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Mexiko-Stadt – die Metropole der blauen Masken

Schweinegrippe Mexiko-Stadt – die Metropole der blauen Masken

Die mexikanische Hauptstadt richtet sich mit dem grippalen Ausnahmezustand ein – und ihre Einwohner rätseln über das Ausmaß der Krise. Derweil gibt es in Deutschland drei neue Verdachtsfälle auf Schweinegrippe.

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Das Institut für Virologie der Universität Marburg will einen Impfstoff gegen die Schweinegrippe entwickeln.

Quelle: Alfredo Estrella/AFP

„Mundschutz?“ Martín Mejia verdreht die Augen. „Nichts mehr, schon seit Freitag alles weg“, sagt der Apotheker im weißen Kittel und deutet mit dem Zeigefinger auf die Kasse. Dort hängt ein handgemaltes Schild: „No hay cubre bocas.“ Es gibt keinen Mundschutz mehr. „Ausverkauft“ steht in fetten Lettern darunter.

Mejia arbeitet in der Apotheke „El Fénix“ an der Avenida Insurgentes, einer der Schlagadern Mexikos, und hört kaum noch eine andere Frage als die nach dem kleinen Stoffteil. „Bis zu hundert Leute fragen pro Schicht“. Und in der Spätschicht sind es nochmal so viele. Wie zum Beweis kommt eine ältere Dame mit weißen Haaren im blauen Sommerkleid in die Apotheke, vor den Mund hat sie eine Stola gedrückt. Noch bevor sie fragen kann, schüttelt Mejia den Kopf. Die alte Frau dreht sich um und geht grußlos.

Am Tag vier nach Ausbruch der Schweinegrippe in Mexiko-Stadt richten sich die Menschen allmählich mit der Bedrohung ein. Nach einem Wochenende, in dem die Stadt in Schockstarre gefallen zu sein schien, ist das Leben in die Metropole zurückgekehrt wie das Blut in gefrorene Glieder. Auf den zentralen Verkehrsachsen bilden sich schon wieder die gewohnten Staus, und U-Bahn und Stadtbusse fahren immerhin halb voll. Trüge nicht jeder zweite Bewohner der Hauptstadt einen blauen oder weißen Mundschutz, man müsste zweimal hinschauen, um die Ausnahmesituation der Stadt zu erkennen. Denn für die Bewohner der Metropole ist die Ausnahme schon lange Alltag: Kampf der Kokain-Kartelle, Entführungen und Naturkatastrophen gehören zu der Stadt wie Sonne und Smog. Da kann ein A/H1N1-Virus die Menschen nur vorübergehend aus der Ruhe bringen.

Der heimtückische Virus brach Ende vergangener Woche so plötzlich wie ein Platzregen in der beginnenden Regenzeit über die größte Stadt Lateinamerikas und das Leben ihrer 22 Millionen Menschen herein. Seither stieg die Zahl der Grippetoten auf 149, wobei noch immer nicht klar ist, wie viele von ihnen wirklich dem mutierten Schweinegrippevirus zum Opfer fielen. Die Gesundheitsbehörden tappen weiterhin im Dunkeln. Erst bei 20 Opfern konnte die Infektion mit A/H1N1 eindeutig nachgewiesen werden.

„Panik?“ Josefina Póntigo schüttelt den Kopf. Ein eingeschweißter Ausweis, der um ihren Hals baumelt, weist sie als Mitarbeiterin der Gesundheitsbehörde von Mexiko-Stadt aus. „Nein, die Leute gehen sehr gelassen und verantwortlich mit der Herausforderung um“. Póntigo steht seit dem Morgen an der U-Bahn-Station Chapultepec und verteilt blaue Mundschutze und kleine Zettel, auf denen die Ansteckungswege und die Vorsorge-Maßnahmen gegen die Influenza anschaulich erklärt sind. Im 30-Sekunden-Takt nähern ihr sich ein Mann im Anzug, eine Hausfrau mit Einkaufstüten und ein Bauarbeiter und bitten um den Stoffschutz. Dann hupt ein Lastwagen auf der Straße und winkt Póntigo zu sich heran. „3000 Mundschutze bin ich heute schon losgeworden“, sagt sie.

