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"In Deutschland gilt ab 22 Uhr die Nachtruhe."

Benimmregeln für Flüchtlinge "In Deutschland gilt ab 22 Uhr die Nachtruhe."

Ein Park ist nicht zum Pinkeln da, im Supermarkt muss die Ware bezahlt werden: Eine Gemeinde in Baden-Württemberg hat Benimmregeln für Flüchtlinge im Ort aufgestellt – und erntet dafür scharfe Kritik. Sie seien klischeehaft und belehrend. Der Bürgermeister indes verteidigt das Schreiben.

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"Liebe fremde Frau! Lieber fremder Mann!": Hardheims Benimmregeln für Flüchtlinge als Flugzettel.

Quelle: dpa

Hardheim. Ein von der Gemeinde Hardheim in Baden-Württemberg erstellter Verhaltenskatalog für Flüchtlinge sorgt für Diskussionen. Die Verwaltung der beschaulichen 4600-Einwohner-Gemeinde ist in die Kritik geraten, weil sie für die dort untergebrachten 1000 Flüchtlinge ein belehrendes Regelwerk aufgestellt hatte, das sie als Flugzettel verteilt und im Internet veröffentlicht hat.

"Liebe fremde Frau! Lieber fremder Mann!", beginnt das Schreiben, über das die Flüchtlinge laut Gemeinde in verschiedenen Landessprachen informiert wurden. Es folgen Belehrungen wie etwa "Deutschland ist ein sauberes Land und das soll es bleiben!" Und: "In Deutschland bezahlt man erst die Ware im Supermarkt, bevor man sie öffnet." Die "Süddeutsche Zeitung" hatte zuerst über die Benimmregeln berichtet.

In den sozialen Medien werden die Empfehlungen kontrovers diskutiert. Viele kritisieren den belehrenden Tonfall und dass speziell Flüchtlinge hier angemahnt werden zu Regeln, an die sich beispielsweise beim Oktoberfest oder sonstigen Festen niemand halte. Auch viele zynische Kommentare gibt es:

 

Die als "Hilfestellung und Leitfaden für Flüchtlinge" auf der Homepage der Stadt erschienenen Benimmregeln seien "im Grunde gut gemeint und auch sinnvoll im Interesse der Flüchtlinge", sagte der evangelische Pfarrer der Gemeinde, Markus Keller, am Donnerstag. Allerdings halte er manche Formulierungen für "klischeehaft". "Mir ist nicht bekannt, dass Flüchtlinge ihre Notdurft im Park verrichten", sagt Keller beispielweise auf die von der Stadt beschriebenen Toiletten-Regeln. Allerdings sei der Hinweis auch nicht schlecht. "Ich habe auch schon gehört, dass manche Flüchtlinge nicht wissen, dass man das Toilettenpapier ins WC schmeißt. Stattdessen werfen sie es in den Mülleimer nebenan", sagte Keller: "Aber es gibt viele Gerüchte momentan."

Hardheims Bürgermeister Volker Rohm (Freie Wähler) verteidigt das umstrittene Schreiben gegen Kritik. "Der Leitfaden ist nicht als Schikane gedacht, sondern soll das Zusammenleben zwischen Asylbewerbern und Bevölkerung erleichtern", sagte er am Donnerstag. "Wir wollen die Asylbewerber damit nicht zu guten Deutschen machen. "Die als "Hilfestellung und Leitfaden für Flüchtlinge" gedachten Verhaltensempfehlungen habe er aus einer Vorlage der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" von vor drei Wochen übernommen, wo es einen Formulierungsvorschlag zum Umgang mit Flüchtlingen gegeben habe. Diesen habe er dann um "Erfahrungen der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer vor Ort ergänzt", sagte der Bürgermeister.

Hardheims Bürgermeister Volker Rohm verteidigt die Benimmregeln für Flüchtlinge.

Hardheims Bürgermeister Volker Rohm verteidigt die Benimmregeln für Flüchtlinge.

