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Kinder, die auf Leichen starren

Diskussion um "Körperwelten" Kinder, die auf Leichen starren

Die Macher der "Körperwelten"-Ausstellung provozieren in Berlin mit einem Anatomiekurs für Schüler. Kirchenvertreter üben scharfe Kritik: Es handele sich um "eine reine Zurschaustellung von Verstorbenen".

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Der richtige Umgang mit dem Tod? Medizinstudent Daniel Wobetzky erläutert im Menschen-Museum in Berlin einer Gruppe von Kindern die Anatomie des Menschen.

Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa

Berlin. Woraus bestehen eigentlich Knochen? Medizinstudent Daniel erklärt die Rolle von Kalzium in den abgedunkelten Räumen des Menschen-Museums von Leichenplastinator Gunther von Hagens. Im weißen Kittel steht er neben einer Vitrine mit einem Skelett im Schneidersitz. Es ist echt. Ein Kindergrüppchen hängt an Daniels Lippen, fotogen mit Arztkittel, Stethoskop und Mundschutz um den Hals. Die Empörung war groß, als das umstrittene Museum ankündigte, "Junior-Doktor"-Kurse anzubieten.

Kirchenvertreter äußerten sich entsetzt über das "schädliche" Angebot. "Das ist für die Kinder keine Einführung in dem Umgang mit dem Tod. Hier handelt es sich um eine reine Zurschaustellung von Verstorbenen", sagte der Superintendent im Evangelischen Kirchenkreis Berlin-Stadtmitte, Bertold Höcker, dem "Berliner Kurier". Ein Affront auch für den Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Christian Hanke (SPD): Er zeigte sich in mehreren Zeitungen schockiert, kämpft er doch seit mehr als einem Jahr erbittert gegen das Museum am Alexanderplatz.

Seit 1996 gibt es die Wanderausstellung "Körperwelten". Sie zeigt plastinierte, zum Großteil menschliche Körper in Alltagssituationen. Seit 2009 ist die Ausstellung des Plastinators Gunther von Hagens in aller Munde. Im Februar 2015 eröffnete das "Körperwelten"-Museum im Fernsehturm am Alex.

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Erstmals stimmte im Dezember ein Gericht der Auffassung des Bezirks zu, dass die Körper, die nach dem Konservierungsverfahren als Leichen zu sehen sind, bestattet werden müssten. Auch kamen die Richter zu dem Schluss, dass das Museum angesichts anonymisierter Exponate die Einwilligung der Spender nicht nachweisen könne.

"Wir kämpfen bis zum Schluss"

Ein schwerer Schlag für von Hagens, der bei früheren Streitigkeiten um seine "Körperwelten"-Schauen stets als Sieger vom Platz gegangen war.

Anders beim Berliner Urteil: Demnach braucht das Museum eine Genehmigung. Die will der Bezirk nicht erteilen. Jetzt haben die Betreiber Klage eingereicht. Solange der Rechtsstreit läuft, bleiben die Tore am Alexanderplatz offen. "Wir kämpfen bis zum Schluss", sagt Kuratorin Angelina Whalley, von Hagens" Ehefrau. Es gehe um nicht weniger als ihr Lebenswerk.

Den umstrittenen Kinderkurs verfolgt sie genau. Der angehende Mediziner macht nach einer Einführung einen Rundgang mit den Kindern. Er zeigt Knochen, Herz und Lunge. Um das Thema Schwangerschaft, in der Schau durch einen Vorhang abgetrennt, macht der Kursleiter einen Bogen. Auch Schulklassen und Eltern mit Kindern sind im Museum unterwegs.

Auf etwa ein Viertel schätzt Whalley den Kinderanteil unter den bisher mehr als 160 000 Besuchern.

Vom Hilfspfleger zum Plastinator: Gunther von Hagens

Der Erfinder der "Körperwelten"-Schauen, wurde 1945 als Gunther Gerhard Liebchen geboren. Sein Abitur erwarb er in Abendkursen, später arbeitete er zunächst als Hilfspfleger. 1965 nahm von Hagens in Jena ein Medizinstudium auf. 1977 begann von Hagens in Heidelberg mit der Imprägnierung anatomischer Präparate. 1993 gründete er sein Institut für Plastination, drei Jahre später organisierter er die erste "Körperwelten"-Ausstellung. In London führte von Hagens 2002 eine öffentliche Sektion am menschlichen Körper durch. In Deutschland musste er ähnliche Veranstaltungen absagen, da die öffentlichen Reaktionen zu heftig ausfielen. 2008 bekam von Hagens die Diagnose Parkinson. In einem Gespräch mit der "Welt" sagte von Hagens, nach seinem Tod wolle er selbst als Plastinat ausgestellt werden.

Von Gisela Gross

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