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Panorama Neue Synagoge in Hameln eröffnet
Nachrichten Panorama Neue Synagoge in Hameln eröffnet
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20:24 20.02.2011
Von Thorsten Fuchs
Am Sonntag ist in Hameln der erste Neubau einer liberalen Synagoge in Deutschland seit dem Holocaust eingeweiht worden. Quelle: dpa

Es ist ein berührender Moment für Polina Pelts. 19 Jahre lang hat sie davon geträumt. Und als sie nun den Thora-Schrank öffnet, als die Jugendlichen die Schriftrollen unter einem Baldachin an all den Gästen vorbei in die neue Synagoge tragen, da ist sie endlich am Ziel. „Sie ist klein, sie ist kein Palast“, wird Polina Pelts über die Synagoge später sagen, „aber sie ist ein Zuhause.“ Dieses Zuhause, das ist die neue Synagoge in Hameln, die die Liberale Jüdische Gemeinde am Sonntag mit einer großen Feier einweihte. Ein schlichter, halbrunder Bau mit einem Davidstern im Oberlicht, der das wiedererwachte jüdische Leben in Niedersachsen symbolisiert: Es ist der erste Neubau einer liberalen Synagoge in Deutschland seit dem Holocaust – und das Produkt einer ungewöhnlichen ukrainisch-amerikanisch-deutschen Zusammenarbeit.

Den ukrainischen Teil verkörpert Polina Pelts, die mit ihrer Familie 1992 nach Hameln kam. In Odessa hatte die Ingenieurin als Jüdin ein schwieriges Leben geführt: Der Doktortitel blieb ihr und ihrem Mann verwehrt, als Rentner hatten sie gerade genug zum Überleben. In Deutschland fühlten sie sich sicher, aber fremd. „Wir hatten das Bedürfnis, unter Gleichen zu sein“, sagt sie. So begann Polina Pelts, andere jüdische Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion anzurufen, bis sie eine kleine jüdische Gruppe waren.

Zu denen, die sich zunächst bei Pelts daheim und dann in der katholischen St.-Elisabeth-Gemeinde trafen, stieß bald auch die Amerikanerin Rachel Dohme. Ihre Vorfahren waren aus Litauen in die USA geflüchtet, einige Mitglieder ihrer Familie waren in Bergen-Belsen ermordet worden. Nach Deutschland war sie der Liebe wegen gekommen. „Als ich hier meine Familie gründete, war es mir wichtig, ihr ein jüdisches Leben zu ermöglichen“, sagte sie am Sonntag bei der Eröffnung.

Von der Begegnung der Amerikanerin mit den Emigranten profitierten beide Seiten. Polina Pelts war wie vielen anderen Zuwanderern die jüdischen Traditionen fremd: „Rachel brachte uns bei, wie man betet“, erzählt sie. 1997 gründete sie mit 18 Männern und Frauen die Liberale Jüdische Gemeinde – heute zählt sie 200 Mitglieder.

Mitentscheidend für den Bau der neuen Synagoge war allerdings auch die Unterstützung zahlreicher Hamelner Bürger und der christlichen Gemeinden: „Es ist ein wunderschönes Gefühl zu wissen, dass wir hier gewollt sind“, sagt Rachel Dohme.

Als Platz erhielt die Gemeinde genau jenes Grundstück, auf dem bis zur Zerstörung im Jahr 1938 die alte Hamelner Synagoge stand. So konnte die Gemeinde im vergangenen Jahr nach den Plänen der Architekten Peter Nasarek und Frank Taylor mit dem Bau der eine Million Euro teuren Synagoge beginnen. Ein Drittel der Summe steuerte das Land bei, ein Drittel die Stadt und der Landkreis, das letzte Drittel brachte die Stiftung Liberale Synagoge aus Darlehen und Spenden auf. Viel Hilfe erhielt die Gemeinde aus den USA. Von dort stammt auch die Thora-Rolle, die die New Yorker Rabbinerin Jo David am Sonntag der Gemeinde übergab. Geschrieben worden war die Rolle allerdings vor gut 100 Jahren in Deutschland. „Diese Rolle kehrt zurück“, sagte sie daher am Sonntag während des Gottesdienstes.

Polina Pelts verfolgte all dies von ihrem Platz auf dem Podium aus, und manchmal mischte sich ein wenig Trauer in ihre Freude. Zum Beispiel dann, wenn ihr ihre tote Mutter einfiel, die sie vor Deutschland immer gewarnt hatte. Aber da war auch der Stolz auf den neuen Bau und die Worte der Gäste. „Dies ist ein historischer Tag für Niedersachsen“, sagte Kultusminister Bernd Althusmann und erinnerte daran, dass die Zahl der Juden in Niedersachsen in den vergangenen 20 Jahren von 600 auf gut 9000 gestiegen ist.

Das letzte Wort bei dieser Einweihung jedoch hatte Polina Pelts, die stellvertetende Vorsitzende. Was nur logisch ist, schließlich hat mit ihrer Familie auch vieles begonnen. Und weil sie nicht gern allein im Mittelpunkt steht, bat sie Rachel Dohme zu sich. Eine gebürtige Ukrainerin und eine Amerikanerin Arm in Arm vor dem Thora-Schrank der ersten neu gebauten liberalen Synagoge in Deutschland. „Es war kein leichter Weg“, sagt Polina Pelts. Und er ist ja längst nicht zu Ende. In der vorletzten Reihe sitzt ihre Enkelin. Jetzt, so wird sie später sagen, geht es darum, dass es mit dieser Gemeinde lebendig weitergeht.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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