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Späte Ehre für die Ehe

Heiraten steht wieder hoch im Kurs Späte Ehre für die Ehe

Vor einigen Jahren noch galt Heiraten als bieder und zutiefst bürgerlich. In der Debatte über die Homo-Ehe werden nun ausgerechnet die Linken zu Hütern der Tradition.

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Die Hochzeit – einst als spießig und bürgerlich verteufelt – steht heute in der linksalternativen Szene hoch im Kurs.

Quelle: Fotolia

Berlin. Es ist noch gar nicht lange her: Wer vor gut 15 Jahren geheiratet hat, der bekam von den Freunden aus dem links-alternativen Lager nicht nur freundliche Kommentare. "Ach ja", war die Umschreibung einer von viel Skepsis getragenen Frage: "Muss das sein?"

Nein, es musste immer seltener sein. Und sollte auch immer seltener sein. Erst liberale Regelungen beim der Namenswahl machten die Ehe für viele zumindest erträglich. Die vielen Einträge von Frauen mit Doppelnamen im Telefonbuch zeugen noch heute davon, danach brauchte man sich nicht einmal mehr auf einen gemeinsamen Nachnamen festlegen. Die Ehe wurde praktisch nicht mehr sichtbar.

Die Bewertung hat sich gedreht

Alles vorbei, alles vergessen? Für das nächste Wochenende mit dem beziehungsreichen "08/15" im Datum gibt es den gewohnten Ansturm auf die Standesämter. Und vor allem die politische Bewertung hat sich komplett gedreht: Die Ehe, die einst von den 68ern und ihren Nachfolgern als "Ort patriarchaler Machtausübung" gegeißelt wurde, ist im Sommer 2015 das Maß aller Dinge für eine große linksalternative Koalition in Berlin:  Vertreter von Linken, Grünen und SPD fordern in aller Deutlichkeit die "Ehe für alle".

Die Debatte über die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare hat, so scheint es, die Achsen der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung aus dem Lot gebracht. Nun sind offenbar Vertreter links der politischen Mitte die lautesten Verfechter der Ehe, die Hüter der Tradition.

Jens Spahn, CDU-Politiker, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfinanzministerium und schwul, nimmt diesen Rollenwandel mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis: "Heute kämpft eine eher linke Szene für die gute alte Institution der Ehe, indem sie diese auch für gleichgeschlechtliche Paare einfordert. Vor 20 Jahren sah die ganze Sache doch noch anders aus, die Ehe war als spießig und reaktionär verpönt."

"Wir sollten uns freuen"

Spahn sieht in dieser Entwicklung einen gesellschaftspolitischen Sieg seiner Partei, den die sich aber nicht so recht zu feiern traue. "Statt ängstlich zu sein, sollten wir uns als CDU darüber freuen, dass Werte und Verbindlichkeit mehr denn je gewollt werden."

In dieser Legislaturperiode wird das aber wohl nichts mehr mit der Freude; die meisten in der Unionsfraktion lehnen eine völlige Gleichstellung zwischen Ehen und eingetragenen Lebenspartnerschaften zwischen Schwulen und Lesben ab. Und solange das so ist, werden ausgerechnet jene, die sich einst Fortschritt und Emanzipation auf die Fahnen schrieben, weiter für die Institution Ehe werben. Verkehrte Welt?

Die Sozialwissenschaftlerin Prof. Paula-Irene Villa von der Ludwig-Maximilians-Universität München ärgert diese Frage ein wenig: "Ausgerechnet jetzt, da Schwule und Lesben an der Institution Ehe teilhaben wollen, gilt die Ehe vielen als bürgerliches, patriarchales, konservatives Relikt vergangener Zeiten. Plötzlich gerieren sich viele Medienvertreter äußerst kritisch gegenüber der Ehe und führen dabei sogar feministische Argumente dagegen an", sagt Villa. "Ich halte das für eine pseudoabgeklärte Abwehrhaltung gegenüber den Ansprüchen von Schwulen und Lesben."

