Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Osmanen drängen ins Rotlichtmilieu

Neuer Rockerkrieg befürchtet Osmanen drängen ins Rotlichtmilieu

Die Polizei ist alarmiert: Die deutsch-türkische Rockergruppe "Osmanen Germania" hat sich innerhalb weniger Monate zu einer Größe in Deutschland entwickelt und fordert etablierte Rockerclubs wie die Hells Angels heraus.

Voriger Artikel
Ai Weiwei plant Mahnmal für tote Flüchtlinge
Nächster Artikel
Ariel Winter ist stolz auf ihre Narben

Im Netz präsentieren sich die "Osmanen Germania" betont martialisch.

Quelle: Screenshot

Hannover. Droht Deutschland ein neuer Rockerkrieg? Die Polizei jedenfalls ist in heller Aufregung. Grund: Die Rockergruppe Osmanen Germania drängt mehr und mehr in die Rotlichtbezirke vor, es drohen blutige Revierkämpfe mit etablierten Gruppierungen wie den Hells Angels und den Mongols. Szenekenner warnen allerdings vor Überreaktionen und Panikmache.

Osmanen treten martialisch auf

Die Botschaft allerdings lässt nicht viel Raum für Spekulationen: "Osmanen Germania – wir kommen und übernehmen das ganze Land. Krieger, die keine Angst haben, für ihre Brüder eine Kugel zu fangen. Wir stehen in diesem Kampf, bis die ganze Welt unseren Namen kennt." Rapmusik, Waffen, aufgepumpte Oberkörper und aufgemotzte Autos – so präsentieren sich die Osmanen im Internet.

Sie gefallen sich in der Rolle des Herausforderers. Möglichst martialisch will man die Macht in der Türsteherszene übernehmen. Von diesen Ankündigungen gab es in der Vergangenheit viele, ebenso schnell sind Gruppierungen wie etwa die Black Jackets aber aus dem Blickfeld verschwunden.

Auffangbecken für Ex-Hells-Angels

Dieses Mal jedoch scheint es anders. Bundesweit haben die Osmanen Germania, zumeist Deutsche mit türkischen Wurzeln, bereits mehr als 20 Chapter gegründet. Seit ihrer Gründung im April 2015 sollen mehr als 2500 Mitglieder zur Rockerbande gehören.

Offenbar trugen viele von ihnen bereits die Kutte der Hells Angels, mussten aber nach dem Streit mit den Altrockern, die sich gegen die Aufnahme von Migranten gewehrt haben, ein neues Zuhause suchen. Die Osmanen Germania dienten als Auffangbecken.

NRW bisher Szeneschwerpunkt

Viel wissen die Ermittler noch nicht über die Osmanen, die sich offiziell als Boxclub und nicht als Rockervereinigung bezeichnen. Eine ganze Reihe von ihnen taucht aber in den Behördenakten im Zusammenhang mit Drogen- und Waffengeschäften sowie Körperverletzung auf.

"Wir gehen davon aus, dass sich die Osmanen Marktanteile sichern wollen an den illegalen Geschäften der Rocker", sagt Dietmar Kneib, der für Organisierte Kriminalität zuständige Kriminaldirektor im Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen. NRW entpuppt sich bislang als Szeneschwerpunkt. Und das hat wohl einen prominenten Grund, sagt Kneib.

Jurist hält Aufregung für übertrieben

Der "Pate von Köln", Necati Arabaci, der einst nach der Verhaftung von Hells-Angels-Boss Frank Hanebuth die Geschäfte der Höllenengel übernehmen wollte, dann aber abtauchen musste, soll eine mächtige Größe und Identifikationsfigur bei den Osmanen Germania sein. Auch in Schweden, der Schweiz, in Österreich und in der Türkei gibt es bereits Ableger. Einen derart rasanten Aufstieg in diesem Milieu hat es zuvor noch nie gegeben.

Florian Albrecht, Jurist vom Lehrstuhl für öffentliches Recht der Universität Passau, hält die Aufregung um die Gruppierung dennoch für übertrieben. "Das Landeskriminalamt versucht, von den wirklichen Problemen abzulenken", sagt der Rockerexperte.

