Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Gewitter

Navigation:
„Längste Jugendherberge der Welt“ auf Rügen eröffnet

Neue Ferienanlage „Längste Jugendherberge der Welt“ auf Rügen eröffnet

Neues Leben im ehemaligen NS-Seebad Prora: Auf Rügen hat am Montag die „längste Jugendherberge der Welt“ eröffnet. Ein erster Rundgang in Begleitung eines Dreijährigen.

Voriger Artikel
54-Jähriger ertrinkt im Elbe-Seitenkanal
Nächster Artikel
Otto von Habsburg ist tot

Architektonisch funktionell: Bauten des KdF-Seebads Prora.

Quelle: dpa

Rügen. Mama, ich kann nicht mehr!“ Dylan, dreieinhalb Jahre alt und eigentlich gut zu Fuß, stößt in Prora schnell an seine Grenzen. Denn hier heißt es, Strecke machen. Immerhin, der Name ist gut gewählt: „Die längste Jugendherberge der Welt“, diesen unbescheidenen Titel trägt die am Montag eröffnete Unterkunft im sogenannten Koloss von Rügen, dem einstigen Seebad der Nationalsozialisten. Dabei streckt sich die Herberge im Block fünf nur über 140 Meter der insgesamt 4,5 Kilometer langen Anlage im Nordosten der Insel.

Doch für Dylan zählt jeder Meter. Zum Beispiel vom Speisesaal im linken Flügel bis zur Eingangshalle in der Mitte. Dort stehen giftgrüne Plastikbänke, die Kleinkinder umgehend als Klettergerüst identifizieren. Und Erwachsene als Härtetest für die Bandscheibe. „Coole Möbel stellen sich flexibel auf Sonderwünsche ein“, heißt das im Prospekt.

Beim Essen allerdings sollte man – wie in den meisten Jugendherbergen dieser Welt – nicht zu viele Sonderwünsche äußern. Für den Kartoffelsalat mit extra viel Mayonnaise kann Dylan sich ebenso wenig begeistern wie für den Seelachs in Panade. Es gibt zwar kein Wahlessen, aber doch stets eine vegetarische Variante. 3,60 Euro Lebensmittelkosten pro Kopf am Tag sind eine scharfe Kalkulation. Andererseits ist der Preis von 31,50 Euro Vollpension im Sommerurlaub für Familien schwer zu schlagen. „Wir sind kein Hotel“, stellt Dennis Brosseit fest, der vom Typ her wie die Antithese des klassischen Herbergsvaters aussieht – und passenderweise bis vor einem halben Jahr ein Hotel auf Mallorca geführt hat.

„Von einer Insel auf die andere, ich habe es noch keine Sekunde bereut.“ Dabei hätte Brosseit genug Gründe gehabt, die Nerven zu verlieren: Durch den harten Winter verzögerte sich der Bau, die Kosten sprengten schnell das Budget – sodass die fünfte Etage nun zunächst ein Rohbau bleibt. Zur Eröffnung stehen daher 400, statt wie angepeilt 500 Betten zur Verfügung. Dennoch ist die Herberge damit die die sechstgrößte bundesweit. Der Eröffnungstermin stand bis vor kurzem auf der Kippe. Noch am Sonnabend wuselten Handwerker und Reinigungskräfte durch die Zimmer, ab heute ist die Jugendherberge bis Ende August komplett ausgebucht. „Wir sind auf der letzten Rille um die Kurve gebogen“, erzählt Brosseit.

Um Kurven biegen, das kann Dylan in den schlauchförmigen – und leider mit beißendem Neonlicht ausgestrahlten – Fluren nicht so gut. Dafür ist die Chance gering, sich zu verlaufen. Draußen sind tobenden Kindern überhaupt keine Grenzen gesetzt. Die Jugendherberge Prora punktet mit einem Umfeld, von dem viele Konkurrenten träumen: Die Ostsee direkt hinter dem Haus, alle Zimmer mit Meerblick. Dylan hält sofort Ausschau nach Quallen und Muscheln. „Gibt es hier auch große Fische?“ Eher nicht, dafür aber riesige Spielwiesen, Rutschen, Schaukeln und duftende Kiefernwälder. „Wir wollen vor allem Freiraum bieten“, sagt Brosseit. Dass in der größten Jugendherberge in Mecklenburg-Vorpommern auch Fragen auftauchen, die sich woanders nicht stellen, „darauf sind wir gut vorbereitet“.

Die Herberge arbeitet eng mit dem Prora-Zentrum nebenan zusammen. Dort erklären Experten Kindern und Erwachsenen die Geschichte des einstigen Kraft-durch-Freude-Bades der Nazis. Die Massentourismus-Anlage für 20.000 Menschen wurde niemals in Betrieb genommen, weil kurz vor Fertigstellung der Zweite Weltkrieg begann. Nach dem Krieg nutzte die NVA den Komplex. Unter anderem als Unterkunft für Fallschirmjäger und Bausoldaten, die auf der Baustelle des Hafens Mukran schuften mussten. Einige der ehemaligen Bausoldaten haben am Montag gefordert in der Jugendherberge eine Dokumentation über die DDR-Zeit einzurichten.

Nach der Wende wurde über einen Abriss der Betonmassen spekuliert, doch dann wurde die Anlage unter Denkmalschutz gestellt. Die Bundeswehr übernahm, Investoren liebäugelten mit dem gigantischen Komplex – ohne, dass jemand wirklich eine zündende Idee beziehungsweise das nötige Geld hatte. Aktuell ist Block vier zu haben. Kostenpunkt: 450.000 Euro. Bis zum 8. Juli können sich Interessenten noch melden. Der Preis beinahe ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass die Jugendherberge 23,5 Millionen Euro gekostet hat. Rund 15 Millionen Euro stammten aus öffentlichen Töpfen.

Dafür gilt der Bau nun als vier Sterne-Herberge – mit Ökosiegel. Denn selbst in Spitzenzeiten soll es eine CO2-neutrale Bilanz geben. Im Keller steht eine Heizanlage, die mit Rapsöl läuft. Die Möbel in den bunt gestrichenen Zimmern haben wenig gemein mit den Zeiten wackeliger Gitterrost-Doppelbetten. Dylan will unbedingt in die obere Etage und macht auch gleich den Kleinkind-Test. Holzleiter: Kann man kräftig dran rütteln. Hält. Betthüpfen: Geht leider nicht, weil die Decke zu niedrig ist. Erwachsene müssen definitiv den Kopf einziehen. Und in einem Raum sogar am besten ganz draußen bleiben. Das Spielzimmer samt Ritterburg, Rutsche und Bällchenbad à la Ikea ist die Rettung bei verregneten Tagen. „Darf ich nochmal Bälle schmeißen“, fragt Dylan beim Abendessen nach einem lagen Tag. Die Wangen glühen, die Augen sind leicht glasig, der Weg ist lang. Aber diesmal selbstverständlich nicht zu weit.

Maja Heinrich

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Panorama
Augenblicke: Bilder aus Hannover und der Welt

Klicken Sie sich durch spektakuläre Fotos – ausgewählt von der HAZ-Redaktion.