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Menschen mit Behinderung werden vom Aufschwung vergessen

Benachteiligung Menschen mit Behinderung werden vom Aufschwung vergessen

Menschen mit Behinderung haben auf dem regulären Arbeitsmarkt kaum Chancen – weil Betriebe Angst vor zusätzlichen Verpflichtungen haben. Ein Überlick von HAZ-Autor Sebastian Harfst

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Menschen mit Behinderungen werden in Deutschland benachteiligt. Dagegen will die Bundesregierung nun vorgehen.

Quelle: dpa (Symbolbild)

Er ist 20 Jahre alt, frisch von der Schule, und er hat einen Job. Auf dem Osnabrücker Bahnhof berät er in Diensten der Deutschen Bahn Fahrgäste. Das sei sein Traumjob, sagt der junge Mann. Er kennt sich aus mit Fahrplänen. So weit, so normal. Und doch wieder nicht. Der 20-Jährige ist geistig behindert und Absolvent der Paul-Mohr-Schule in Bersenbrück. Ein Mitschüler von ihm hat es bis zum Berufskraftfahrer geschafft. Trotz geistiger Behinderung hat er den Last­wagenführerschein gemacht. „Alle Prüfungen mit null Fehlern“, sagt Schulleiter Axel Kreutzer. Der Pädagoge ist stolz auf diese Ehemaligen. Denn sie sind nicht der Normalfall.

Nur einen bis zwei von zehn Absolventen kann er jährlich in den allgemeinen Arbeitsmarkt vermitteln. Vor einigen Jahren waren das noch weniger. Aber Kreutzer ist ein Netzwerker, leiert Kooperationen mit Firmen und Schulen an. Sein Traum: Irgendwann müssen die Firmen doch die Stärken seiner Schüler erkennen. „Denn die sind da.“

Es scheint noch ein langer Weg bis dahin zu sein. Und er steht in krassem Gegensatz zu den positiven Zahlen, die die Arbeitsagenturen derzeit Monat für Monat veröffentlichen. Der Übergang gerade von geistig Behinderten in den regulären Arbeitsmarkt ist schwierig. „Einmal Behindertenwerkstatt, immer Behindertenwerkstatt“ und „Die Werkstatt hat viele Eingänge, aber kaum Ausgänge“, lauten die gängigen – reichlich desillusionierten – Sprüche in der Szene. Das große Problem: Viele Schwerbehinderte fänden keinen Betrieb, der sie ausbildet, sagt Michael Köster, Sprecher der niedersächsischen Landesarbeitsagentur. So bleiben Tätigkeiten für Ungelernte übrig. Werden sie dort entlassen und sind bereits älter, wird es besonders schwierig. Die meisten Arbeitslosen mit Behinderung sind älter als 50 Jahre.

Während die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland immer weiter sinkt, wird der Anteil der Schwerbehinderten ohne Job größer. Im April 2009 waren 12 700 Menschen mit Behinderung in Niedersachsen arbeitslos. Ein Jahr später waren es 13 600. „Dabei fing da bereits der Aufschwung an“, sagt Köster. Im Mai dieses Jahres ist die Zahl auf 15 400 gewachsen. Bundesweit stieg die Zahl der Arbeitslosen mit Handicap ab Mai 2010 innerhalb eines Jahres um 3,6 Prozent auf mehr als 180 000. Die Gewinner des Aufschwungs sitzen woanders. „Wir brauchen eine gezielte Kampagne“, fordert Karl Finke, niedersächsischer Landesbeauftragter für Menschen mit Behinderungen.

In Berlin sind die alarmierenden Zahlen nun angekommen. Am Mittwoch hat die Bundesregierung einen „Nationalen Aktionsplan“ zur Verbesserung der Situation von Menschen mit Behinderung beschlossen. Unter anderem sollen in den nächsten fünf Jahren 100 Millionen Euro investiert werden, um Behinderte in Jobs zu bringen. Finanziert wird dies aus dem Ausgleichsfonds, in den Arbeitgeber einzahlen, wenn sie weniger Behinderte als vorgeschrieben beschäftigen.

