Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Lehrer ist wegen sexuellen Missbrauchs vorbestraft – und unterrichtet wieder

Kultur des Wegschauens Lehrer ist wegen sexuellen Missbrauchs vorbestraft – und unterrichtet wieder

Der Mann ist wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs vorbestraft, dennoch darf er in Niedersachsen weiter als Lehrer unterrichten. Das Traurige daran: Dies ist kein Einzelfall in deutschen Schulen.

Voriger Artikel
Bettencourt-Erbstreit bringt Pariser Minister in Not
Nächster Artikel
Spontanurlauber profitieren vom frühen Ferienbeginn

Gefährliche Nähe – Schüler sind nicht genug davor geschützt, vorbestrafte Sexualstraftäter als Lehrer zu haben.

Quelle: Archiv

Soll ein niedersächsischer Lehrer, der eine 15-Jährige mehrfach sexuell missbraucht hat und deswegen rechtskräftig verurteilt wurde, weiter unterrichten dürfen? Soll der Mann, der das Mädchen als Trainer im Leistungssport betreute, weiter im Verein mit Kindern tätig sein? Wer die Missbrauchsdebatte der vergangenen Wochen verfolgt hat, könnte meinen, es gebe auf diese Frage nur eine Antwort: nein. Der Schutz von Kindern – und zwar insbesondere vor Wiederholungstätern – steht seit dem Bekanntwerden von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche und an der hessischen Odenwaldschule bei allen Institutionen, die mit Kindern zu tun haben, ganz oben auf der Prioritätenliste.

Eine neue „Kultur des Hinsehens“ fordert der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, Michael Vesper: „Wer ein Kind missbraucht hat, gehört nicht mehr in die Nähe eines Kindes.“ Niedersachsens mittlerweile abgelöste Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann reagierte sogar mit einem neuen Erlass, um einschlägig Vorbestrafte von Schulen fernzuhalten. Bewerber für eine Lehrerstelle müssen künftig ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, in dem nicht nur Sexualstraftaten, sondern auch weniger schwere Delikte registriert sind: etwa der Besitz von Kinderpornografie. Auch Heister-Neumanns Nachfolger Bernd Althusmann unterstreicht die Bedeutung von Missbrauchsprävention, „um das Vertrauen in unsere Schulen zu sichern“.

Für verbeamtete Lehrer scheint all das nicht zu gelten. Das zeigt die Geschichte von Hartmut B. (Name geändert). Er ist seit 2008 wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen vorbestraft – und unterrichtet wieder. B. ist kein Einzelfall. Dass es 18 laufende oder abgeschlossene Disziplinarverfahren „wegen sexuell motivierten Fehlverhaltens beziehungsweise Überschreitung der gebotenen Distanz“ in Niedersachsen seit 2008 gegeben habe, gab der Kultusminister bereits Ende Mai dieses Jahres bekannt. Er sagte nicht, dass mehrere Fällen so schlimm waren, dass „schwerwiegende Sanktionen“ verhängt wurden, wie die Landesschulbehörde jetzt gegenüber der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung einräumte. Eine Lehrkraft sei aus dem Dienst entfernt worden, hieß es weiter. Einige Fälle seien noch nicht abgeschlossen. Konkreter wollte die Behörde „aus personalrechtlichen Gründen“ nicht werden. Transparenz sieht anders aus.

