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20:03 03.08.2018
Familie, Kita, Schule, Studium – welche Voraussetzungen und Entscheidungen prägen unseren Lebensweg? Das Nationale Bildungspanel will das herausfinden. Quelle: Patan
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Hannover

Alles an Lukas glänzt: die stilvoll gestylten Haare, die weißen Zähne, die silberne Uhr, seine Magazin-Cover-taugliche Freundin und natürlich seine Karriere. Klassentreffen, das erste seit Jahren. Menschen, die die Schule neun Jahre lang unfreiwillig zusammenschweißte, stehen bei 30 Grad an einem Bierwagen, trinken Pilsner und vergleichen Lebensläufe.

Lukas hat’s geschafft. Besonders helle war er nie, aber er ging in die Verbindung und die verschaffte ihm Chancen, Förderung und Geld. Luna blieb am Ort, aber weil der Arbeitskräftemangel dort so groß ist, verdient sie ein dickes Gehalt. Schon jetzt, mit Ende 20, hat sie Eigenheim und Benz. Leon machte sich selbstständig, und weil das Land nach allem lechzt, was nicht Stillstand bedeutet, brummt der Laden.

Da steht man also, umgeben von einst Gleichen, die jetzt so verschieden geworden sind. Es gibt Gewinner und Verlierer, aber natürlich vergleicht man selbst sich mit den Gewinnern. Mit Lukas, an dem alles glänzt. Mit Luna, die wenig arbeitet und viel verdient. Oder Leon, der sich was traute und nun davon profitiert.

Wo trennen sich die Lebenswege?

Und zunächst leise, dann jedoch immer lauter kreischt im Hinterkopf eine anklagende Stimme: Was wäre, wenn? Wenn man selbst sich ganz anders entschieden hätte? Wenn die Wahl nach der Schule auf eine andere Ausbildung, einen anderen Beruf, eine andere Stadt gefallen wäre? Vielleicht wäre dann alles besser, entspannter, erfolgreicher – oder nicht?

Jeder stellt sich diese Frage. Und sie ist eine ungemein wichtige: Warum werden wir zu den Menschen, die wir heute sind? Wegen der Eltern, der Schule oder doch der eigenen Entscheidungen?

Das Nationale Bildungspanel (NEPS) versucht, genau das herauszufinden. Nicht für Einzelne, sondern für Millionen. Es fragt, wo die Lebenswege der Deutschen sich trennen. Warum der eine Mensch diese und jener Mensch eine ganz andere Biografie durchläuft. Und warum der eine damit erfolgreich wird, der andere nicht.

Das Nationale Bildungspanel (NEPS) versucht herauszufinden, warum der eine Mensch diese und jener Mensch eine ganz andere Biografie durchläuft – und warum der eine erfolgreich wird, und der andere nicht. Quelle: E+

Das NEPS unter Leitung des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) begleitet rund 60 000 Menschen über Jahre auf ihrem Bildungsweg. Irgendwann soll die Studie sagen können, warum wir wurden, was wir sind.

Heute, zehn Jahre nach der Gründung des NEPS, gibt es die ersten rund 400 Auswertungen der Studie. Viele von ihnen stellen schon jetzt den bisherigen Forschungsstand auf den Kopf. Zusammen mit den Forschern haben wir die spannendsten Ergebnisse aufgeschlüsselt. Herausgekommen ist eine Übersicht über den Werdegang der Deutschen von der Geburt bis zum Berufseinstieg.

Geburt und Kita

Ob ein Mensch erfolgreich wird oder nicht, entscheidet sich größtenteils am Tag seiner Geburt. Denn das größte Risiko und die größte Chance eines Menschen ist seine Familie. Sie ist es, die darüber entscheidet, was ein Mensch lernt, wie er arbeitet, lebt und stirbt. Indem sie dem Kleinkind vorliest oder nicht. Mit ihm an der frischen Luft spielt oder nicht. Oder weil sie es schön früh an Musik und Malen und Wissen heranführt. Oder nicht. Vor allem die Menschen sind beruflich erfolgreich, deren Eltern es ebenfalls waren und deren Bildungsabschlüsse hoch sind. In Deutschland ist dieser Einfluss stärker ausgeprägt als in vielen anderen Ländern.