Symbol für Gleichberechtigung

Die kontrovers geführte Debatte um die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen kreist zwar um die Ehe. Aber vielleicht ist es sogar egal, was man nun von der Ehe hält, vielleicht geht es hier ja um mehr. "Unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit diskutieren Schwule und Lesben seit Jahrzehnten schon über die Öffnung der Ehe, mitunter sehr kontrovers. Es ist keineswegs so, dass nun alle in die Ehe einsteigen wollen", sagt Villa. "Aber eine kritische Einstellung zur Ehe ist ja kein Grund, um von der Forderung nach rechtlicher Gleichbehandlung abzusehen. Die Ehe bietet einem Paar nun mal das Maximum an juristischer Sicherheit und Sichtbarkeit."

Die "Ehe für alle" ist demnach ein Synonym für "gleiche Rechte für alle". Ein symbolpolitisches Signal für den gleichberechtigten Umgang miteinander. Ein Selbsttest, der Aufschluss gibt, wie glaubwürdig die Gesellschaft zu ihren eigenen Werten steht.

Es steht nicht zu erwarten, dass Schwule und Lesben, die jetzt im Netz und auf Kundgebungen das Recht auf Ehe einfordern, im Fall seines Inkrafttretens allesamt vor den Altar treten werden. Markus Pauzenberger, 50, setzt sich seit vielen Jahren politisch für die vollständige Öffnung der Ehe ein. Sein Partner musste allerdings zwei Anläufe unternehmen, ehe Pauzenberger den Hochzeitsantrag mit Ja erwiderte.

"Ein Bekentnnis zum Mann"

Seit drei Jahren ist der Berliner nun verpartnert. "Wir kämpfen für ein Recht, das gleich ist mit jenem Recht, das Heterosexuellen zusteht; als ein politisches Signal für Normalität. Ob man es für sich persönlich in Anspruch nimmt oder nicht, ist allerdings eine ganz andere Frage."

Es ist nicht so, dass aus Pauzenberger, SPD-Mitglied seit 22 Jahren, ein Ehe-Enthusiast spricht. "Ich bin verpartnert, stehe der Ehe aber kritisch gegenüber", sagt Pauzenberger. "So, wie die Ehe zurzeit konzipiert ist, ist sie eine Institution, mit der der Staat Menschen ungleich behandelt, indem er etwa durch Steuervergünstigungen ohne triftigen Grund die einen bevorzugt und die anderen benachteiligt. Meiner Meinung nach hat der Staat in einer so privaten Angelegenheit wie der Liebesbeziehung zweier Menschen nichts zu suchen." Warum er dennoch eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingegangen ist? "Ich sehe darin ein Bekenntnis im Rahmen meines persönlichen Umfelds – ein Bekenntnis zu dem Mann, mit dem ich alt werden möchte."

In der schwul-lesbischen Szene Deutschlands ist die Forderung nach der Öffnung der Ehe Konsens. So ziemlich alle Verbände fordern rechtliche Gleichheit ein. Kontroverser ist die Debatte in den Niederlanden und den USA, wo einige Aktivisten auf das Recht auf Ehe pfeifen – nicht weil sie gegen rechtliche Gleichbehandlung sind, sondern weil sie die Institution Ehe ablehnen und nicht an etwas teilhaben wollen, was sie als grundfalsch erachten, etwa mit dem Verweis darauf, dass die Ehe für ein patriarchales, auf Machtungleichheit basierendes Lebensmodell stehe.

Recht auf Spießigkeit

Eine Kritik, die nach Ansicht von Markus Pauzenberger auf falschen Vorannahmen beruht: "Da schwingt doch die Vorstellung einer Rollenverteilung mit nach dem Motto: Wer ist bei euch die Frau, wer der Mann? Mit der Realität von schwulen Beziehungen hat das nichts zu tun", sagt Pauzenberger und bricht dann doch eine Lanze für die Ehe: "Ehe war immer schon Abbild von gesellschaftlichen Verhältnissen, und wir haben doch längst die Zeiten hinter uns gelassen, in denen Männer ihren Ehefrauen das Arbeiten verbieten konnten. Mag sein, dass die Ehe spießig ist – aber dieses Recht auf Spießigkeit fordere ich ein." Dies sei auch keineswegs ein Widerspruch zu einem linken, sozialdemokratischen Politikverständnis, sagt Pauzenberger und ist damit auf einer Linie mit dem SPD-geführten Bundesfamilienministerium.