Nebenan in der Apotheke „Dr. Descuento“ gibt es schon seit Stunden keine mehr. Insgesamt fünf Millionen dieser Stoffrechtecke haben die Behörden seit Freitag unters Volk gebracht. Die Metrostation Chapultepec ist das, was einem Epidemologen in Zeiten wie diesen Sorgenfalten auf die Stirn treibt: Ein lokaler und enger Busbahnhof, daneben eine große U-Bahn-Station, beides umrahmt von Dutzenden Ständen ambulanter Verkäufer, die entweder Raubkopien der jüngsten Hollywood-Streifen oder fettige Tacos feilbieten. Auch an diesem Montag herrscht das übliche Treiben, nur das Gedränge ist etwas weniger dicht als sonst. Kaum einer trägt einen Mundschutz: „Sind ja alle ausverkauft“, lautet die Antwort auf Fragen dazu. Auch Rodrigo Lapuente sorgt sich mehr um seinen Umsatz als um die Ansteckungsgefahr. Seit mehr als zehn Jahren verkauft er Säfte an der Chapultepec-Station. „Aber seit dieses Schweinevirus unterwegs ist, habe ich jeden Tag fünf bis zehn Prozent Umsatzeinbußen“, klagt er.

Damit ist er noch gut dran, denn ein paar Kilometer weiter im schicken Stadtteil Condesa ärgern sich die Restaurantbesitzer und Kneipiers gerade besonders über die Stadtregierung. „Am Wochenende brach unser Umsatz um 60 Prozent ein“, sagt Geschäftsführer Luis Javier vom Café Toskana am Parque México. „Und seit Anfang der Woche müssen wir alle um 18 Uhr dicht machen, weil die Stadtregierung es so will.“ Der Hotel- und Gaststättenverband von Mexiko-Stadt beziffert die Verluste für Hotels, Bars und Restaurants seit Ausbruch der Krise auf 50 Millionen Dollar täglich.

Bürgermeister Marcelo Ebrard will unter allen Umständen das Ansteckungsrisiko minimieren und untersagt daher alles, was viele Menschen zusammenführt. Bis zum 6. Mai sind Schulen, Theater, Kinos, Unis, Museen und Bibliotheken geschlossen. Eine Maßnahme, der inzwischen alle Bundesstaaten gefolgt sind. Und Gesundheitsminister José Ángel Córdova ruft die Bevölkerung immer wieder dazu auf, alle Vorsorgemaßnahmen einzuhalten – und nicht zuletzt den Mundschutz zu nutzen.

Noch ist ungewiss, ob Mexiko die Seuche in den Griff bekommt. Dafür lässt sich der Ursprung des Virus ziemlich sicher rückverfolgen. Der Erreger der Schweinegrippe kam vermutlich über Asien in die USA und von dort mit dem Oster-Reiseverkehr nach Mexiko. Warum er sich dann gerade hier verbreitet hat, weiß der Immunologe Alberto Palacios vom Angeles-Krankenhaus in Mexiko-Stadt: In der kontaminierten Metropole habe er ideale Bedingungen vorgefunden, um den Ausbruch der Epidemie voranzutreiben. „In Mexiko steckt die Hygiene-Erziehung noch in den Kinderschuhen“, kritisiert Palacios. „Hier wir der Müll in die Gegend geworfen, das Trinkwasser nicht sauber gehalten, und die Menschen kümmern sich wenig um ihre Gesundheit.“ Daher sei Mexiko anfälliger als andere Staaten für den Ausbruch einer solchen Epidemie.

von Klaus Ehringfeld

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