In der Kindertagesstätte greift erstmals auch der Staat in die Erziehung ein. Allerdings sind auch hier Akademikerkinder im Vorteil: Denn ihre Eltern überlegen länger, in welche Kita sie ihren Nachwuchs schicken. Am liebsten natürlich in die beste – und nicht auf die am günstigsten zwischen Zuhause und Arbeitsplatz gelegene. Gebildete geben alles, um ihre Kleinen am perfekten Ort unterzubekommen. Weniger gebildete Eltern investieren zumeist weniger Zeit und Kraft in die Auswahl.

Dabei ist die Kitaqualität für die spätere Entwicklung ungemein wichtig. Das zeigen Georg Camehl und Frauke Peter vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Sie untersuchten, in welchen Kitas sich Kinder ihre Bausteine um die Ohren hauen – und in welchen sie lernen, auch das letzte Brausebonbon noch zu teilen.

Die Kitaqualität ist für die spätere Entwicklung ungemein wichtig. Quelle: iStockphoto

Das Ergebnis: Wichtig für die Entwicklung von Sozialkompetenz ist vor allem die Ausstattung einer Kita. Wo Kinder häufig Spiele miteinander spielen können, wo sie soziale Regeln lernen und wo sie im Spiel auf andere achtgeben müssen, ist die Sozialkompetenz um 15 Prozent höher als in Kitas, die weder die räumliche noch materielle Ausstattung dafür haben.

Auch die Zahl von Gruppenaktivitäten hilft bei der Entwicklung von Sozialkompetenz. Denn dabei lernen Kinder, aufeinander Rücksicht zu nehmen und Verantwortung füreinander zu zeigen, wenn mal einer aus der Reihe tanzt. Schließlich verbessern auch kleine Kitagruppen das Sozialverhalten, weil hier festere soziale Bindungen und Freundschaften entstehen.

Diese positiven Effekte sind bei Kindern aus Familien mit geringerer Bildung sogar noch stärker als bei Kindern aus hochgebildeten Familien. Was das Sozialverhalten angeht, können gute Kitas Defizite aus dem Elternhaushalt also teilweise sehr wohl kompensieren. Überraschend an der Studie von Camehl und Peter ist zudem: Der Personalschlüssel einer Kita und die Schulbildung ihrer Erzieher haben keinen Einfluss auf die Sozialkompetenz.

Schule

Lernen Kinder im Kindergarten spielerisch, gibt’s in der Schule feste Regeln. Leistungen messen sich fortan in Noten. Sind diese zu schlecht, droht Schülern in den meisten Bundesländern Sitzenbleiben. Bisher ging die Forschung davon aus, dass Wiederholer sich später im Berufsleben schwertun.

Denise Demski und Anke Liegmann fanden allerdings heraus, dass dem nicht so ist: So hat die Wiederholung einer oder auch mehrerer Klassen keinen Einfluss auf das spätere Einkommen. Sowohl in den Berufen, die sehr schlecht bezahlt werden, als auch in denen, in denen die Monstergehälter fließen, hat rund jeder Fünfte eine Ehrenrunde gedreht. Wäre bei Sitzenbleibern Hopfen und Malz verloren, dann müssten die meisten nach der Schule in schlecht bezahlten Berufen landen.

Sitzenbleiber sind vor allem die Jungs, seltener die Mädchen. Forscher machen dafür vor allem andere Rollenbilder verantwortlich. Sich für die Schule anzustrengen, sei bei Mädchen akzeptiert, bei Jungen oft verpönt. Das gilt natürlich nicht für alle. Im Gegenteil: Jungs sind häufiger das, was Statistiker Ausreißer nennen. Das heißt: Im Vergleich mit den Mädchen sind sie häufiger viel besser als der Durchschnitt oder viel schlechter als der Durchschnitt.

