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Panorama Nach Verhaftung: Dunkle Wolken über Kachelmann
Nachrichten Panorama Nach Verhaftung: Dunkle Wolken über Kachelmann
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16:06 29.07.2010
Von Imre Grimm
Unter Verdacht: Jörg Kachelmann. Quelle: dpa

„Ich möchte wenigstens einmal in meinem Leben einen Tornado live erleben“, hat Jörg Kachelmann mal gesagt, Deutschlands bekanntester Wetterexperte, der Mann, den kein Sturmtief erschüttern konnte, der auch bei wochenlangem Nieselregen ein sonniges Gemüt zur Schau trug. „Nichts ist schlimmer als dauerhaft blauer Himmel. Das empfinde ich als persönliche Beleidigung.“

Nun erlebt der 51-Jährige seinen ganz persönlichen Tornado: Die Staatsanwaltschaft Mannheim ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts der Vergewaltigung. Er soll Anfang Februar seine langjährige Lebensgefährtin nach einem Streit zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben. Seit Sonnabend sitzt Kachelmann in der Justizvollzugsanstalt Mannheim in einer Zweimannzelle in Untersuchungshaft.

Beamte der Landespolizei Hessen hatten den Schweizer am Wochenende am Frankfurter Flughafen nach der Rückkehr aus dem kanadischen Vancouver verhaftet. Von dort hatte Kachelmann für die ARD von den Olympischen Winterspielen berichtet. Gegen ihn lag ein Haftsbefehl des Amtsgerichts Mannheim vor. Seine Freundin hatte Kachelmann im Februar angezeigt, in der Zwischenzeit hatte sich der Tatverdacht laut Staatsanwaltschaft erhärtet. Das Gericht begründete die Untersuchungshaft mit „Fluchtgefahr“. Kachelmann hat in Deutschland keinen festen Wohnsitz.

Kachelmanns Kölner Rechtsanwalt Ralf Höcker nannte die Vorwürfe gestern „haltlos“ und „frei erfunden“. Sollte Kachelmann vor Gericht gestellt und wegen Vergewaltigung verurteilt werden, droht ihm eine Gefängnisstrafe von nicht unter einem Jahr. Noch ist jedoch unklar, was sich Anfang Februar in der gemeinsamen Wohnung des Paares im baden-württembergischen Schwetzingen abgespielt hat. Die Sprecherin von Kachelmanns Firma Meteomedia, Stephanie Schleß, sprach gestern von einem „Missverständnis, das sich sicherlich schnell aufklären wird“. Am Abend ließ Meteomedia dann mitteilen: „Jörg Kachelmann wird wegen falscher Anschuldigung Klage erheben.“

Kachelmann ist eines der bekanntesten Gesichter der ARD. Das Drama schadet nicht nur seinem Image als unerschütterlicher Saubermann, sondern auch der Reputation seines Muttersenders. Dieser schwieg gestern zu den Vorwürfen gegen seinen „Wetterfrosch“. Der Autodidakt Kachelmann, Sohn eines Eisenbahners, der schon als Kind das Wetter in seiner Heimatstadt Lörrach aufgezeichnet hat, ist in der Branche zwar erfolgreich, aber keineswegs unumstritten. Aus der Wettervorhersage alter Prägung, bis dato ein Geschäft ernster, hochseriöser Männer mit Fliege und Zeigestock, machte er mit Zauselbart und Zauselsprache („Da kommt ein Tief reingekringelt“) ein entkrampftes Comedy-Event. Längst ist sein Name Synonym für das Wettergeschehen an sich.

Zwei Monate vor seinem Examen hatte er einst sein Studium der Geografie, Mathematik und Physik 1983 geschmissen und ein Volontariat bei der Schweizer Boulevardzeitung „Sonntagsblick“ absolviert. 1988 war er dort bereits stellvertretender Chefredakteur, wechselte dann aber doch als vorwitzig-lockerer „Wea-thermän“ zum Südwestfunk – jahrelang hatte er dem Sender unaufgefordert Wetterfaxe geschickt, bis man praktisch nicht mehr anders konnte und ihn anheuerte.

Im Wendejahr 1990 dann gründete Kachelmann in einem alten Bauernhaus bei St. Gallen seine Meteomedia AG, die inzwischen 120 Mitarbeiter hat. Seit 1994 beliefert er die ARD mit dem „Wetter im Ersten“ vor der 20-Uhr-„Tagesschau“, seit 2002 tritt er im Wechsel mit Claudia Kleinert, Sven Plöger und Alexander Lehmann auch nach den „Tagesthemen“ auf – nachdem der bisherige Platzhirsch und Kachelmanns ärgster Konkurrent, der Deutsche Wetterdienst, am 26. Februar 2002 im Gegensatz zu Kachelmanns Firma nicht ausreichend vor dem Sturmtief „Anna“ gewarnt hatte – und den lukrativen ARD-Auftrag verlor. Unermüdlich zog Kachelmann seither durch die Lande und eröffnete in sonst wenig beachteten Kleinstädten Wetterstationen, 790 sind es bis heute. 2008 erhielt er dafür den „Preis der deutschen Zipfel“ – vergeben vom „Zipfelbund“, den nördlichsten (List auf Sylt), westlichsten (Selfkant), südlichsten (Oberstdorf) und östlichsten (Görlitz) Gemeinden Deutschlands. Im MDR war er als Talkmaster in „Riverboat“ zu sehen. Seine Karriere als Quizmaster und Nachfolger von Hans Joachim Kulenkampff mit „Einer wird gewinnen“ floppte 1998.

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