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00:16 26.02.2016
Jamie-Lee Kriewitz tritt beim deutschen Vorentscheid für den ESC an. Quelle: dpa
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Hannover

Was Teenager und Popschaffende gemeinsam haben: Schlussmachen ist schwer. Elton John ging 1977 auf seine allererste absolut endgültige „Farewell Tour“. 1979 war er schon wieder da. Ralph Siegel versucht seit 1982, beim Eurovision Song Contest (ESC) nur noch einmal, ein einziges Mal so zu triumphieren wie in Harrogate mit Nicole. Seine Zwischenbilanz betet er pannenfrei herunter wie ein Frühstücksradiomoderator den Senderslogan: „Dreimal Zweiter, zweimal Dritter und zweimal Vierter“. Und die Superhits von Vorgestern.

Am Donnerstagabend ist der Dinosaurier des europäischen Unterhaltungsmusikwesens – nach zehn Jahren kreativem Hausverbot beim NDR – wieder beim deutschen Vorentscheid „Unser Lied für Stockholm“ dabei. Sollte seine Kandidatin Laura Pinski (17) das Ticket holen, wäre das Siegels 25. Einsatz für Deutschland an der ESC-Front. „Das wäre dann aber sicherlich auch mein letztes Mal“, sagt der 70-Jährige. Abwarten.

Nach dem Horrorjahr 2015 unter Beobachtung

Nicht nur Siegel ist auf Bewährung. Der NDR ist es auch. Das deutsche ESC-Wirken steht nach dem Horrorjahr 2015 unter Beobachtung. Andreas Kümmerts Rückzug. Ann Sophies letzter Platz in Wien. Die Blamage um die Nominierung von Xavier Naidoo. Vom Eurovision Honk Contest ist die Rede. Vom Grand Prix de la Plem Plem. Schmerzhaft musste der Sender feststellen: Wir sind hier nicht bei „Wünsch dir was“, sondern bei „So ist es halt“. Plan B sieht nun wie folgt aus: zehn junge Künstler tragen nach alter Väter Sitte ein Lied vor. Das Publikum kürt seinen Favoriten. Keine Jury, keine Experimente. Davon haben sie genug im deutschen ESC-Team.

Jamie-Lee Kriewitz tritt mit "Ghost" an

Als Favoritin geht die aktuelle „The Voice of Germany“-Siegerin Jamie-Lee Kriewitz aus Bennigsen bei Hannover ins Rennen. Zwei Monate nach ihrem Sieg bei Sat.1 stellt sich die sympathisch verrätselte, leicht nerdige 17-Jährige mit ihrer hochmodernen, selbst geschriebenen Hymne „Ghost“ erneut dem Publikum. Ihr dicht auf den Fersen ist der in Metallerkreisen populäre Göttinger Rockopern-Spezialist Tobias Sammet mit seinem Glamour-Metal-Projekt Avantasia („Mystery of a Blood Red Rose“).

Helene-Fischer-Seligkeit mit Ella Endlich

Der Bayer Alex Diehl („Nur ein Lied“) – der locker jeden Andreas-Kümmert-Lookalike-Contest gewönne – bringt mit seiner Friedenshymne ein bisschen „Das weiche Wasser bricht den Stein“-Mahnwachen-Feeling auf die Showbühne. Aus Weimar kommt kreuzbrave Helene-Fischer-Seligkeit mit Ella Endlich, deren Titel „Adrenalin“ ziemlich nach Mango-Smoothies und gefilzten Getränkeuntersetzern klingt („Nimm mich mit, nimm mich mit nach Nirgendwohin“). Die Lebensgefährtin ihres Vaters Nobert Endlich ist Carmen Nebel. Dies nur als kostenlose Zusatzinformation.

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Rockopern-Spezialist Tobias Sammet tritt mit seinem Glamour-Metal-Projekt "Avantasia" an.

Mönchskutten-Millionenidee auf der Bühne

Mittelalterliche Mönchsgesänge mit beschränktem Tonraum und erweitertem Elektrogefiddel waren in den Neunzigerjahren – neben „Riverdance“ und Walgesang – in jedem Drogeriemarkt zu kriegen. Der Hamburger Produzent Frank Peterson will mit seiner Mönchskutten-Millionenidee Gregorian („Masters of Chant“) jetzt aus den Spa-Hotels in strukturschwachen Regionen auf die europäische Bühne. Ebenso wie die multiinstrumentalistischen Hamburger Schwestern Josepha und Cosima Carl (Joco) mit dem ambitionierten Indie-Titel „Full Moon“. Hübsch für „Missy Magazine“-Abonentinnen auf Hollandrädern, hier aber Außenseiter.

Überlebende der Chartüberraschung Polarkreis 18

Hinter Keøma („Protected“) stecken die in Sydney geborene Wahlberlinerin Kat Frankie und der Kölner Chris Klopfer. Ihr cineastischer Großraum-Kunstpop ist, nun ja, ziemlich indie. Und erinnert an Wasabi-Erdnüsse bei Vollmond und regenfeuchte Kerouac-Bände. Hinter dem etwas sperrigen Bandnamen Woods of Birnam („Lift Me Up – From the Underground“) verbergen sich – leicht hörbar – vier Überlebende der Chartüberraschung Polarkreis 18 („Allein, allein“) mit dem Magdeburger Schauspieler Christian Friedel („Das weiße Band“). Klassischer deutscher Bauchnabel-Befindlichkeitspop kommt von den „Bundesvision Song Contest“-Teilnehmern Luxuslärm („Solange Liebe in mir wohnt“) mit Frontfrau Jini Meyer. Nicht ganz floskelfrei, aber Spaß dabei.

Ralph Siegel ist trotzdem zuversichtlich

Und nun? Das größte Potenzial für die Stockholmer Bühne bringen sicher Jamie-Lee und Avantasia mit. Ralph Siegel ist trotzdem zuversichtlich. „Ich glaube an das deutsche Publikum. Ich habe nur ein bisschen Angst vor der sogenannten Internet-Community.“ Da hat er etwas gemeinsam mit dem Shitstorm-erfahrenen NDR – und gemeinsame Feinde schweißen halt zusammen. Das ESC-Finale geht vom 10. bis 14. Mai in Stockholm über die Bühne. Für Deutschland gilt: Es kann nur aufwärts gehen.

Von Imre Grimm

„Eurovision Song Contest 2016 – Unser Lied für Stockholm“. Donnerstag, 20.15 Uhr, ARD, Köln. Moderation: Barbara Schöneberger.

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