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Panorama Watergate für Arme
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21:48 28.01.2014
Von Imre Grimm
Ja, auch in Hannover gab es eine Affäre, die den Zusatz „-gate“ bekam. Quelle: dpa
Berlin

Anglizismen sind uncool. Da verfügt die deutsche Sprache über stylishe Wörter voll Power und Glamour, und trotzdem boomen Chats auf Denglish, trotzdem coinen clevere Creative Directors mit ihrer Crew chillige Commercial Claims aus cosy Crossover-Wortclustern. Alles für den Cashflow. Cheers!

Anglizismen sind uncool? No way, sagt der Berliner Sprachprofessor Anatol Stefanowitsch, Lobbyist für interlinguale Entkrampfung. Auf seine Initiative hat eine Jury eine Wortendung aus vier Buchstaben zum „Anglizismus des Jahres 2013“ gekürt – quasi als Konterattacke gegen Sprachpuristen, die durch Lehnwörter die kulturelle Identität gefährdet sehen. And the winner is ... „-gate“.

Jeden lauwarmen Aufreger umweht inzwischen durch die ironisierende Nachsilbe „-gate“ ein sanfter Hauch von Watergate. Der Skandal, der 1974 US-Präsident Richard Nixon zum Rücktritt zwang, hat „Watergate“ zur Wortmarke gemacht. Deutschland wehrte sich lange; „Irangate“ nannte man 1986 hierzulande noch umständlich die Iran-Contra-Affäre. Aber schon die Barschel-Affäre ein Jahr später wurde zu „Waterkantgate“, der Immobilienskandal um Bill und Hillary Clinton 1992 dann zu „Whitewatergate“. Und dann riss sich „-gate“ endgültig vom „water“ los und machte sich selbstständig – bis hin zu Dirk Niebels „Teppichgate“, Rainer Brüderles „Dirndl­gate“, dem unvergessenen hannoverschen „Krümelgate“ und dem nicht minder fidelen „Mopsgate“ in Stuttgart, wo ein goldfarbener Steinmops von einer Loriotstatue verschwand.

Der „Anglizismus des Jahres“ ist als Positivpreis gedacht. Silben wie „-gate“ und „Fake-“ stünden für eine neue Phase in der Entlehnungsgeschichte zwischen dem Deutschen und dem Englischen, sagt Stefanowitsch. „Es werden nicht mehr nur einzelne Wörter, sondern Teile des Sprachsystems entlehnt, produktiv weiterverwendet und mit deutschen Begriffen kombiniert.“ „Fake-“ (Fälschung) landete auf Platz zwei der Liste, gefolgt von „Whistleblower“ (Enthüller), „Selfie“ (Selbstporträt) und „Hashtag“ (Schlagwort).

Der unter Sprachkonservativen verbreitete Eindruck, Anglizismen überschwemmten geradezu den deutschen Sprachraum, ist dem Siegeszug moderner Technik samt iPhone und Tablet zuzuschreiben – statistisch aber nicht zu belegen: Von den 140 000 Stichwörtern im Duden stammen 3,7 Prozent aus dem Englischen. Griechisch und Lateinisch sind dominanter. Simulierte Weltläufigkeit in Werbung („BackFactory“) oder Business („Das Meeting ist gecancelt“) kann allerdings nerven. Noch schlimmer: anglophone Neukreationen wie „Handy“, „Beamer“ oder „Oldtimer“. Aber: Nicht jedes englische Lehnwort verdrängt ein deutsches Original. Wörter wie „Doping“, „Freak“, „Joint“ und „Skyline“ sind unübersetzbar. Bizarr wird’s allerdings bei Angela Merkels „Handygate“: ein Scheinanglizismus plus der „Anglizismus des Jahres“ in einem Wort. Da kann man als Purist schon mal crazy werden.

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