Computerspiele

Auch bei Computerspielen unterscheiden sich die Geschlechter. Jungs nämlich zocken deutlich lieber und deshalb häufiger als Mädchen. Bisher war sich die Wissenschaft allerdings uneinig, welche Folgen das hat. Die einen schwören, Gamer würden zu aggressiven Weltverweigerern. Die anderen sahen in ihnen angehende Einsteins.

Die Forscher Timo Gnambs und Markus Appel konnten keine der beiden Theorien stützen. Um den geringen Einfluss von Gaming zu beweisen, nutzten sie Ergebnisse von vier NEPS-Kompetenztests (Logisches Denken, Wortschatz, Auffassungsgeschwindigkeit, Lesegeschwindigkeit). Zwar schlugen sich bei diesen Tests Gamer, die täglich bis zu vier Stunden spielen, ein wenig besser als die Nichtspieler, und Vollzeitgamer schnitten ein wenig schlechter ab.

Allerdings sind diese Abweichungen so gering, dass sie wohl kaum nennenswerte Auswirkungen in der Praxis haben. Zusammengefasst heißt das: Ja, es gibt Leistungsunterschiede zwischen Spielern und Nichtspielern. Aber, nein, sie sind nicht so groß, dass sie das Leben sonderlich beeinträchtigen würden. Computerspiele formen also keine aggressiven Krieger, aber eben (leider) auch keine superschlauen Einsteins.

Ausbildung und Studium

Unabhängig, ob Krieger oder Einstein: Nach der Schule stellt sich die Frage nach dem “Wie weiter“. Hier greifen wieder einmal Prägungen der Familie: Denn Kinder aus höher gebildeten Familien entscheiden sich eher für ein Studium, auch wenn ihre Abiturnoten eigentlich dagegensprechen. Schüler aus weniger gebildeten Familien ziehen stattdessen häufig eine Ausbildung vor. Denn Akademiker- und Nichtakademikerkinder bewerten Kosten und Nutzen eines Studiums anders.

So schätzen Nichtakademikerkinder die Risiken eines Studiums als besonders hoch ein. Sie fremdeln mit dem unbekannten Terrain, scheuen die vielen Semester ohne Verdienst und haben nur wenige finanzielle Sicherheiten, wenn etwas nicht so klappt wie erhofft. Akademikerkinder hingegen hinterfragen oft gar nicht, ob sie studieren sollten oder nicht – weil Hochschulbildung für sie gar einfach zum Leben dazugehört.

Nichtakademikerkinder schätzen die Risiken eines Studiums als besonders hoch ein, Akademikerkinder hingegen hinterfragen oft gar nicht, ob sie studieren sollten oder nicht. Quelle: E+

Ist die Entscheidung über Studium oder Ausbildung getroffen, wählen Frauen seltener technische und naturwissenschaftliche Zweige und Männer seltener soziale. Das ist sattsam bekannt. Der Wirtschaftssoziologe Fabian Ochsenfeld wollte wissen, warum das so ist, und untersuchte dazu die Entscheidungen von Studienanfängern.

Anders als bislang angenommen wählen Frauen ihr Studium nicht, weil sie nach der Schule ihre Berufstätigkeit bereits so planen, dass sie damit gut eine Familie gründen können. Auch die Ratschläge von Familie und Freunden sind ihnen weitestgehend egal. Die meckern zwar, wenn Frauen etwas studieren, das als unweiblich gilt, aber das perlt an den Studienanfängern ab. Stattdessen folgen sie bei der Entscheidung vorwiegend eigenen Interessen.