„Das ist richtig und gut“, kommentiert Landesbeauftragter Finke das Förderprogramm. Aber besser wäre es, wenn der Bund noch 100 Millionen Euro draufpackte, sagt er. Dann aber bitte schön aus reinen Bundesmitteln finanziert, fordert Finke. Dem Sozialverband VdK greifen die Pläne der Bundesministerin Ursula von der Leyen ebenfalls zu kurz. Wegen fehlender rechtlicher Garantien kritisierte Präsidentin Ulrike Mascher beispielsweise das Ziel, 4000 Jobs für schwerbehinderte Menschen über 50 Jahre zu schaffen, als zu unverbindlich.

Die niedersächsische Landesregierung legte am Mittwoch nach und stellte ihrerseits ein Förderprogramm zur Integration Schwerbehinderter vor. So müssen Unternehmen, die einen Menschen mit Handicap einstellen, in Zukunft bis zu einem halben Jahr kein Gehalt zahlen und erhalten zudem einen Zuschuss von 20 Prozent zu den Sozialversicherungsbeiträgen. Alles übernimmt das Land.

Die Arbeitgeberseite begrüßt die ­Förderprogramme. „Die Unterstützung durch die Bundesregierung schafft auch Anreize für Unternehmen“, sagt Volker Müller, Hauptgeschäftsführer der Unternehmerverbände Niedersachsen.

Denn bisher herrscht in vielen Betrieben offenbar jede Menge Unsicherheit. Zum Beispiel in Sachen Kündigungsschutz. Denn formal müssen bei der Entlassung von Behinderten die Integrationsämter angehört werden. In der Praxis können sich Behindertenbeauftragte jedoch kaum daran erinnern, dass Behörden Kündigungen abgelehnt hätten. „Die Schutzrechte von Schwerbehinderten werden von Arbeitgebern überschätzt“, sagt auch Arbeitsagentursprecher Köster. Auch werden Behindertenausweise nicht zwangsläufig unbefristet ausgestellt. Nach Krankheiten wird nach fünf Jahren überprüft, ob noch Einschränkungen vorliegen. Ist dies nicht der Fall, wird der Ausweis nicht verlängert.

Und dann ist da noch die Komponente Unsicherheit: Wie gehe ich mit einem Behinderten im Unternehmen um? „Ein Behinderter hat genauso Arbeit zu leisten wie andere auch“, sagt Köster. Dort, wo sich Unternehmen getraut hätten, laufe es gut. Die Betriebe freuen sich normalerweise über motivierte, leistungsstarke und loyale Mitarbeiter. Nur müsste der Arbeitsplatz richtig eingerichtet werden. Behindertenbeauftragter Finke warnt sogar vor zu viel Hilfe im Arbeitsalltag. „Schluss mit ewiger Kindheit“ nennt er das. Ein hannoversches Unternehmen, das im August gleich vier Schwerbehinderte gleichzeitig als Auszubildende einstellt, vermeidet es wohl auch deswegen, die Behinderung der jungen Erwachsenen in den Abteilungen bekannt zu machen. „Sie sollen so behandelt werden wie alle anderen auch“, sagt die Schwerbehindertenvertreterin des Betriebes.

Behandelt werden wie alle anderen, das wünscht sich auch der Bersenbrücker Förderschulleiter für seine Schüler. „Da kommt wieder der Kreutzer mit seinen Spastis.“ Diese Beleidigung hat er schon so oft gehört, und sie schmerzt noch immer.

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Um die Situation behinderter Menschen in Deutschland grundlegend zu verbessern, will das Bundeskabinett am Mittwoch einen „Nationalen Aktionsplan“ auf den Weg bringen. Insgesamt sollen 100 Millionen Euro über fünf Jahre hinweg investiert werden, um mehr Schwerbehinderte in reguläre Jobs zu bringen.

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