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Neues implantierbares Hörgerät an MHH vorgestellt

Medizinischer Meilenstein Neues implantierbares Hörgerät an MHH vorgestellt

Nach mehreren Hörstürzen waren seine Ohren so schlecht, dass Jürgen Hofmann sich beispielsweise beim Einkaufen kaum noch verständigen konnte. Jetzt hat ihm ein neues implantierbares Hörgerät geholfen, das weltweit erstmals in Hannover eingesetzt wurde.

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Der Leiter des Hörzentrums, Professor Thomas Lenarz, präsentiert am Mittwoch das neue Hörgerät.

Quelle: Rainert Surrey

Jürgen Hofmann hat Glück gehabt. Er ist einer der ersten 13 Patienten in Deutschland, die in der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ein neuartiges Mittelohrimplantat bekommen hat. Klinikchef Prof. Thomas Lenarz hatte dem stark schwerhörigen 49-Jährigen aus Nordhorn im Rahmen einer Studie mit zwei weiteren Hörzentren das mit der Firma Cochlea entwickelte DACS-Gerät (Direct Acoustic Cochlear Simulator) eingesetzt, das Schallleitungsstörungen im Mittelohr überbrücken kann. Heute stellt er die Methode beim Cochlea-Implantat-Kongress im International Neuroscience Institute Hannnover (INI) seinen Fachkollegen vor.

Stark schwerhörige Patienten wie Hofmann fielen bislang durch jedes Raster. Sein Hörgerät reichte nicht mehr aus, um den eingehenden Schall zu verstärken, dennoch hatte er auf seinem rechten Ohr noch so viel Restgehör, dass die Ärzte eine Innenohrprothese, das sogenannte Cochlea Implantat (CI), nicht ohne weiteres empfehlen konnten. Denn mit dem CI können die Schwerhörigen zwar wieder Töne wahrnehmen – doch ist das Hörerlebnis ganz anders als beim natürlichen Hören. Auch Hofmann, der im linken Ohr bereits seit vielen Jahren ein CI hat, hatte Probleme mit dem eher künstlichen Klang. „Musik und den Fernseher konnte ich mit dem CI fast gar nicht hören“, sagt er.

Als Ingenieur Hamidreza Mojallal vom Hörzentrum Hannover vier Wochen nach der Operation das erste Mal das DACS-Gerät aktivierte, war Hofmann dagegen begeistert. „Sobald ich das dran hatte, war ich völlig baff“, erinnert er sich. „Ich konnte mich sofort mit Herrn Mojallal unterhalten.“ Auch bei den weiteren Studienteilnehmern war die Operation erfolgreich. „Wir konnten die Methode verfeinern und die Zeit für den Eingriff von sechs auf zwei Stunden verkürzen“, sagt Lenarz.

Wichtige Voraussetzung für den Einsatz des neuen Gerätes sei ein Resthörvermögen, betont der Leiter der HNO-Klinik. „Wenn das nicht mehr vorhanden ist, nützt auch das System nichts“, sagt er. Zudem müssten die Patienten das Risiko in Kauf nehmen, dass sie ganz ertauben könnten, wenn die Operation misslingt.

Für die Mediziner ist das Einbringen des Implantats eine große Herausforderung. Das DACS besteht aus einem sogenannten Aktuator, einem Gerät, dass die Schallwellen aufnimmt und die Schwingungen direkt an das Innenohr weiterleitet. „Das Implantat überbrückt das Mittelohr und stimuliert rein mechanisch das Innenohr über eine sogenannte Stapesprothese“, erklärt DACS-Experte Mojallal. Der Stapes, zu deutsch Steigbügel, ist ein winziger Knochen von der Form eines Steigbügels, der mit seiner Fußplatte auf dem ovalen Fenster zum Innenohr sitzt. Durch den eingehenden Schall wird er im gesunden Ohr in Schwingungen versetzt und leitet diese in das flüssigkeitsgefüllte Innenohr weiter.

Im DACS-Implantat verstärkt der künstliche Stapes die Wirkung des natürlichen Gehörknochens. Die Steigbügelprothese wird in die Fussplatte des Knochens eingefügt und über einen elektromechanischen Wandler von den Schallwellen bewegt. Bei der unter dem Mikroskop durchgeführten Operation schaffen die Chirurgen einen Hohlraum im umliegenden Knochen, wo die DACS-Prothese mit einem speziellen Befestigungssystem fixiert wird. Dann muss der künstliche Steigbügelknochen exakt eingestellt werden. „Dabei ist es wichtig, dass die Prothese sich nur so viel Richtung Innenohr bewegen kann wie erwünscht“, erklärt Lenarz. „Die Toleranz beträgt lediglich zwei bis drei Zehntel eines Millimeters.“

Von außen sieht das DACS-System dann ebenso aus wie ein herkömmliches CI. Wie bei diesem ist der externe Audioprozessor über einen Magneten am Kopf befestigt und mit einem Hörgerät im Ohr verbunden. Der Preis für die Neuentwicklung wird laut Lenarz im klinischen Einsatz etwas günstiger sein als beim rund 20 000 Euro teuren CI. Von den Krankenkassen werde die Versorgung ebenso wie ein implantierbares Hörgerät übernommen, erklärt der Direktor der HNO-Klinik.

Auch die nächste Entwicklung hat der Hörspezialist bereits im Blick: „Wir wollen CI und DACS gemeinsam als Hybridgerät einbauen“, sagt er. Damit wollen Lenarz und seine Kollegen das Hörspektrum noch besser abdecken: Die hohen Frequenzen werden mit einem CI besser gehört, die tiefen mit dem DACS. Zudem kann bei einem weiteren Rückgang des Hörvermögens im Mittelohr ohne eine erneute Operation auf das CI zurückgegriffen werden. Einen ebenfalls mit der Firma Cochlea zusammen entwickelten Prototypen des Hybrid-Implantates gibt es bereits. Trotzdem seien aber noch einige Jahre Entwicklungsarbeit nötig, sagt MHH-Experte Lenarz.

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