Schießerei in Hamburg

Dass der Staat in jeder Subkultur eine Bedrohung sehe, sei eine Entwicklung, die dem Zeitgeist entspreche, "die sich dadurch aber noch lange nicht rechtfertigen lässt". Der Generalverdacht gegenüber Mitgliedern der Rockerszene sei mit einem Rechtsstaat nicht zur vereinen, die Null-Toleranz-Politik nicht verhältnismäßig.

Das sieht Dietmar Kneib gänzlich anders. "Dass hinter der Expansion ein Plan steckt, davon kann man ausgehen", betont der Polizist mit Blick auf die Osmanen. Wie schnell ein Streit unter Rockern eskalieren kann, erlebte Hamburg zum Jahreswechsel.

Mitglieder der Hells Angels feuerten auf einen Mongol, ein unbeteiligter Taxifahrer geriet dabei ins Visier. Der Mann blieb wie durch ein Wunder unverletzt. Die Polizei reagierte und gründete eine 50-köpfige Sondereinheit, die sich jetzt wieder um den Rockerkrieg im Rotlichtmilieu kümmert.

Von Carsten Bergmann

Osmanen Germania

Im April 2015 gründete sich im hessischen Dreieich der Boxclub Osmanen Frankfurt – der Grundstein für die Rockergruppe. Schon einen Monat später expandierte die Bewegung auf Bundesebene, nannte sich fortan Osmanen Germania.

Köpfe der Gruppierung sind Mehmet B. und Selcuk Can S. aus Frankfurt. In Hessen kommen die Osmanen auf 100 Mitglieder, schätzt das Landeskriminalamt (LKA). In ganz Deutschland sollen es mehr als 2500 sein, weltweit sogar 3500. Tendenz steigend. In Kürze soll neben den Chaptern in Schweden, Österreich, Schweiz und Türkei auch ein Ableger in den Niederlanden anstehen. "Bald werden wir überall in der Bundesrepublik zu finden sein", sagte Mehmet B. in einem Interview.

In ihrer Organisation unterscheiden sich die Osmanen von gängigen Rockergruppierungen. So gibt es laut Polizeiberichten keine Bewährungszeiten für neue Mitglieder. Ähnlich wie Hells Angels, Bandidos und Mongols tragen die Osmanen jedoch in der Öffentlichkeit Kutten als Wiedererkennungsmerkmal.

Einschüchterung ist ein gern genutztes Mittel. Der Aufmarsch von 80 Rockern in Neuss vergangene Woche war durchaus als Machtdemonstration in Richtung Hells Angels zu werten. Mehr als 200 Polizisten waren dort im Einsatz. Neuss wird bislang dem Machtbereich der Hells Angels zugerechnet.

Nordrhein-Westfalen gilt neben Hessen als Schwerpunkt der Osmanen. Chapter gibt es unter anderem in Aachen, Köln, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Bochum, Dortmund und Bielefeld – in Städten, in denen viele türkischstämmige Familien fest verwurzelt sind. Nach Angaben des LKA ist die Gruppierung in Niedersachsen in Osnabrück vertreten – ob sie Kontakt zu anderen Rockergruppen hat, ist der Behörde bislang nicht bekannt.

Die Polizei fürchtet, dem vermeintlichen Boxclub gehe es nicht um den Sport. Vielmehr sollen die Rocker die Türsteherszene und die Rotlichtmilieus für ihre Geschäfte ausgemacht haben.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Ex-Rockerchef
Ex-Rockerchef Frank Hanebuth.

Ex-Rockerboss Frank Hanebuth wartet in Spanien weiter auf eine Anklage. Ihm wird die Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung, Menschenhandel, Erpressung, Freiheitsberaubung, Zuhälterei und Geldwäsche zur Last gelegt.

mehr
Mehr aus Panorama
Anzeige
Diese "Goodbye-Deutschland"-Teilnehmer haben es geschafft

Ob nach Monaco oder auf die Karibikinsel Martinique, nach Kanada oder ins thailändische Koh Samui – Zehn Jahre lang hat "Goodbye Deutschland!" über 350 Auswanderer begleitet. Doch nur zwei konnten ihren Traum verwirklichen.