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Der Thermomix beflügelt Vorwerk

Nicht bloß ein Küchengerät Der Thermomix beflügelt Vorwerk

Der Thermomix ist bloß ein Küchengerät - aber eines, das Begeisterungsstürme entfacht und der Firma Vorwerk Rekordumsätze beschert. Warum eigentlich?

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Mahlen, mixen, kneten, kochen, dampfgaren und emulgieren - der Thermomix kann fast alles.

Quelle: Alexander Körner

Wolfsburg. Die Abendsonne hüllt die Terrasse in wärmste Farben, vom Gartenteich weht ein Plätschern herüber und mischt sich unters Gespräch der Gäste, bei einem Aperitif stellt man sich einander vor. Der Star des Abends hält sich derweil im Hintergrund. Er thront drinnen auf einem Tisch in der noch dunklen Küche, still, reglos und unbemerkt. Noch. Denn die nächsten drei Stunden gehören ihm, seinetwegen sind die Gäste ja hergekommen, in dieses hübsche Dorf nahe Wolfsburg. Er wird mahlen, mixen, kneten, kochen, dampfgaren und emulgieren – und die Gäste werden ihn dafür bewundern, manch einer wird ihn fast zärtlich berühren.

Der Thermomix ist bloß ein Küchengerät - aber eines, das Begeisterungsstürme entfacht und der Firma Vorwerk Rekordumsätze beschert. Warum eigentlich?

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Nun könnte man sachlich-nüchtern an die Sache rangehen und den Thermomix als das beschreiben, was er ist: Ein etwas klobig geratener weißer Topf, der Lebensmittel schnell erhitzen und schnell zerkleinern kann. Man könnte, ein bisschen so wie früher beim Autoquartett, runterrattern: Küchenmaschine mit einem Fassungsvermögen von 2,2 Litern, eingebauter Zwei-PS-Motor, der das Messer bis zu 250 Stundenkilometer schnell rotieren lässt. Das neueste Thermomix-Modell, der TM5, ist zudem mit einem Digitalchip ausgestattet, der über ein Display die Rezepte anzeigt, Schritt für Schritt.

Vorwerk-Repräsentantin Silke Gless stellt den Thermomix als "Küchenpartner" vor.

Vorwerk-Repräsentantin Silke Gless stellt den Thermomix als "Küchenpartner" vor.

Quelle: Körner

Die Benutzer nennen sich "Thermifee" und "MrThermomen"

Lauter technische Details sind das, ganz interessant zwar, aber letztlich keine Antwort auf die Frage, woher die so  große Faszination mit dem Gerät herrührt. Sie erklären nicht, warum Menschen, die sich selbst „Thermifee“, „Thermimaus“ oder „MrThermomen“ nennen, Videos auf Youtube stellen, in denen zu sehen ist, wie sie vor heimischer Einbauküchenkulisse im Thermomix Kartoffelbrei, Tomatensuppe und Eierlikör zubereiten, „superschnell“ und „superlecker“ – und dafür superviele Klicks erhalten. Wie es passieren konnte, dass das Wuppertaler Traditionsunternehmen Vorwerk – richtig, das mit den Staubsaugern – 2014, also im 131. Jahr der Unternehmensgeschichte, dank des Thermomix den besten Umsatz seiner Geschichte schreiben konnte. Rund eine Million solcher Geräte wurden verkauft – und dabei kam der neue TM5 erst im Herbst auf den Markt. Allein für die ersten drei Monate dieses Jahres meldet der Geschäftsbericht ein Umsatzplus von 19 Prozent. Dabei ist der TM5 mit 1109 Euro je Stück kein Schnäppchen. Dennoch: Die Firma Vorwerk kommt kaum nach mit der Produktion: Die Lieferzeit beträgt bereits zwölf Wochen, das Wuppertaler Werk wird jetzt erweitert, 100 neue Mitarbeiter wurden eingestellt.

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Das Küchengerät Thermomix ist ein Verkaufsschlager. Sind die Begeisterungsstürme berechtigt?

