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Seit fünf Jahren fassungslos

Mutter eines Loveparade-Opfers Seit fünf Jahren fassungslos

Die Loveparade in Duisburg führte 21 Menschen in den Tod. Bis heute leiden die Überlebenden. Eine Mutter ließ das Zimmer 
ihrer toten Tochter 
seither unverändert.

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Schemenhafte Figuren im Tunnel zum ehemaligen Gelände der Loveparade in Duisburg erinnern an das Unglück vor fünf Jahren. Damals starben 21 Menschen bei einer Massenpanik.

Quelle: dpa

Duisburg/Bielefeld.. Vielleicht weiß er nicht, was er sagt, formt nur die Laute nach. Aber vielleicht hat er auch einfach ein Gespür dafür, dass jemand fehlt. Jedenfalls ruft er manchmal einfach ihren Namen. Dreht den Kopf ein wenig, schaut aus seinem Käfig und sagt: „Anjelina“, oder auch „Anjelina, komm“. Niki ist ein Graupapagei, 14 Jahre alt, alt genug also, um sie noch zu kennen, sich an sie zu erinnern.

Foto: Das Porträt zeigt Sabine Sablatnig. Sie verlor bei dem Unglück auf der Loveparade vor fünf Jahren ihre 19-jährige Tochter.

Sabine Sablatnig verlor bei dem Unglück ihre 19-jährige Tochter.

Quelle: Fuchs

„Tut weh, jedes Mal“, sagt Sabine Sablatnig, Anjelinas Mutter, aber was soll sie schon tun, es ihm verbieten? Und warum sollte ausgerechnet einem Papagei gelingen, was sonst niemand schafft: einen Abschluss zu finden. Das schafft keiner. Weil der Schmerz zu groß ist, wenn man das eigene Kind verliert. Aber womöglich auch, weil nichts wurde aus den großen Versprechen von „lückenloser Aufklärung“, „schnellstmöglich“.

Anjelina Sablatnig jedenfalls wird nicht zurückkehren in ihr Teenager-Mädchenzimmer im Bielefelder Stadtteil Stieghorst. Vor fünf Jahren, am 24. Juli 2010, stieg sie mit Freundinnen in einen Zug nach Duisburg zur Loveparade, diesem großem Techno-Umzug, der mal aus Berlin kam und nun in der alten Stahlarbeiterstadt gestrandet war. Die 19-jährige Bäcker-Auszubildende war kein Techno-Fan. Aber der Junge, für den sie schwärmte, war es, ihn hoffte sie dort zu treffen. Anjelina schminkte sich, trug grünen Schatten auf die Lider, steckte einen Reif ins Haar. Vor der Abfahrt fotografierte sie sich, per Selbstauslöser, sie schien sich zu gefallen.

"Sie hat es nicht geschafft"

In Duisburg, auf der Love­parade, hat sie nach dem Jungen gesucht. Gefunden hat sie ihn nicht. Auf dem Gelände eines alten Güterbahnhofs, vor einem Tunnel, geriet sie in ein fürchterliches Gedränge. Dort muss sie gestürzt sein. „Ich habe später die Frau getroffen, die auf ihr lag“, sagt Sabine Sablatnig. „Sie hat erzählt, wie Anjelina zuerst noch die Augen offen hatte. Wie sie ihr gut zugeredet hat, sie müsse wach bleiben. Aber dann hat sie es doch nicht geschafft. Viele verstehen das nicht, aber mir hat diese Begegnung gutgetan. Ich bin froh zu wissen, wer in den letzten Minuten bei ihr war.“

Die Loveparade 2010 in Duisburg, das ist die Geschichte einer großen Tragödie. 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt. Es ist die Geschichte einer Stadt, die auch mal moderne Metropole statt rußiges Ruhrgebiet sein wollte – und dabei alle Vorsicht ganz hintanstellte. Es ist die Geschichte einer überforderten Polizei und eines überehrgeizigen Veranstalters. Inzwischen, fünf Jahre später, gehört dazu aber auch das Drama von der sehr schleppenden Aufarbeitung. Ein Strafprozess gegen die Verantwortlichen der Katastrophe hat noch immer nicht begonnen. Und es ist fraglich, ob es ihn überhaupt jemals geben wird.

"Liebe hört niemals auf"

An dem Ort, an dem Anjelina und die anderen starben, ist es staubig und laut. Eine vierspurige Straße führt durch diesen 400  Meter langen, breiten, aber bedrückend niedrigen Tunnel, in dem sich die Menschenmassen stauten. Dort, wo die Rampe zu diesem Tunnel hinabführt, wo also damals die Opfer regelrecht erdrückt wurden, stehen Bilder, die an junge Menschen erinnern. Kreuze, Kerzen, Blumen liegen dazwischen. Jörn Teich blickt auf eine neue Erinnerungstafel, sie ist gerade angebracht worden, pünktlich zum fünften Jahrestag. „Liebe hört niemals auf“, steht darauf in sieben Sprachen, den Sprachen der Opfer. Wie es ihm jetzt geht? „Wenn ich hier bin, immer scheiße“, sagt Teich.

Foto: Das Porträt zeigt Jörn Teich, den Gründer der Initiative "LoPa 2010".

Jörn Teich: "Ich bin erschrocken, dass immer noch Menschen da sind, die nicht ins normale Leben zurückgefunden haben oder bei denen eine Traumatisierung wieder aufgebrochen ist."

