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Milch aus dem Labor macht Heuler fit

Hilfe für Seehundbabys Milch aus dem Labor macht Heuler fit

Niedlich sind sie ja – aber verdammt schwer aufzuziehen. Deshalb sind die Experten der Seehundstation im schleswig-holsteinischen Friedrichskoog froh über jedes Seehundbaby, das von seiner eigenen Mutter versorgt wird.

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Lauter hungrige Mäuler: Tanja Rosenberger füttert den Nachwuchs im Aufzuchtbecken der Seehundstation Friedrichskoog.

Quelle: dpa

Hannover/Friedrichskoog. Doch das klappt leider nicht immer. In diesem Jahr haben Sommerstürme und eine insgesamt gewachsene Seehundpopulation laut Stationsleiterin Tanja Rosenberger sogar für einen Heuler-Rekord gesorgt: Insgesamt 122 verlassene Seehundbabys haben die sogenannten Seehundjäger in Friedrichskoog abgeliefert. 90 davon haben bisher überlebt und sollen nun bis zu ihrer Auswilderung in der Station aufgepäppelt werden.

Bei diesem anstrengenden Geschäft – die Heuler bekommen fünfmal täglich eine Mahlzeit – haben die Seehundbetreuer jetzt Unterstützung vom Institut für Tierernährung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) bekommen. Die TiHo-Wissenschaftler haben eine spezielle Aufzuchtmilch produziert, die derzeit in Friedrichskoog getestet wird. „Wir sind immer wieder damit konfrontiert, Muttermilch für Wildtiere zu entwickeln“, sagt Institutsleiter Prof. Josef Kamphues. Das Spektrum reiche dabei von Igeln über Kaninchen und Meerschweinchen bis hin zu den Heulern aus der Nordsee.

Größtes Problem bei den Seehundbabys ist, dass sie in sehr kurzer Zeit extrem viel zunehmen und eine dicke Speckschicht anlegen müssen, um allein überlebensfähig zu sein. „Das Geburtsgewicht liegt bei sieben bis zehn Kilogramm“, sagt Stationsleiterin Rosenberger. „Bei der Auswilderung sollten die Tiere dann 25 bis 30 Kilogramm wiegen.“ Mit der extrem nahrhaften Seehund-Muttermilch, die 45 Prozent Fett enthält, ist das kein Problem. Doch in der Station mussten die Heuler bisher mit kommerzieller Welpenmilch auf Kuhmilchbasis vorliebnehmen. Die hat nur 30 Prozent Fettanteil und zudem eine ganz andere Zusammensetzung.

So enthält Kuhmilch den Milchzucker Laktose. Diesen können die Seehunde aber nicht verdauen, weil ihnen das dafür nötige Enzym Laktase fehlt. Also gibt es Bauchweh, Blähungen und im schlimmsten Fall sogar Schleimhautschäden im Darm. „Dadurch nehmen die Tiere deutlich schlechter zu“, erklärt Rosenberg, die über Jahre hinweg immer wieder versucht hat, die Aufzuchtmilch mit Zusätzen verträglicher zu machen.

TiHo-Professor Kamphues hat die alte Mischung nun bis ins Detail untersucht und deutlichen „Optimierungsbedarf“ gesehen. „Die echte Muttermilch ist sehr arm an Kohlenhydraten“, sagt er. „Und sie hat durch die vielen Fische in der Nahrung der erwachsenen Tiere ein ganz spezielles Fettsäuremuster.“ Das haben die Wissenschaftler nun nachgeahmt. Hinzu kommt eine ebenfalls charakteristische Proteinzusammensetzung. „Die ist aber nicht so schwer nachzubauen“, sagt Kamphues. Außerdem sei ein bestimmtes Verhältnis von Kalzium zu Phoshor nötig, bei Säugetieren in der Regel zwei zu eins. Im Praxistest soll sich nun herausstellen, ob die als Milchpulver ausgelieferte neue Aufzuchtmilch den Erwartungen entspricht oder nachgebessert werden muss.

In Friedrichskoog warten derweil die Heuler auf ihre nächste Mahlzeit. Pro Nase gibt es je nach Alter 150 bis 200 Milliliter Aufzuchtmilch, gemischt mit einem Löffel pürierten Hering. „Ab einem Alter von drei Wochen stellen wir ganz auf Fisch um“, sagt Rosenberger. Weil eine Flaschenfütterung bei 90 Mäulern zu lange dauern würde, bekommen die Seehunde ihr Essen per Schlauch. Und haben im August dann hoffentlich das richtige Gewicht für die Freiheit.

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