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London kämpft gegen die zügellose Gewalt

Plünderungen und Brandstiftungen London kämpft gegen die zügellose Gewalt

London kämpft gegen die Gewalt: Zwei Nächte in Folge setzen gewalttätige Jugendliche ganze Stadtviertel in Brand. Die Bevölkerung ist beunruhigt. Die Polizei scheint mit ihrem Latein am Ende.

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Polizisten stehen vor einem ausgebrannten Gebäude in Tottenham.

Quelle: dpa

Ein Jahr vor den Olympischen Spielen hat London einen nicht für möglich gehaltenen Ausbruch zügelloser Gewalt zu verkraften. Bilder brennender Häuser und Autos gehen um die Welt - und weder Polizei noch Politik scheinen die Zügel so fest in der Hand zu haben, dass sie dem Problem Herr werden könnten.

Gewaltbereite Randalierer sorgten am Montag in London den dritten Tag in Folge für Angst und Schrecken gesorgt. Im Stadtteil Hackney nordöstlich der Innenstadt lieferten sich rund 100 Randalierer Auseinandersetzungen mit der Polizei. Sie warfen Gegenstände auf Polizeiautos und brachen in Schaufenster ein. Die Polizei hatte die Händler und Büroinhaber zuvor aufgefordert, ihre Räumlichkeiten zu verlassen. Gegen die Randalierer griffen die Beamten nicht ein. Nach Angaben von Innenministerin Theresa May, die im Montag wegen der Krawalle aus dem Urlaub zurückgekehrt war, sind bisher 215 Randalierer festgenommen worden. Gegen 25 sei bereits Anklage erhoben, sagte die Ministerin. «Ich glaube, es geht hier um bloße Kriminalität», sagte May.

„Sicherste Stadt der Welt"

Das, was Millionen Bürger der Themse-Metropole in Entsetzen versetzt, kam für die Staatsgewalt überraschend. Eine passende Erklärung gibt es nicht. Londons Bürgermeister Boris Johnson und Premierminister David Cameron wollen nicht einmal ihren Urlaub unterbrechen. «Ich werde nicht gebraucht», richtete Johnson via BBC-Interview aus. London gehöre zu den «sichersten Städten der Welt», sagte das für seine provokante Art bekannte Stadtoberhaupt.

Seine einst renommierte Polizeibehörde Scotland Yard, jüngst erst wegen Korruptionsvorwürfen unter Beschuss, steht nun schon wieder im Regen. Gegen die Jugendbanden, die sich über Facebook, Twitter und andere elektronische Kommunikationsmittel blitzschnell innerhalb der Stadt verabreden und bewegen, scheint sie kein probates Mittel zu haben. Nach den aufsehenerregenden Brandschatzungen im Problem-Stadtteil Tottenham weiteten sich die Krawalle in der Nacht zum Montag auf sieben weitere Stadtteile aus - wenn auch in deutlich reduzierter Form. Die Polizei kam immer einen Schritt zu spät. Die Randalierer plünderten und brandschatzten fast nach Belieben, ehe die Ordnungshüter eingreifen konnten.

Adrian Hanstock, der bei Scotland Yard die Polizeiaktion gegen den aufgebrachten Mob leitet, spricht von Trittbrettfahrern. Kriminelle, die nur einen Anlass für Gewalt suchten, hätten ihn in Tottenham gefunden. Die Polizei hatte einen 29-Jährigen erschossen. Der, den die Familie als «treusorgenden Vater dreier Kinder» und Freunde als «respektiertes Mitglied der Gemeinde» darstellen, war nach Lage der Dinge einer, der tief und über viele Jahre im undurchsichtigen Geflecht von Bandenkriminalität und Drogenhandel verstrickt war. Die Polizei suchte ihn, weil sie befürchtete, er plane einen Racheakt für den Mord an seinem Cousin vor wenigen Monaten.

Sein Tod - womöglich verursacht durch einen ungerechtfertigten Schuss aus einer Polizeiwaffe - war der unmittelbare Anlass für den Ausbruch der Gewalt. Die eigentlichen Ursachen aber scheinen viel tiefer zu liegen. «Die Menschen leben hier wie eingepferchte Tiere», sagt die Journalistin Rizwana Hamid, die mit ihren Eltern vor vielen Jahren nach London kam und seitdem in Tottenham lebt. «Es gibt einen hohen Grad an Entrechtung, einen hohen Grad an Arbeitslosigkeit, einen hohen Grad an Armut», sagt sie. «Die Gesellschaft zerbricht, Werte zählen nicht mehr.»

Griff zur Waffe gehört für viele zum Alltag

Offenbar haben es Polizei und Politik seit den Gewaltausbrüchen der Thatcher-Ära in den 1980er Jahren mit all ihren Maßnahmen nur oberflächlich geschafft, die Lage zu entspannen. Kontaktbeamte in den schwierigen Vierteln, Sozialarbeiter, Jugendangebote - die Erfolge sind überschaubar. In Tottenham liegt die Arbeitslosigkeit weiter bei über 13 Prozent und ist damit eine der höchsten in London. Die Zahlen für Kriminalität und Drogenmissbrauch liegen ebenfalls im Spitzenbereich. Das Geflecht aus seit Generationen etablierter Arbeitslosigkeit, Armut und Vertrauensverlust gegenüber der Staatsgewalt gemischt mit ethnischen Konflikten verschiedener Einwanderergruppen scheint undurchdringlich.

Der frühere Scotland-Yard-Chef John O'Connor sagte dem Sender Sky News: «Jemand hat die Uhr zurückgedreht und jetzt kann man sehen, was unter der Oberfläche schlummert». Und das ist nichts Gutes. In den Wohnblöcken der Problemviertel von Stadtteilen wie Tottenham, Peckham oder Brixton sind schon Elfjährige in den Drogenhandel eingespannt. Die älteren - oft die Gangmitglieder der ersten Generation und zurück aus dem Gefängnis - nutzen sie für ihre schmutzigen Geschäfte.

Der Griff zur Waffe gehört für viele zum Alltag, die Lokalzeitungen sind voll mit Berichten der Polizei, die Verstecke von Gewehren, Messern und Granaten unter Grabsteinen oder in Kinderzimmern aushebt. In manchen Vierteln werden Restaurantbesucher routinemäßig nach Waffen durchsucht. Ein Klima, in dem Hass und Aggression gut gedeihen. Doch viele warnen vor allzu schnellen Verallgemeinerungen - etwa der Labour-Abgeordnete Chuka Umunna aus einem Südlondoner Schwarzen-Viertel in Streatham. Die Probleme seien überall ein bisschen anders gelagert, sagt er. «Es mag schwierig sein, aber es ist höllisch viel besser als in den 1980er Jahren.»

dpa

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