Quelle: Fuchs

Teich, heute 41, war vor fünf Jahren Besucher der Love­parade. Er wurde nicht verletzt, jedenfalls nicht körperlich. Aber die Eindrücke von Panik, Gedränge, Todesangst lassen ihn bis heute nicht los. Das Kennzeichen seines schwarzen VW Passat lautet EN–LP 247, das Kürzel steht für Loveparade, 24. Juli. „Das ist der Tag, um den sich bei mir alles dreht“, sagt Teich.

"Ich muss da durch"

Vor drei Jahren gründete er die Initiative „LoPa 2010“, die auch die „Nacht der 1000 Lichter“ organisiert, bei der Betroffene am Vorabend des Jahrestags an der Unglücksstelle zusammenkommen. Zu mehr als 400 Opfern und Angehörigen hält er Kontakt, fast alle brauchen noch Hilfe. „Manche leiden noch immer unter Angstattacken, trauen sich bis heute nicht aus dem Haus.“ Er selbst erlitt im vergangenen Jahr einen schweren Herzinfarkt. Mit 40. Seitdem ist er arbeitsunfähig.

Sabine Sablatnig dachte lange, sie hätte die Trauer im Griff. Ein Jahr lang war sie nach dem Tod ihrer Tochter in Therapie. Sie sah sich auf Youtube alle Videos von der Unglücksstelle an, sie mutete sich alles zu. Auf einem Video fand sie Anjelina, es zeigte Sanitäter, wie sie versuchten, sie wiederzubeleben. „Ich wollte vor nichts ausweichen, ich dachte, ich muss da überall durch“, sagt die Mutter heute, eine schmale Frau mit traurigem Blick. Aber sie hielt sich wohl für stabiler, als sie war.

Warten auf die Therapie

Sabine Sablatnig ist Busfahrerin. Als sie im März dieses Jahres, am Tag eines Heimspiels von Arminia Bielefeld, auf einen Pulk von Fans zufährt, spürt sie, wie ihr Herz zu rasen beginnt, der Atem schneller wird. Sie muss rechts ranfahren, anhalten. „Sie hätten schon gar nicht mehr fahren dürfen“, sagt der Arzt, den sie drei Tage später aufsucht.

Heute, vier Monate später, ist Sabine Sablatnig gerade aus einer psychosomatischen Klinik zurückgekehrt. Die Psychologen haben die Behandlung abgebrochen. „Die sagten, sie können mir nicht helfen.“ Sabine Sablatnig brauche eine spezielle Traumatherapie. Auf die muss sie warten. Zwei Monate, vielleicht drei. Wenn ihr in den vergangenen Jahren etwas geholfen hat, sagt sie, dann war es die Arbeit. Die Regelmäßigkeit der Fahrpläne, die Kontrolle über das Fahrzeug, das tat ihr gut. Jetzt ist ungewiss, ob sie jemals wieder arbeiten kann, schon wegen der Medikamente. „Im Grunde“, sagt sie, „geht es mir heute schlechter als damals, nach dem Unglück.“

Noch kein Prozess

Was ist der Wert eines toten Kindes? 20 000 Euro? Die Summe hat Sabine Sablatnig vom Land erhalten, als Entschädigung. 500  Euro erhielten Verletzte für einen Tag im Krankenhaus. Der Versicherungskonzern Axa hat für die Stadt Duisburg und den Veranstalter Lopavent in 500 Fällen Verletzte entschädigt. Jörn Teich sagt, bei ihm sei es gut gelaufen. Schwierig sei es vor allem für die, die nicht gleich zum Arzt gegangen sind. Für die, die jetzt erst merken, wie lange der 24. Juli 2010 ihr Leben bestimmt.

Doch was viele Betroffene geradezu erzürnt, ist der fehlende Prozess. Die Staatsanwaltschaft Duisburg hat Anklage erhoben gegen vier Mitarbeiter des Veranstalters Lopavent und sechs Mitarbeiter der Stadt. Sie alle sollen schwere Fehler bei der Vorbereitung und Genehmigung gemacht haben – so besagt es das Gutachten des Sachverständigen Keith Still.

Das Zimmer ist unverändert

Aber noch immer steht nicht mal fest, ob das Landgericht Duisburg überhaupt einen Prozess führen wird. Immer wieder gab es Verzögerungen. Zunächst fehlte eine deutsche Übersetzung von Stills Gutachten, dann musste er weitere Fragen beantworten. Die Akten umfassen mittlerweile 44.000 Seiten. „Ich hätte nie gedacht, dass in Deutschland so ein Unglück überhaupt möglich ist“, sagt Sabine Sablatnig. Nicht in diesem Land, in dem es doch so viele Vorschriften und Regeln gibt, wie sie ja auch als Busfahrerin jeden Tag merkte. „Aber genauso wenig hätte ich gedacht, dass fünf Jahre vergehen können, und nicht ein Schuldiger wird verurteilt.“

Wobei die aus ihrer Sicht Hauptschuldigen ja ohnehin nicht vor Gericht kommen. Gegen den früheren Oberbürgermeister Adolf Sauerland und den Veranstalter Rainer Schaller wird nicht mehr ermittelt.

Sabine Sablatnig hat den Namen ihrer Tochter auf den Unterarm tätowiert. In Anjelinas Zimmer hat sie nichts verändert. Da stehen „Harry Potter“-Bücher im Regal, sitzen Ernie- und Bert-Puppen auf dem Schrank, hängt ein eingestaubter Hut über einer Staffelei. „Die Therapeuten sagen, ich solle das Zimmer auflösen“, sagt sie. Es wäre besser, sagen sie. Sie müsse lernen loszulassen.

Aber bisher, sagt Sabine Sablatnig, hat sie das einfach noch nicht geschafft.

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