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Komplize des getöteten 16-jährigen Einbrechers von Sittensen verurteilt

Landgericht Stade Komplize des getöteten 16-jährigen Einbrechers von Sittensen verurteilt

Es war ein schwieriger Prozess, der am Mittwoch nach siebenwöchiger Verhandlung in Stade endete. Um den Einbruch bei einem gehbehinderten Rentner ging es da, um räuberische Erpressung und die Anstiftung dazu. Vier Männer, 23 bis 25 Jahre alt, erhielten dafür am Mittwoch Strafen von ungefähr vier Jahren.

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Der Komplize des erschossenen 16-Jährigen wurden am Mittwoch vom Landgericht Stade verurteilt.

Quelle: dpa

Stade. Am Ende stand demonstrative Reue – und die Erinnerung an den toten Komplizen. „Ich schäme mich, dass wir einen alten Mann ausrauben wollten“, beteuerte einer der Angeklagten am Mittwoch vor dem Landgericht Stade. „Ich komme mir vor, als sei ich selbst der Mörder“, erklärte ein anderer. Eine berechtigte Selbstanklage, wie die Richter in ihrem Urteil gegen vier Männer und eine Frau am Mittwoch befanden: Moralisch seien sie für den Tod ihres 16-jährigen Komplizen verantwortlich – und nicht der 77-jährige Hausbesitzer, der den flüchtenden jungen Mann im vergangenen Jahr in Sittensen erschoss.

Es war ein schwieriger Prozess, der am Mittwoch nach siebenwöchiger Verhandlung in Stade endete. Um den Einbruch bei einem gehbehinderten Rentner ging es da, um räuberische Erpressung und die Anstiftung dazu. Vier Männer, 23 bis 25 Jahre alt, erhielten dafür am Mittwoch Strafen von ungefähr vier Jahren. Eine 21-jährige Frau veruteilten die Richter zu einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung. Im Mittelpunkt jedoch stand eine Frage, um die es in dem Verfahren offiziell gar nicht ging: Kann es Notwehr sein, einen flüchtenden 16-jährigen Einbrecher zu erschießen? Diese Frage begleitete den Prozess, beeinflusste indirekt das Urteil – und wird die Justiz auch noch weiter beschäftigen.

Der 77-jährige Ernst B. schien ein ideales Opfer zu sein: Nach einer Knieoperation noch auf Krücken angewiesen, reich, in einem einsam am Rand von Sittensen gelegenen Haus lebend. Dass die Einbrecher auf ihn aufmerksam wurden, verdankte B. seiner Schwäche für eine erhebliche jüngere Frau, die er in einer Bar kennengelernt und mit großzügigen Geschenken bedacht hatte. Deren Freundin wiederum wollte auch gern so ein schönes teures Auto haben – und versorgte ihre kriminellen, marihuanasüchtigen Freunde mit detaillierten Informationen über „Opa“, wie Ernst B. bei den jungen Frauen hieß.

Am 13. Dezember fuhren die Männer und ihre kundige Begleiterin von Neumünster nach Sittensen: Als Ernst B. kurz aus dem Haus tritt, ergreifen sie ihn, werfen ihn zu Boden und durchsuchen sein Haus. Als die Alarmanlage losschrillt, rennen sie hinaus. B., Jäger und Waffenliebhaber, greift sich eine Pistole und schießt den Flüchtenden hinterher. Den jüngsten, den 16-jährigen Labinot S., trifft er tödlich. Der junge Mann verblutet im Schnee, das Portemonnaie des Rentners mit 2000 Euro darin noch in der Hand.

Ernst B. hatte in diesem Verfahren nur einen kurzen Auftritt. Auf Krücken kam er am zweiten Prozesstag in den Saal, verweigerte die Aussage – und brachte damit, obwohl selbst Nebenkläger, die Staatsanwaltschaft in eine unangenehme Lage. B. hatte vor dem Prozess ausgesagt, dass er mit einer Waffe bedroht worden sei. Die Staatsanwaltschaft bezog sich in ihrer Anklage darauf. Damit hätte den Angeklagten mindestens fünf Jahre Haft gedroht, erklärte deren Sprecher Kai Thomas Breas am Mittwoch. Mit seinem Schweigen reduzierte Ernst B. am Mittwoch die Strafe seiner Peiniger. Es sei nicht nachzuweisen, dass die Einbrecher tatsächlich eine Waffe bei sich gehabt hätten, erklärten die Richter am Mittwoch in ihrem Urteil.

Ernst B. hätte sich mit einer Aussage möglicherweise selbst belastet. Die Staatsanwaltschaft wollte das Urteil abwarten, bevor sie die Ermittlungen gegen ihn einstellt. „Wir gehen weiter davon aus, dass er in Notwehr geschossen hat“, sagte Breas am Mittwoch nach dem Urteil. Der Rentner habe keine andere Möglichkeit gehabt, sein Eigentum zu schützen.

Der Anwalt der Familie des Getöteten, Hendrik Prahl, will hingegen eine Anklage gegen Ernst B. notfalls auf gerichtlichem Weg erzwingen. Der Rentner habe nicht aus Notwehr geschossen: Dafür meint der Anwalt im Prozess weitere Hinweise gefunden zu haben. B. sei mit Sicherheit nicht bedroht gewesen, als er schoss. „Für uns ist nichts abgeschlossen“, sagte ein Onkel von Labinot S. nach dem Urteil. „Wir wollen, dass der alte Mann auf die Anklagebank kommt.“ Aus seiner Sicht hat der Richter noch nicht das letzte Wort gesprochen.

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Nach dem tödlichen Schuss eines Rentners auf einen 16 Jahre alten Räuber haben sich die vier Komplizen des Getöteten gestellt. Dies teilte die Polizei am Mittwoch mit.

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