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Königin Silvia rettet Ruf ihres Vaters

Von Nazi-Vorwürfen entlastet Königin Silvia rettet Ruf ihres Vaters

Der Zwischenbericht eines Historikers hat den Vater der schwedischen Königin Silvia von Nazi-Vorwürfen entlastet: Walther Sommerlath sei zwar nationalsozialistisches Parteimitglied, aber nie aktiver Nazi gewesen. Wenn seine Fabrik in Berlin Kriegsgüter herstellte, dann nur deshalb, weil sie dazu gezwungen war.

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Das Archivbild aus dem Jahr 1990 zeigt Königin Silvia mit ihren Eltern Alice und Walther.

Quelle: dpa

Kopenhagen. Und der Mann, dem Sommerlath im Rahmen der „Zwangsarisierung“ den Betrieb einst abnahm, konnte sich deshalb in die Freiheit nach Brasilien retten. Das sind die ersten Ergebnisse der Untersuchung, die Silvia selbst im Vorjahr in Auftrag gegeben hatte. Jetzt sieht die Tochter den Ruf ihres Vaters reingewaschen: „Mir war nicht bange, was ich finden würde“, sagte sie der Zeitung „Göteborgs-Posten“ mit Blick auf die Faktensuche in deutschen und brasilianischen Archiven.

Der Bericht, den der Stockholmer Hof jetzt veröffentlicht hat, ist kein Abschlussrapport, sondern „Teil einer laufenden Untersuchung“, betont dessen Autor, der ehemalige Reichsarchivar Erik Norberg. Vieles von dem, was er und seine Mitarbeiter fanden, war auch der königlichen Familie unbekannt. „Mein Vater hat nie über diese Zeit gesprochen, und wir Kinder haben nie danach gefragt“, bekennt Silvia nun. Dass der 1990 gestorbene Sommerlath schon im Jahr 1934, als er noch in Brasilien lebte, der NSDAP beigetreten war, hatte der Historiker Mats Deland 2002 aufgedeckt. Dass er nach der Rückkehr nach Deutschland einen Betrieb übernahm, zu dessen Verkauf der jüdische Besitzer Efim Wechsler gezwungen wurde, hatte der Fernsehsender TV 4 im Vorjahr enthüllt. Jetzt glaubt Silvia beweisen zu können, dass dies nicht Ausbeutung, sondern lebensrettend war: „Ich habe in den Archiven Unterlagen gefunden, die zeigen, dass mein Vater und Wechsler eine Übereinkunft trafen“. Sommerlath übernahm Wechslers Berliner Fabrik, die elektrische Konsumartikel wie Haartrockner und Kaffeemaschinen herstellte. Wechsler erhielt dafür die Kaffeeplantage, die der Familie von Sommerlaths brasilianischer Ehefrau gehörte, sowie mehrere Grundstücke. Das gab ihm die Möglichkeit, legal in Brasilien einzureisen, wo die Grenzen für Zuwanderer ohne Besitztümer geschlossen waren. So entkam er der Judenverfolgung in Deutschland.

Dass bei dem Handel alles mit rechten Dingen zuging, sieht der Untersuchungsbericht durch den Umstand bewiesen, dass Wechsler nach dem Krieg zwar Entschädigung für eine Immobilie beantragte, die ihm im Rahmen der „Arisierung“ abgenommen worden war – nicht aber für die Fabrik. Die Plantage verkaufte er später wieder an einen Schwager von Silvias Mutter und zog als Fabrikant nach Rio de Janeiro, wo er 1962 starb, 79 Jahre alt. Kontakt hatten Wechsler und Silvias Vater offensichtlich keinen mehr, auch nachdem dieser mit seiner Familie nach dem Krieg nach Brasilien zurückkehrte.

Erstmals war Walther Sommerlath 1920 emigriert, 19 Jahre alt. Er fühle sich in seiner Heimat überflüssig, schrieb er damals an seinen Bruder. In Brasilien arbeitete er für einen Stahlkonzern, heiratete die dort geborene Alice Soares de Toledo, stieg gesellschaftlich auf – und trat der Auslandsorganisation der NSDAP bei. Über Sommerlaths Motive brachten die Nachforschungen wenig. Norberg versucht ihn mit seinem Beruf und seinem Alter als „typischen Parteigänger“ darzustellen. In São Paolo, wo die Sommerlaths wohnten, sei die Partei stark und der Druck unter den Emigranten daher groß gewesen. Silvia sagt jedenfalls, sie habe in den Archiven keine Anzeichen für eine aktive Rolle ihres Vaters gefunden. Das überzeugt den Historiker Alf Johansson, den die Zeitung „Aftonbladet“ befragte, nicht: „Manche gingen aus ideologischen Gründen in die Partei, andere aus opportunistischen. Vielleicht versprach er sich wirtschaftlichen Nutzen.“ Alle hätten gewusst, dass sich die Juden in einer Zwangslage befanden. „Vielleicht war es ein reines Geschäft, vielleicht Ausplünderung, doch die Juden hatten keine Wahl.“

Keine Wahl habe aber auch Sommerlath gehabt, als seine Fabrik als „W-Betrieb“ klassifiziert wurde, als Teil der „Wehrwirtschaft“, heißt es in dem Bericht. Im Februar 1945 wurde die Anlage bei der Bombardierung Berlins zerstört, die Firma hörte auf zu existieren. Der Besitzer floh zu Frau und Kindern, die er schon zuvor nach Heidelberg geschickt hatte. Nach dem Krieg gab es erneut kein Bleiben: Ohne Kapital sah Sommerlath in der Heimat keine Zukunft. Am 2. Februar 1947 stieg die Familie in Hamburg an Bord eines Kohlendampfers mit Ziel Rio de Janeiro. Die dreijährige Silvia war diesmal mit auf der Reise.

Hier gibt es den Bericht auf Deutsch.

Hannes Gamillscheg

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