Und auch die Zahl der „Thermomix-Repräsentantinnen“ wurde auf bundesweit 14.000 aufgestockt. Denn es ist so: Den TM5 erhält man nicht im Einzelhandel und auch nicht im Onlineshop. Wer ihn haben will, der muss von einer Thermomix-Besitzerin zu einer privaten Vertriebsparty eingeladen werden; zum „Erlebniskochen“, wie es bei Vorwerk heißt, wo dann die von der Firma entsandte „Repräsentantin“ den Wunderkessel vorführt und, wenn es gut läuft, auch unter die Leute bringt.

"Wer ihn hat, will ihn nie wieder missen"

Es läuft gut. Silke Gless, die „Repräsentantin“, hat es an diesem Abend nahe Wolfsburg mit einer ausgesprochen interessierten Gruppe zu tun. Sechs Teilnehmer, davon zwei Gastronomenpaare, zwei berufstätige Frauen. Und wenn der Funke mal ein bisschen länger braucht, um von der Provisionsverkäuferin auf die Gäste überzuspringen, findet Gastgeberin Ilona Barthold schöne Worte, um ihrer Begeisterung Ausdruck zu verleihen: „Kein Mensch braucht einen Thermomix, aber wer ihn hat, der will ihn nie mehr missen.“ Ilona Barthold schwört auf die Soßen aus dem Thermomix, und auf den Schokopudding. „Ich werde versuchen, Sie davon zu überzeugen, dass der Thermomix auch für Sie der richtige Partner ist“, sagt Silke Gless in die Runde und verteilt an jeden eine „Bordkarte“, weil es ja eine „kulinarische Reise“ sein soll. Auf der „Bordkarte“ stehen Rezepte, die Anleitung zum Kochen. Beziehungsweise: zum Bedienen des Thermomix. „Kochen mit Gelinggarantie“, sagt Silke Gless.

Es gibt zunächst Himbeereis, also Sahne und Milch verrührt mit gefrorenem Obst; einmal ausgespült, dann wird in derselben Schüssel Teig für Brötchen geknetet – Backen kann der Thermomix nicht, die Brötchen müssen in den Ofen. Dann mischt der Mixer einen Aufstrich und häckselt Brokkoli und Paprika zu Salat, und während Gemüse und Lachs auf zwei Aufsätzen garen, bittet Silke Gless die Gäste an den gedeckten Tisch.
So sieht es die immergleiche Vorwerk-Dramaturgie vor, und so wird jedem klar: Das Kochen übernimmt jetzt die Maschine. Ihre Besitzerin, ihr Besitzer kann in der Zwischenzeit die Kinder von der Kita abholen, den Rasen mähen oder kurz noch mal Mails checken.

Die Frauen arbeiten - und haben weniger Zeit zu kochen

Geschenkte Zeit – kaum ein Verkaufsargument erscheint heute überzeugender, ganz gleich wofür. Das hat die Firma Vorwerk früh erkannt, deswegen ist ihr mit dem Thermomix ein solcher Coup gelungen. Er ist gewissermaßen eine Reaktion darauf, dass die Staubsaugervertreter von einst bei ihren Tür-zu-Tür-Touren immer seltener Hausfrauen zu Hause antrafen. Die Frauen sind bei der Arbeit, und eine Folge davon ist: weniger Zeit zum Kochen. Hier kommt der Thermomix ins Spiel.

Seine schnell zunehmende Verbreitung hat auch das Interesse von Zukunftsforschern geweckt. Der Heidelberger Trendforscher Eike Wenzel sieht in ihm einen Ausweg aus dem recht weiblichen Dilemma, das er als „Küchenarbeit im Kind-Karriere-Spagat“ bezeichnet. „Zeitersparnis in der Küche ging bisher – beim unbedarften Griff zur Tütensuppe oder Tiefkühlpizza – mit minderer Qualität einher. Aber der Thermomix bedient das in der oberen Mittelschicht präsente Bedürfnis nach Küchenromantik, die nicht zu viel Arbeit macht, nach gesunder Ernährung, die zugleich schmecken soll, und nach Selbermachen, ohne dass viel schiefgehen kann, das schließt ja die Technik aus.“ Eike Wenzel spricht von einem „Statussymbol“, dessen Erfolg er auch auf die besondere Vertriebsform zurückführt: „Bei den Verkaufsveranstaltungen in sehr privatem Rahmen findet ein cleverer Rollenwechsel statt: Es ist, als wäre die Verkäuferin eine Freundin, die mir etwas empfiehlt.“

Und was hat das mit Kochen zu tun?

