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Welcher Name darf es sein?

Vornamen Welcher Name darf es sein?

Kevin, Chantal, Hubertus: Nicht jeder mag seinen Vornamen. Oft auch, weil damit negative Eigenschaften verbunden werden. In Schweden lässt sich der Name leicht ändern, doch Deutschland tut sich schwer damit.

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Nicht jeder mag seinen Vornamen. Manche leiden sogar daran.

Quelle: dpa

Berlin. Wenn Loke nicht mehr Loke heißen will, geht er ins Internet, klickt sich durch einige Formulare, und am Ende bekommt er seinen Wunschnamen, vielleicht den Emil. So funktioniert die Vornamensänderung in Schweden. In Deutschland ist das viel komplizierter. Wenn Chantal nicht mehr Chantal heißen will, muss sie sehr gute Gründe vorbringen, den Standesbeamten überzeugen, ein paar Wochen warten und bis zu 255 Euro zahlen.

Professor Damaris Nübling von der Universität Mainz bevorzugt das schwedische Modell. Wer mit der Namenswahl der Eltern nicht zufrieden ist, gar darunter leidet, sollte den Vornamen auch hierzulande leicht ändern können. „Schließlich ist ein Name etwas Fremdbestimmtes“, sagt die Sprachwissenschaftlerin, die zu den Veranstaltern der Mainzer Namenstagung gehört. Zu dieser international besetzten Konferenz haben sich kürzlich Fachleute verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen getroffen, um über Vor-, Spitz- und Kosenamen zu diskutieren - ein wenig erforschtes Gebiet. Dabei sind Namen alles andere als Schall und Rauch. Sie sind Begleiter fürs Leben, die eben auch zur Bürde werden können. Manchmal frage sie in ihren Vorlesungen, wer gerne seinen Vornamen ändern würde, wenn es ginge. Jeder fünfte Student hebt dann die Hand, erzählt Nübling.

Das geht – das nicht

Abgelehnte Namen in Deutschland: Pfefferminza, Störenfried, Borussia, Satan, Porsche, Waldmeister, Junge.


Akzeptierte Namen: Sexmus Ronny, Pumuckl, Tarzan, Sheriff, Fanta, Schneewittchen, Winnetou     

Den eigenen Vornamen nicht zu mögen kann viele Gründe haben. In Schweden nutzen insbesondere Migranten die unkomplizierte Art der Änderung. Mit einem schwedisch klingenden Namen erhoffen sie sich bessere Chancen auf dem Wohnungsmarkt und bei der Jobsuche. Andere wollen mit dem Wechsel ihrem Leben mit Allerweltsnamen mehr Individualität geben. Und dann gibt es diejenigen, die tatsächlich unter ihrem Namen leiden. Forscher der University of Illinois sind zu dem Ergebnis gekommen, dass der Vorname nicht nur enorme Auswirkungen auf das Selbstbild einer Person hat, er kann auch darüber entscheiden, welchen Eindruck sie auf andere machen. Man denke nur an Kevin. Das sei kein Name, sondern eine Diagnose, lautete der Kommentar eines Lehrers in einem Fragebogen zur Wahrnehmung von Vornamen. Ein Satz, der bis heute im kollektiven Gedächtnis kleben geblieben ist, auch wenn die Studie von 2009 schon in die Jahre gekommen und darüber hinaus wenig repräsentativ ist. „Der Name Kevin ist stigmatisiert und verbrannt“, sagt Damaris Nübling. Wer so heißt - so die landläufige Meinung - , gehört zur bildungsfernen Schicht. Dabei rangierte Kevin lange weit oben auf der Liste der beliebtesten Vornamen - besonders in den Neunzigerjahren als Kevin Costner mit dem Wolf tanzte und „Kevin - Allein zu Hause“ war. Für Sprachwissenschaftlerin Nübling drückt die Stigmatisierung von Kevin ein Tabu aus, das gebrochen wird. Über die Unterschicht zu sprechen - ihren Kleidungsstil, ihr Einkommen - gehöre sich nicht, anders dagegen über bestimmte Namen. Darüber lästert man gerne. Kleiner Trost für all die Kevins: Lernen Menschen erst einmal die Person kennen, ist der Name nicht mehr so wichtig. Und, so betont Nübling, sei es wissenschaftlich nicht erwiesen, dass den Trägern ein unmittelbarer Nachteil entstehe.

Dem neugeborenen Kind den passenden Namen zu geben setzt viele Eltern unter Druck. Kein Wunder, dass spätestens beim Kosenamen die Kreativität verbraucht ist - weit über die Hälfte aller Deutschen nennen ihren Partner Schatz oder Liebling.

„Auch ,Gott‘ ist tabu“

Frauke Rüdebusch von der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden über Namen

Sie bekommen all die Namen zur Prüfung vorgelegt, bei denen Standesämter unsicher sind, sie zu genehmigen. Welche wurden abgelehnt. Kürzlich haben Kollegen den Namen Atatürk abgeleht. Das ist kein Vorname sondern eine Ehrenbezeichnung. Und als „Vater aller Türken“ benannt zu werden, ist ja auch eine schwere Bürde fürs Kind. Auch Gott oder Bootsmann ist in Deutschland tabu.

Werden viele Namen abgelehnt?
Nein, etwa 85 bis 90 Prozent der bei uns angefragten Namen werden bestätigt.

Gibt es Kriterien für die Namensvergabe?
Es gibt keine gesetzlichen Vorgaben, aber Namensrichtlinien. Eltern sind zunächst frei in der Namenswahl für ihren Nachwuchs solange das Kindeswohl nicht gefährdet ist. Außerdem muss der Vorname als solcher erkennbar sein.

In den USA ist es ja auch mitunter üblich, Kinder nach ihrem Zeugungsort zu benennen. Ist das hierzulande auch möglich?
Na ja. Empire State Building ginge jetzt nicht. Der Name muss schon wie ein Vorname klingen. Kürzlich haben wir auch Soça genehmigt. Das ist ein Fluss in Osteuropa, an dem die Eltern wohl ihre Flitterwochen verbracht haben.

Beim Kindesnamen leben Eltern oft ihre Kreativität aus. Eine gute Idee?
Ich finde, man sollte Kindern Namen geben, mit denen sie gut leben können. Wichtig ist, dass jeder ihn aussprechen und buchstabieren kann.

Gibt es schichtenspezifische Namen?
Studien belegen, dass die Mittelschicht eher auf traditionelle Namen setzt, während die Oberschicht Namen aus der Großelterngeneration und exklusive Namen bevorzugt. Untere Schichten wählen eher anglo- und frankophone Namen.

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