Hartmut B. ist 52 Jahre alt, als er sich zum ersten Mal an seinem Opfer vergeht: an einem Mädchen, das auf allen erdenklichen Ebenen von ihm abhängig ist. B. war Lehrer der Jugendlichen, später als Studiendirektor ihrer Schule eine Leitfigur. Er ist zudem ihr Vereinstrainer. Das Mädchen macht Leistungssport, sieben- bis zehnmal in der Woche. Sie begegnet B. täglich: in der Schule, nachmittags beim Training, an den Wochenenden in Trainingslagern und bei Wettbewerben. Dazu hängt ihre Karriere als Sportlerin – B. bringt manche Schützlinge bis zu internationalen Meisterschaften – davon ab, wie sehr B. sie fördert. Als die Mutter des Mädchens sich von ihrem Lebensgefährten trennt, erschleicht B. sich auch privat ihr Vertrauen. Er übernimmt die Rolle des Trösters, verbringt Freizeit mit ihr. Vor Gericht gibt die Mutter später zu Protokoll, B. sei die „zentrale Figur“ im Leben ihrer Tochter gewesen. Sie habe ihm vertraut. Im Herbst 2003 zeigt die „Vaterfigur“ zum ersten Mal, was sie wirklich will. B. küsst das Mädchen wiederholt auf den Mund. Im April 2004 muss sie sich während eines Trainingslagers in seinem Zimmer neben ihn legen. Er ist nur mit einer Unterhose bekleidet, streichelt sie am ganzen Körper: am Busen, am Po, dringt mit den Fingern in sie ein. 15 Jahre ist die Schülerin alt. Ihr Peiniger wird Anfang 2008 wegen dreier solcher Übergriffe verurteilt. Es seien mehr gewesen, aber sie könne die anderen zeitlich und örtlich nicht mehr genau zuordnen, sagt das Opfer. Dazu muss man wissen: Nur Taten, an dessen Eckdaten sich ein Opfer genau erinnert, haben vor Gericht Bestand. B. scheint die Grenze zwischen sich und seinen Schützlingen zudem häufiger verletzt zu haben. Eine Zeugin gibt zu Protokoll, dass es zwischen ihr und Trainer B. zu Zungenküssen gekommen sei, als sie 14, 15 Jahre alt war. Zwei weitere Mädchen berichten von Küssen auf den Mund und Kniffen tief in den Po, von Berührungen an Brüsten und Hüften.

B. wird wegen sexuellen Missbrauchs einer Schutzbefohlenen zu einer Geldstrafe von 240 Tagessätzen verurteilt. Sein Vergehen wiegt viel schwerer als jene wiegen, gegen die das Land jetzt mit dem erweiterten polizeilichen Führungszeugnis vorgehen will. Die dort aufgeführten Delikte werden mit 60 Tagessätzen geahndet, als vorbestraft gilt man bei 90 Tagessätzen. B. unterrichtet trotzdem wieder, an einem Gymnasium, etwa 80 Kilometer von seiner alten Arbeitsstelle entfernt. Er trainiert auch wieder, Kinder und Jugendliche. Er sei bestraft worden, er habe beruflich Nachteile erlitten, weil er um zwei Dienstgrade herabgestuft worden sei, sagt B. Er sei kein böser oder kranker Mensch. Er habe sich in psychotherapeutische Behandlung begeben und sei sicher, dass so etwas nicht wieder vorkomme. „Ich muss auch wieder nach vorne gucken dürfen“, sagt B. Der Mann bestreitet ein wichtiges Detail seiner Verurteilung, das strafverschärfend wirkte: dass er je mit dem Finger in sein Opfer eingedrungen ist. Es habe eine Schmuseszene zwischen ihm und dem Mädchen gegeben, bei der er sie auch im Intimbereich gestreichelt habe. Zwei weitere von ihr beschriebene „Schmuseszenen“ hätten nicht stattgefunden. Er wisse, dass er eine Grenze verletzt habe, er akzeptiere, dass er sich bei einer Minderjährigen anders hätte verhalten müssen. Aber er habe verhindert, dass es zu wirklicher Sexualität gekommen sei. Das Mädchen habe es sehr gern gehabt.