Während der 20 Minuten, in denen Fisch und Gemüse dampfgaren, findet sich Zeit, um mal was Grundsätzliches zu klären: Lebensmittel in einen Topf werfen, aufs Display tippen und einen Regler drehen – kann man da wirklich vom Kochen sprechen? Gehört zum Kochen nicht auch das Probieren zwischendurch dazu, das Abschmecken, Gesichtverziehen, Nachwürzen, noch mal Probieren? Praktischerweise sitzen zwei Gastronomen mit am Tisch, gehobene Küche, ein Deutscher, ein Italiener. Der deutsche Koch sagt: „Kochen wandelt sich, kochen geht mit der Zeit, und heute ist Technik Teil des Kochens. Zu Hause und erst recht in der Gastronomie“. Er wird später zwei Geräte bestellen, eines für das Restaurant, eines für seine Frau, für zu Hause. Der Italiener sagt: „Das ist schon ein erstaunliches Gerät, aber zu kochen, ohne Pfannen zu schwenken und in Töpfen zu rühren, das kann ich mir nicht so gut vorstellen.“ Er wird sich nicht auf die Verkaufsliste setzen lassen.
Aus der Küche ertönt ein Vierklang, aufsteigend und festlich. Essen ist fertig.

Von Marina Kormbaki

Verkaufspartys sind stark im Trend

„Vertreterbesuch bei Hoppenstedts“: Zu Loriots Zeiten hießen Menschen, die in fremden Wohnzimmern Staubsauger, Weine oder Versicherungen wortreich feilboten, noch Vertreter – heute nennt man sie selbstständige Vertriebspartner. Und es sind mehr denn je: Im Jahr 2013 waren 724 000 von ihnen bundesweit im Einsatz; laut Schätzungen des Bundesverbands Direktvertrieb (BDD) sind es inzwischen 100 000 mehr, und schon bald dürfte die Millionengrenze fallen. Die im BDD organisierten Unternehmen erwirtschafteten im vergangenen Jahr rund 1,54 Milliarden Euro. Der Direktvertrieb boomt. Offenbar spielt die Kundennähe im Onlinezeitalter eine besonders große Rolle.

Immer mehr Unternehmen machen es den Pionieren – dem einstigen Teppichhersteller Vorwerk und der US-amerikanischen Plastikschüsselfirma Tupperware – nach und verkaufen ihre Produkte unter Umgehung des Handels direkt an die Kunden. Die werden heute allerdings nicht mehr so gern an der Haustür überrascht, sondern legen Wert auf ein aufwendig organisiertes „Eventerlebnis“, wie es in der Branche heißt. Verkaufspartys sind daher die beliebteste Form direkten Verkaufs. Da werden dann im Wohnzimmer der Gastgeberin, im Beisein ihrer Freundinnen, besonders oft Kosmetik-, Schmuck-, Haushalts- und Küchenartikel von einem Provisionsverkäufer präsentiert. In 58 Prozent der Fälle handelt es sich dabei um Frauen, sie sind meist in mittleren Jahren, die sich nebenbei etwas hinzuverdienen. Aber schon mehr als ein Drittel der Provisionsverkäufer übt den Job inzwischen hauptberuflich aus.
Das Arbeitsfeld ist, je nach Produkt­sparte, recht stereotyp nach Geschlechtern getrennt. So werden männliche Vertreter von Unternehmen mit Heimwerkerbedarf bevorzugt, von Energieunternehmen und solchen, die Nahrungsergänzungsmittel verkaufen möchten.

Neben den klassischen haushaltsnahen Produkten verzeichnet der Bundesverband Direktvertrieb unter seinen Mitgliedern zurzeit auch einen Boom in der Sparte Erotikprodukte für Frauen. So kamen zuletzt zahlreiche Anbieter auf den Markt, die ihre Vertreterinnen in privaten Prosecco-Frauenrunden beispielsweise Massageöle und elektronische Geräte bewerben lassen. kor

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