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Otto von Habsburg ist tot

Kaisersohn Otto von Habsburg ist tot

Kaisersohn, NS-Gegner, Politiker: Otto von Habsburg ist am Montag mit 98 Jahren gestorben.

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Otto von Habsburg ist am Montag gestorben. Der Sohn des deutschen Kaisers wurde 98 Jahre alt.

Quelle: dpa (Archivbild)

Sein Schicksal schien vorgezeichnet: Als er sechs Jahre alt war, sah es so aus, als würde Otto von Habsburg für den Rest seines Lebens ein Relikt der Vergangenheit sein. Ein lebendes Denkmal der k.-u.-k.-Monarchie. Geboren noch vor dem Ersten Weltkrieg, war er 1916 bei der Beerdigung des legendären Kaiser Franz Joseph I. dabei gewesen und bei der Krönung seines eigenen Vaters – Karl I. ging als Österreichs letzter Kaiser in die Geschichte ein. Seine Familie wurde 1919 ins Exil verbannt, ihre Epoche war zu Ende – und doch sollte sich in kaum einer anderen Biografie so viel von Europas Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegeln wie in der des Otto von Habsburg. Am Montag ist der Mann, der noch mit Hindenburg über dessen Erlebnisse im Krieg 1870/71 geplaudert hatte, im Alter von 98 Jahren in seiner „Villa Austria“ im bayerischen Pöcking gestorben.

Der Thronfolger a. D. wuchs teils in Spanien auf, zu dessen Diktator Franco man ihm eine gewisse Nähe nachsagte. Allerdings kämpfte er auch gegen den Anschluss Österreichs an Nazideutschland. Während Hitler ihn steckbrieflich suchen ließ, organisierte er in Frankreich Visa für Hunderte jüdischer Flüchtlinge. Nach dem Krieg stritt Otto von Habsburg bis 1966 darum, endlich in seine Heimat Österreich einreisen zu dürfen, wo er titellos nur als „Otto Habsburg“ firmieren durfte. Noch länger warten musste er auf seine Einreise nach Ungarn, das er 1988 erstmals nach 1918 wiedersah. Die Teilung des Kontinents durch den Eisernen Vorhang wurde der zweite große Bruch in seinem Leben nach der Abschaffung der Monarchie – und zugleich bescherte sie ihm eine Lebensaufgabe.

Der vielsprachige Otto von Habsburg, einst dazu erzogen, Kaiser eines Vielvölkerreiches zu werden, versöhnte seine persönliche Vergangenheit mit der politischen Zukunft seines Kontinents. Der leidenschaftliche Europäer engagierte sich als Präsident der Paneuropa-Union für die Einheit dessen, was er als betont konservativer Katholik als christliches Abendland verstand. Für die CSU zog Habsburg, der kompromisslos für Menschenrechte und unterdrückte Völker focht, 1979 ins Europaparlament ein, dem er 20 Jahre lang angehörte. Sozialdemokraten gifteten gegen den „kalten Krieger“, während Münchens Erzbischof Joseph Ratzinger ihn in Schutz nahm. Und Habsburg war noch einmal dabei, als Geschichte geschrieben wurde: Im Jahr 1989 organisierte er an der österreichisch-ungarischen Grenze ein „Paneuropäisches Picknick“, bei dem symbolisch ein noch verschlossenes Grenztor geöffnet wurde. Mehr als 600 DDR-Bürger nutzten die Gelegenheit zur Flucht, die Episode ging dem Fall der Mauer voraus.

Bereits hochbetagt, sorgte er mit rechtslastigen Äußerungen für Wirbel – etwa, als er 2008 Österreich das „erste Opfer Hitlers“ nannte oder wenn er trotzig gegen die Rechte von Schwulen anging: „Wenn man den Mut aufbringt, sich einem Despoten wie Hitler entgegenzustellen, braucht man keinen Mut, um sich auch heute dem Zeitgeist zu widersetzen.“ Gleichwohl würdigten ihn am Montag Honoratioren vom EU-Kommissionspräsidenten Jose-Manuel Barroso bis zum bayerischen Ministerpräsident Horst Seehofer als großen Europäer. Otto von Habsburg soll ein Requiem im Wiener Stephansdom bekommen. Beigesetzt wird er in der Kaisergruft, sein Herz soll in Ungarn bestattet werden. So leben mit seinem Tod noch einmal die Bräuche der alten, längst versunkenen Monarchie aus dem vorvorletzten Jahrhundert auf.

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