Quelle: dpa

Er selbst habe auf die Verhältnisse vor Ort reagieren wollen, "vielleicht hätte ich auch statt Deutschland Hardheim schreiben sollen", räumte Rohm ein. Dennoch fühlt er sich zu Unrecht von manchen in die rechte Ecke gedrängt und verweist stattdessen auf "extrem viele positive Reaktionen", die er in den vergangenen Stunden bekommen habe. Mehr als 20.000 mal sei der Leitfaden auf der städtischen Internetseite angeklickt worden.

Am Donnerstagnachmittag sperrte die Gemeinde Hardheim ihre Internetseite mit den Benimmregeln aufgrund "der großen Zugriffszahlen".

dpa,epd,so

Die Benimmregeln im Wortlaut

Liebe fremde Frau, lieber fremder Mann! Willkommen in Deutschland, willkommen in Hardheim. Viele von Ihnen haben Schreckliches durchgemacht. Krieg, Lebensgefahr, eine gefährliche Flucht durch die halbe Welt. Das ist nun vorbei. Sie sind jetzt in Deutschland. Deutschland ist ein friedliches Land. Nun liegt es an Ihnen, dass sie nicht fremd bleiben in unserem Land, sondern ein Zusammenleben zwischen Flüchtlingen und Einwohnern erleichtert wird. Eine Bitte zu Beginn: Lernen sie so schnell wie möglich die deutsche Sprache, damit wir uns verständigen können und auch sie ihre Bedürfnisse zum Ausdruck bringen können.

  • In Deutschland leben die Menschen mit vielen Freiheiten nebeneinander und miteinander: Es gilt Religionsfreiheit für alle. Frauen dürfen ein selbstbestimmtes Leben führen und haben dieselben Rechte wie die Männer. Man behandelt Frauen mit Respekt.
  • In Deutschland respektiert man das Eigentum der anderen. Man betritt kein Privatgrundstück, keine Gärten, Scheunen und andere Gebäude und erntet auch kein Obst und Gemüse, das einem nicht gehört.
  • Deutschland ist ein sauberes Land und das soll es auch bleiben! Den Müll oder Abfall entsorgt man in dafür vorgesehenen Mülltonnen oder Abfalleimer. Wenn man unterwegs ist, nimmt man seinen Müll mit zum nächsten Mülleimer und wirft ihn nicht einfach weg.
  • In Deutschland bezahlt man erst die Ware im Supermarkt, bevor man sie öffnet.
  • In Deutschland wird Wasser zum Kochen, Waschen, Putzen verwendet. Auch wird es hier für die Toilettenspülungen benutzt. Es gibt bei uns öffentliche Toiletten, die für jeden zugänglich sind. Wenn man solche Toiletten benutzt, ist es hier zu Lande üblich, diese sauber zu hinterlassen.
  • In Deutschland gilt ab 22.00 Uhr die Nachtruhe. Nach 22.00 Uhr verhält man sich dementsprechend ruhig, um seine Mitmenschen nicht zu stören.
  • Auch für Fahrradfahrer gibt es bei uns Regeln, um selbst sicher zu fahren, aber auch keine anderen zu gefährden. (Nicht auf Gehwegen fahren, nicht zu dritt ein Rad benutzen, kaputte Bremsen reparieren und nicht mit den Füßen bremsen).
  • Fußgänger benutzen bei uns die Fußwege oder gehen, wenn keiner vorhanden, hintereinander am Straßenrand, nicht auf der Straße und schon gar nicht nebeneinander.
  • Unsere Notdurft verrichten wir ausschließlich auf Toiletten, nicht in Gärten und Parks, auch nicht an Hecken und hinter Büschen.
  • Mädchen und junge Frauen fühlen sich durch Ansprache und Erbitte von Handy-Nr. und facebook-Kontakt belästigt. Bitte dieses deshalb nicht tun!

Auch wenn die Situation für sie und auch für uns sehr beengt und nicht einfach ist, möchten wir sie daran erinnern, dass wir sie hier bedingungslos aufgenommen haben. Wir bitten sie deshalb diese Aufnahme wert zu schätzen und diese Regeln zu beachten, dann wird ein gemeinsames Miteinander für alle möglich sein. Stand 06.10.2015"

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