Die Hannoveranerin Caren Marks, Parlamentarische Staatssekretärin im Haus von Manuela Schwesig, sagt: "Das Eintreten für Gleichberechtigung und diskriminierungsfreies Miteinander ist seit jeher Kern sozialdemokratischer Politik."

Und die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfamilienministerium findet: "Die Ehe an sich ist weder angestaubt noch patriarchal, sondern Ausdruck einer ganz persönlichen Entscheidung zweier Menschen, die der Staat nicht zu bewerten hat."

Am Adoptionsrecht scheiden sich die Geister

Das klare Votum, das die katholisch geprägte irische Bevölkerung Ende Mai für die Öffnung der Ehe abgab, hat in Deutschland eine intensiv geführte Debatte über die rechtliche Gleichstellung Homosexueller ausgelöst. Sogar eine Bundesratsinitiative zur vollen Gleichstellung von Lesben und Schwulen bei der Eheschließung wurde auf den Weg gebracht. Dass es dazu noch in dieser Legislaturperiode kommt, ist jedoch unwahrscheinlich.

Die Große Koalition ist sich bei diesem symbolbeladenen Thema uneins – und im Koalitionsvertrag haben CDU/CSU und SPD ein stets gemeinsames Stimmverhalten vereinbart.
Bei zahlreichen Unionsabgeordneten im Bundestag überwiegen die Bedenken. Eine Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare stünde etwa nach Meinung des CDU-Abgeordneten Helmut Brandt im Widerspruch zum familienbezogenen Sinn einer Eheschließung. Und der CSU-Abgeordnete Alexander Hoffmann sagte vor wenigen Wochen im Bundestag: „Schon aus biologischen Gründen unterscheidet sich die Ehe zwischen Mann und Frau.“

Die Kritiker der „Ehe für alle“ in der Union sehen sich nun bestärkt durch das Votum der Berliner CDU-Basis: Eine Mehrheit von 52 Prozent der Berliner CDU-Mitglieder hat in einer Abstimmung mit insgesamt sieben Antwortmöglichkeiten Vorbehalte gegen die Öffnung der Ehe kundgetan, was der Bundes-CDU eine kontroverse innerparteiliche Debatte ersparen dürfte.

Das Thema hat für die Union vor allem symbolischen Charakter – taugt es doch dazu, in einem innenpolitischen Konfliktfeld endlich einmal wieder ein klares konservatives Profil zu zeigen. Es mehren sich jedoch Stimmen aus CDU und CSU, die ihre Parteien grundsätzlich zu mehr Gelassenheit in der Frage ermuntern. So plädiert zum Beispiel der Vorsitzende der Gruppe „Lesben und Schwule in der Union“, Alexander Vogt, zur Aufhebung des Fraktionszwangs bei einer Abstimmung über die Öffnung der Ehe.

Die Zurückhaltung der Union dürfte allerdings auch strategische Gründe haben. Hinter vorgehaltener Hand äußern Unionsabgeordnete, dass die rechtliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben bei der Ehe ein Joker bei eventuellen Koalitionsverhandlungen mit den Grünen nach der nächsten Bundestagswahl wäre. Die Öffnung der Ehe eigne sich für ein erstes schwarz-grünes Vorzeigeprojekt.

Kleinere Schritte hin zur Angleichung der eingetragenen Lebenspartnerschaft an die Ehe stehen nichtsdestotrotz an. Nach der Sommerpause wird der Bundestag über Änderungen im Personenstandsgesetz beraten und dabei wohl die Vorgaben für Eheleute im Wortlaut an zahlreiche Gesetze auf Lebensgemeinschaften schwuler und lesbischer Paare ausdehnen.

Zurzeit behandeln rund 150 Regelungen in insgesamt 54 Gesetzen Lebenspartnerschaft und Ehe unterschiedlich. Die größte  und auch heftig kritisierte Ungleichheit gibt es in Deutschland beim Adoptionsrecht: Homosexuelle in einer verbrieften  Partnerschaft dürfen zwar die Adoptivkinder des anderen nachträglich adoptieren, die gemeinsame Adoption von Kindern wird ihnen aber verwehrt.

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