B.s Sicht der Dinge ist eine Sache. Aber wie handeln jene, die ihn wieder mit Kindern arbeiten lassen? B.s Geschichte der Wiedereingliederung in die Gesellschaft ist von einer Kultur des Wegschauens geprägt. Er habe in der Personalakte B.s nichts Auffälliges gesehen, sagt der heutige Schuldirektor von B. auf die Frage, ob er weiß, dass er einen vorbestraften Lehrer an seiner Schule hat. Die Landesschulbehörde hält dem entgegen, dass Schulleiter in der Regel informiert werden. Seine Behauptung enthebt den Direktor der Antwort auf die Frage, was er zum Schutz seiner Schülerinnen getan habe. Einen großen Maßnahmenkatalog hat die Kultusministerkonferenz erarbeitet: Arbeit im Team, Mehraugenprinzip, Zusammenarbeit mit Kinderschutzbund und Opferhilfen. Eltern können erwarten, dass solche Maßnahmen sofort dort greifen, wo bekannte schwarze Schafe tätig sind. An B.s neuer Schule ist offenbar nichts passiert. B. sei ein sehr guter Lehrer, ein sehr beliebter Kollege, sagt der Direktor. Er sei froh, dass er ihn bekommen habe. Bei einem zweiten Gespräch betont er, dass B. bislang nur die höchsten Jahrgänge in der Oberstufe unterrichtet habe: „ausschließlich volljährige Personen“. Er hoffe, dass das in Zukunft so bleiben könne. Man dürfe einen Menschen auch nicht kaputt machen, meint er in Bezug auf B.

Es ist bemerkenswert, dass der Mann mit keinem Wort erwähnt, dass es ein Risiko birgt, einen Sexualstraftäter mit Kindern arbeiten zu lassen. Dabei setzt die Kultusministerkonferenz sich sogar für eine Verlängerung der Löschungsfristen im Bundeszentralregister ein, damit ausgeschlossen wird, „dass Personen wieder im Bildungs- und Erziehungsbereich eingestellt werden, die wegen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung straffällig geworden sind“. Auch im neuen Sportverein von B. hat man offenbar nie ernsthaft versucht, mit der Opferseite oder mit einer Institution wie dem Kinderschutzbund in Kontakt zu kommen, um neben dem Täterblick eine zweite Sicht auf Menschen wie B. zu bekommen. B. habe bei seiner Bewerbung mit offenen Karten gespielt, man habe sich im Vorstand dafür entschieden, ihm eine zweite Chance zu geben, sagt der Vorstandsvorsitzende. Er halte nichts von Vorverurteilungen, sagt der Mann wütend. B. habe gebüßt, jetzt zähle nur noch seine Arbeit. Dabei war B.s Arbeit nie umstritten. B.s Problem ist, dass er sich sexuell zu jungen Mädchen hingezogen fühlt und gesetzlich festgeschriebene Grenzen überschritten hat, um seine Neigungen durchzusetzen. Sein Opfer ist wegen posttraumatischer Störungen heute noch in Behandlung. Der Landesverband seiner Sportart hat sich zudem von B. distanziert, in seinem alten Verein darf er nicht mehr trainieren, auch auf nationaler Ebene nicht. B. hat nicht einmal mehr eine Trainerlizenz. Man könne es aber keinem Verein verbieten, jemanden wie B. aufzunehmen, heißt es im Landesverband fast schon resignativ.

Außerdem traue es ihm ja auch ein Arbeitgeber wie die Schule zu, weiter mit Kindern zu arbeiten.

Andere Arbeitgeber sind bei disziplinarrechtlichen Vergehen weniger milde. Ein niedersächsischer Polizeibeamter, der einen Betrag von 1200 Euro aus einer Geldkassette für Verwarngelder gestohlen hatte, versuchte 2007, sich vor Gericht das Recht auf eine zweite Chance zu erstreiten. Er war zu einer Geldstrafe von 30 Tagessätzen verurteilt und aus dem Dienst entlassen worden. Er habe 30 Jahre unbescholten gearbeitet, das Vergehen sofort eingeräumt und das Geld zurückgezahlt, argumentierte der Beamte. Das Bundesverfassungsgericht hielt die Kündigung dennoch für verhältnismäßig: Ein Diebstahl könne das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer unwiederbringlich zerstören.

Bei sexuellem Missbrauch an Schulen sieht die Sache offenbar anders aus.

Von Jutta Rinas

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Niedersachsen

Ein Lehrer, der wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt wurde, ist zwar strafversetzt worden, darf aber weiterhin unterrichten. Jetzt fordern Verbände schärfere Sanktionen für Missbrauch.

mehr
Mehr aus Panorama
Die schöne Seite des Herbstwetters: Regenbogen über Hannover.
Augenblicke: Bilder aus Hannover und der Welt

Klicken Sie sich durch spektakuläre Fotos – ausgewählt von der HAZ-Redaktion.