Und da ist es offenbar so, dass sich Männer viel mehr für praktisch-technische und intellektuell-forschende Tätigkeiten begeistern können als Frauen. Frauen dafür viel mehr für soziale und sprachlich-künstlerische. Unternehmerische Tätigkeiten mögen beide Geschlechter gleich gern.

Ende der Bildung

Sind Schule, Studium, Ausbildung beendet, kann ein erstes Bildungsfazit gezogen werden. Aufstiege, das ist alle paar Wochen aufs Neue zu lesen, seien in Deutschland so gut wie unmöglich. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Die Politik hat viel getan in den letzten Jahrzehnten. Und einige Maßnahmen greifen tatsächlich. Sonst würde die Zahl der Studienanfänger nicht Jahr für Jahr steigen.

Tatsächlich nämlich erzielen 28 Prozent der Deutschen höhere Bildungsabschlüsse als ihre Väter und 39 Prozent bessere Bildungsabschlüsse als ihre Mütter. Ausgerechnet haben das Christian Anger und Wido Geis vom Institut der deutschen Wirtschaft.

Arbeitsmarkt

Egal, ob hoher oder niedriger Bildungsabschluss: Irgendwann muss ein jeder sich auf dem Arbeitsmarkt behaupten. Die Idee: Wer dort gut und viel arbeitet, steigt auf. Bessere Positionen bei besserer Arbeit. Mit NEPS-Daten und Daten der Deutschen Lebensverlaufsstudie kann der Soziologe Nico Stawarz allerdings zeigen, dass diese Idee heute nicht immer aufgeht.

Zwar steigen junge Arbeitnehmer wegen immer höherer Bildungsabschlüsse von Generation zu Generation auf immer höheren Positionen in ihren Beruf ein, danach sind Aufstiege allerdings deutlich seltener geworden (Abbildung 6).

Der Grund: Früher blieben Arbeitnehmer ein Leben lang in einem Unternehmen, in dem sie sich Stück für Stück nach oben arbeiteten – heute wechseln sie häufiger ihren Arbeitgeber. Die Wechsel gehen jedoch nicht unbedingt mit einer höheren Position einher und sind häufiger durch Arbeitslosigkeit bedingt.

Fazit

Geklärt ist die Frage nach dem “Was wäre wenn“ an dieser Stelle noch immer nicht. Die Antwort darauf ist zu schwierig, um auf einer Seite Platz zu finden. Zudem ist jede Statistik eben immer nur Statistik. Die erfasst die vielen, nie die einzelnen Schicksale und Persönlichkeiten. Für die Allgemeinheit lassen sich daraus Schlüsse ziehen – für Individuen kaum.

Zudem steht die Forschung mit NEPS-Daten gerade erst am Anfang. Es wird weitere Jahrzehnte brauchen, bis ihr volles Potenzial ausgeschöpft ist. Aber vielleicht hilft das Nachdenken darüber ja schon, den eigenen Werdegang ein wenig besser nachvollziehen zu können.

Die Forschung mit NEPS-Daten steht gerade erst am Anfang. Für die Allgemeinheit lassen sich schon jetzt erste Schlüsse daraus ziehen – für individuelle Lebenswege allerdings kaum. Quelle: iStockphoto

Woher kommen Zahlen und Infos: Das Nationale Bildungspanel (NEPS) ist die derzeit größte und aufwendigste Sozialstudie Deutschlands. Rund 60 000 Menschen beobachten und begleiten die Forscher seit 2008 auf ihrem Weg von der frühkindlichen Förderung bis in den Beruf. Die jüngsten Teilnehmer sind Neugeborene, die ältesten längst in Rente. Anders als andere Studien befragt das NEPS auch die Eltern, Erzieher und Lehrer der Kinder und führt in allen Altersgruppen eigene Kompetenztests durch. Mehr als 200 Menschen arbeiten am NEPS, verteilt auf Universitäten und Forschungseinrichtungen in 17 Städten. Durchgeführt wird die Studie durch das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) in Bamberg.

Von Julius Heinrichs

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