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Kölner Augenzeuge: "Das waren Bestien"

Angriffe auf Frauen Kölner Augenzeuge: "Das waren Bestien"

In der Silvesternacht war Nana Domena am Kölner Hauptbahnhof. Dort erlebte er die sexuellen Übergriffe auf Frauen. Jetzt spricht er darüber – mit einer Klarheit, die dem Sohn ghanaischer Eltern vielleicht leichter fällt als manch anderem.

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Nach den Angriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln wird in der Stadt und bundesweit über die Konsequenzen diskutiert.

Quelle: Maja Hitij/dpa

Köln. Es fällt ihm nicht leicht, die richtigen Worte zu finden, auch jetzt nicht, fünf Tage später. Vielleicht liegt es daran, dass es so unfassbar war, was da vor seinen Augen geschah, so vollkommen unglaublich, aber wahrscheinlich auch daran, dass er in so gänzlich anderer Stimmung war. Als sich Nana Domena am Silvesterabend kurz vor Mitternacht dem Platz vor dem Kölner Hauptbahnhof nähert, kommt er gerade von einer Feier in den Rheinterrassen, er hat dort moderiert, in dem Paillettensakko, das er jetzt wieder trägt. 

Nana Domena, kann man sagen, war ganz guter Stimmung. „Und dann stehe ich auf einmal mitten im Krieg.“

Slips wurden heruntergerissen

Krieg, so kam es ihm vor, was sich vor dem Kölner Bahnhof abspielte. Was er sah, waren Männer, die von der Treppe vor dem Dom Raketen und Böller einfach in die Menge schossen. Junge ausländische Männer, die Passanten anrempelten, schlugen, ausraubten. Frauen, denen Hosen und Slips heruntergerissen wurden, die begrapscht und in einem Fall offenbar auch vergewaltigt wurden. Eine riesige Angst habe ihn erfasst, sagt Domena. Wobei er zu den Wenigen gehörte, die nichts abbekamen außer ein paar Blicken. „Für die war ich wohl so eine Art Edelflüchtling“, sagt Domena, „in meinem Glitzeranzug.“

Nana Domena, Sohn ghanaischer Eltern, ist schwarz. Das ist in dieser Geschichte kein unwichtiges Detail.

Täter sind bisher unbekannt

Was der 34-Jährige an diesem Abend erlebte, war ein Ausnahmezustand, der nicht nur diese Stadt, sondern das ganze Land noch eine Weile beschäftigen dürfte. Und der, wenn es schlecht läuft, den Rechtspopulisten und Ausländerfeinden jenen Auftrieb geben könnte, den sie sich wünschen. Zumal es in Hamburg an jenem Abend offenbar ähnliche Zustände gab. In Köln jedenfalls rotteten sich am Silvesterabend Hunderte junge Männer vor dem Bahnhof zusammen, am Ende sollen es um die 1000 gewesen sein.

Analyse

In Deutschland wird heftig über die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht diskutiert. Niemand sollte versuchen, hier etwas schönzureden. Eine Analyse von Matthias Koch finden Sie hier.

Es waren, auch das ist ein wichtiges Detail, offenkundig Ausländer arabischer und nordafrikanischer Herkunft, so beschreiben es praktisch alle Zeugen. „Aus dieser Gruppe heraus“, so berichtet es die Polizei, werden an jenem Abend Männer und Frauen bestohlen, geschlagen und misshandelt. Die Polizei betonte gestern auch fünf Tage nach den Taten, dass man bisher nichts Genaues über die Täter wisse, und warnte vor voreiligen Schlüssen. „Es gibt keinen Hinweis, dass es sich hier um Menschen handelt, die in Köln Unterkunft als Flüchtlinge bezogen haben“, sagt auch Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Sicher ist: In der letzten Stunde des alten Jahres ist vor dem Kölner Bahnhof nichts mehr sicher.

„Ich habe Hände an allen Kör­peröffnungen gespürt“, sagt eine Frau an den Tagen danach in einer Kölner Zeitung. „Du siehst das und willst die Polizei rufen“, sagt ein Augenzeuge, der seinen Namen nicht nennen möchte. „Aber die Polizei ist schon da und kann nichts machen.“ Es sind zu viele.

Nana: "Das waren Arschlöcher"

Und das ausgerechnet in Köln. Der Stadt, die 1992 unter dem schönen Motto „Arsch hoch, Zähne auseinander“ die noch immer größte Demo gegen Ausländerfeindlichkeit der deutschen Geschichte auf die Beine brachte, 100 000 Leute rund um den Chlodwigplatz. Die Kölner waren es, die der Pegida-Bewegung im vergangenen Jahr das Licht ausknipsten, noch bevor die im Westen ankommen konnten. Aber Köln ist eben auch die Stadt, in der Hooligans, die so taten, als kämpften sie gegen Salafisten, 2014 ungestört Polizeiwagen demolieren konnten. Auch da war etwas außer Kontrolle geraten. Schwieriges Terrain.

Nana Domena passt ganz gut nach Köln. Köln ist ja auch eine Medienstadt, und Nana, wie ihn alle nennen, Eventveranstalter und Moderator von Beruf, tritt ab und zu bei RTL im Fernsehen als Motivations­coach auf. Er sieht die Welt nicht gern von der düsteren Seite, und er ist sportlich, in seinem Büro im Kölner Stadtteil Weidenpesch stehen zwei Rennräder gleich gegenüber vom Schreibtisch. Aber wenn er jetzt, am Tag fünf nach dem Ausnahmezustand, sofort zu einem Gespräch bereit ist, dann deshalb, weil er findet, dass die Debatte jetzt ein bisschen mehr Klarheit ganz gut vertragen kann. Klarheit, die ihm vielleicht leichter fällt als manch anderem. „Das waren Arschlöcher, die das gemacht haben, Bestien“, sagt er. „Für die muss es sofort ein Rückfahrticket geben.“ Aber die Bestien seien eben auch nicht die Mehrheit. Die Mehrheit, das sind die anderen. „Denen muss man sagen: Wenn du bereit bist, zwölf Stunden am Tag zu arbeiten, dann kannst du es schaffen.“ Manchmal hat Nana Domena das Gefühl, den Deutschen falle beides schwer, die Härte genauso wie die echte Offenheit.

