifer habe für die Tat fremdenfeindliche Motive angegeben, sagte Norbert Wagner, Leiter Direktion Kriminalität. Nach der Festnahme habe er allgemeine Angaben zur Flüchtlingspolitik gemacht, den Namen von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) dabei nicht erwähnt. Die Polizei teilte am Abend, dass der Angreifer weiter in ihrem Gewahrsam sei. Am Sonntag werde der Staatsanwalt weitere Entscheidungen treffen.

Der Mann handelte nach ersten Erkenntnissen allein. Er werde auch auf seinen psychische Gesundheit untersucht. Nach eigenen Angaben war der Tatverdächtige seit längeren Jahren arbeitslos, von Beruf Maler und Lackierer sowie Hartz IV-Empfänger. Zuvor sei der in Köln lebende Mann polizeilich nicht ausgefallen.

Der ermittelnde Oberstaatsanwalt Ulf Willuhn sagte: "Zum jetzigen Zeitpunkt deuten die Zeugenaussagen (...) darauf hin, dass in der Tat fremdenfeindliche Motive des Täters ausschlaggebend waren." Nach einem unbestätigten Bericht von "Spiegel online" soll der Angreifer in den 1990er Jahren bei einer Neonazi-Gruppe, der Freiheitlichen Deutschen Arbeitspartei (FAP), mitgemacht haben. Zuletzt sei der Mann mit ausländerfeindlichen Kommentaren im Internet aufgefallen, hieß es unter Berufung auf Behörden.

Erzbischof Woelki: "sinnlose Gewalttat"

Kanzlerin Merkel verurteilte die Tat und erkundigte sich in einem Telefonat bei NRW-CDU-Chef Armin Laschet nach dem Gesundheitszustand Rekers, wie eine Regierungssprecherin mitteilte. Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki erklärte: "Es ist erschütternd, dass eine solch sinnlose Gewalttat den Wahlkampf überschattet."

Die parteilose Reker wird von CDU, Grünen und FDP unterstützt und liegt laut einer jüngsten Umfrage vor ihrem SPD-Konkurrenten Jochen Ott. Eigentlich sollte schon Mitte September in der viertgrößten deutschen Stadt gewählt werden. Die Bezirksregierung hatte aber die Stimmzettel beanstandet, das Votum wurde um fünf Wochen verschoben.

"Angriff auf uns alle": Politiker schockiert über Anschlag

Politiker im ganzen Land haben bestürzt auf den Anschlag reagiert:

  • NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD): "Diese feige und verabscheuungswürdige Tat ist auch ein Anschlag auf die Demokratie in unserem Land und damit auf uns alle."
  • NRW-Innenminister Ralf Jäger: "Ein verabscheuungswürdiges Attentat. Die Ermittlungen der Kölner Polizei und des LKA lauf auf Hochdruck. Die ersten Anzeichen sprechen für eine politisch motivierte Tat."
  • Stellvertretender CDU-Bundesvorsitzender Armin Laschet: "Dieser Angriff auf eine so engagierte Kommunalpolitikerin schlägt in der Mitte unserer Gesellschaft ein. Heute Nachmittag hätte ich mit Frau Reker in der Kölner Schildergasse Wahlkampf gemacht."
  • Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki: "Es ist erschütternd, dass eine solch sinnlose Gewalttat den Wahlkampf überschattet."
  • FDP-Bundesvorsitzender Christian Lindner: "Eine feige und irrsinnige Tat, die letztlich allen gilt, die sich für die Demokratie engagieren."

Hintergrund: Das ist Henriette Reker

Die 58-jährige Juristin Henriette Reker ist seit 2010 Sozialdezernentin in Köln. Die parteilose Kandidatin gilt als aussichtsreiche Bewerberin bei der für Sonntag geplanten Oberbürgermeisterwahl in Köln. Sie wird unterstützt von der CDU, FDP und den Grünen. Reker versprach im Wahlkampf einen "tiefgreifenden Wandel in Köln" und kündigte an, nach mehreren Skandalen in Köln verlorenes Vertrauen in Politik und Verwaltung durch mehr Transparenz und Bürgerbeteiligung zu stärken. Sollte sie Kölner Oberbürgermeisterin werden, wäre das eine Doppelpremiere: Reker wäre die erste Frau in der Geschichte der Großstadt, die sich die Amtskette umhängen darf. Zugleich würde sie als erste Parteilose den Chefsessel im Kölner Rathaus erobern. Reker wurde in Köln geboren und wuchs dort auf. Nach dem Jurastudium arbeitete sie in Bielefeld, Münster und Gelsenkirchen, bevor sie 2010 nach Köln zurückkehrte. Unter anderem war sie Justiziarin für die NRW-Innungskrankenkassen, außerdem sammelte sie zehn Jahre lang Verwaltungserfahrung als Dezernentin in Gelsenkirchen. Seit fünf Jahren leitet sie in Köln das Dezernat für Soziales, Integration und Umwelt.

afp/dpa/mic/jos

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Warnung von Thomas de Maizière
Pegida-Demo in Dresden vor einer Woche.

Bundesinneminister Thomas de Maizière (CDU) hat sich mit klaren Worten gegen Pegida positioniert. Die antiislamische Bewegung werde von Rechtsextremen geführt: "Bleiben Sie weg von denen, die diesen Hass, dieses Gift in unser Land spritzen", sagte er in der ARD.

mehr
Mehr aus Panorama
Familiendrama mit sechs Toten in Österreich

Ein Familiendrama erschüttert Österreich. Eine Frau soll mehrere Angehörige erschossen haben.