Mehr Überwachung, mehr Kontrollen

Domenas Geschichte lässt sich ja leicht wie eine echte Erfolgsgeschichte erzählen. Geboren in den Niederlanden, aufgewachsen bei einer Pflegemutter in Recklinghausen, der einzige Schwarze im Stadtteil. Mannschaftskapitän beim Fußball, Fachabitur, heute Besitzer einer Agentur mit einer Handvoll Mitarbeitern. Es lief gut für Nana, das Flüchtlingskind.

Im Sommer war er mal wieder im Fernsehen. Nach den Krawallen vor einem Flüchtlingsheim hatte ihn Oliver Pocher mitgenommen nach Heidenau. Mit einem Schwarzen zu den Rechten, das hielt Pocher offenbar für eine gute Idee. Die Videos gibt es noch bei Youtube. Zusammen begegnen sie vielen eigenartigen Leuten, aber seltsam verhält sich auch Pocher selbst, weil er Domena zum meist stummen Statisten degradiert. Vielleicht gelingt den Deutschen Offenheit gerade dann am schlechtesten, wenn sie ihre Toleranz besonders herausstellen wollen.

In der Silvesternacht ist Domena noch zu einer anderen Party gegangen, der Candyshop-Party, große Sache in Köln. Er traf dort zwei Frauen, die auch vom Bahnhofsplatz kamen, sie waren dort begrapscht worden und noch völlig geschockt. Er habe sie trösten wollen, sagt Domena. „Aber irgendwie ist es mir nicht gelungen.“

Dienstagnachmittag haben sich die Bürgermeisterin von Köln und der Polizeipräsident zum Krisengipfel getroffen. Über die Täter ist immer noch so gut wie nichts bekannt. Mehr Videoüberwachung, mehr Kontrollen, so sollen solche Zustände künftig verhindert werden. Außerdem empfahl Oberbürgermeisterin Reker den Frauen in Köln, dass sie "eine Armlänge" Abstand zu fremden Menschen halten sollten, denen sie nicht vertrauen.

In wenigen Wochen ist Karneval, das ist schon ohne Randale eine Art Ausnahmezustand in Köln. Nana Domena wird wegfahren. Vielleicht nach Holland, dorthin, wo er sich noch immer heimischer fühlt. Karneval, sagt er, sei noch nie seine Sache gewesen.

Dokumentation

Die Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof aus Sicht der Polizei

Die Kölner Polizei hat geschildert, wie der Einsatz am Hauptbahnhof in der Silvesternacht aus ihrer Sicht abgelaufen ist. dpa dokumentiert Auszüge aus der Polizeimitteilung vom Dienstagabend mit der Überschrift: "Fakten zur Silvesternacht". Am Neujahrstag hatte die Kölner Polizei die Einsatzlage in einer Pressemitteilung noch als entspannt bezeichnet. Der Polizeipräsident hat diese Einschätzung inzwischen als Fehler gerügt. Aus dem aktuellen Bericht:

21 Uhr: Auf dem Bahnhofsvorplatz und der Domtreppe befinden sich bereits 400 – 500 augenscheinlich alkoholisierte Personen, die durch aggressives Verhalten auffallen. Es handelt sich in der Mehrzahl um Männer, die unkontrolliert Böller und Raketen abbrennen. ...

23 Uhr: Die genannte Menschenmenge ist auf über tausend Menschen angewachsen. ... Raketen werden häufig absichtlich in die Menge geschossen. Die Stimmung wird zunehmend aggressiver.

23.30 Uhr: Aus Sicherheitsgründen räumen Beamtinnen und Beamte der Polizei Köln und der Bundespolizei die Domtreppe und den Bahnhofsvorplatz. Durch das konsequente Einschreiten der Polizisten werden Personengruppen aufgebrochen, die Situation beruhigt sich zunehmend.

0.45 Uhr: Um den Abreiseverkehr zu gewährleisten, gibt die Polizei den Zugang zum Hauptbahnhof wieder frei. Als die Platzfläche sich erneut füllt, verhält sich die Masse der anwesenden Personen ruhig. Erste geschädigte Frauen erstatten Strafanzeige wegen Diebstahlsdelikten und schildern teilweise auch sexuelle Übergriffe. Die Polizei ... konzentriert Einsatzkräfte erneut im Bereich des Hauptbahnhofs. Passantinnen werden gewarnt und von Beamtinnen und Beamten sicher durch die Menschenmenge begleitet. Bei aggressiven und auffälligen Personen werden Gefährderansprachen und Identitätsfeststellungen durchgeführt. Platzverweise werden ausgesprochen.

4.00 Uhr: Die Lage hat sich abschließend beruhigt."

dpa

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Foto: "Beamte an der Grenze zur Frustration" - so schildert ein leitender Polizist die Kölner Silvesternacht.

Das Protokoll eines leitenden Polizisten aus der Kölner Silvesternacht verdeutlicht das Chaos rund um die sexuellen Übergriffe. Im Gegensatz zu Innenminister Thomas de Maizière, der der Kölner Polizei Passivität vorgeworfen hat, entsteht darin der Eindruck einer völligen Überforderung der Beamten.

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