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Pfarrer gesteht Übergriffe auf Kinder in Salzgitter

Sexueller Missbrauch Pfarrer gesteht Übergriffe auf Kinder in Salzgitter

Pfarrer Andreas L. wollte am Wochenende mit Mädchen und Jungen aus Salzgitter nach Frankreich reisen. Dazu kam es nicht mehr. Der 46-jährige katholische Priester ist am Freitag verhaftet worden. Er hat seitdem gestanden, mehrere Jungen missbraucht zu haben. Ob es noch weitere Vorfälle gibt, soll die Sonderkommission „Peccantia“ (Sünde) klären.

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Die St. Joseph-Kirche in Salzgitter-Lebenstedt – hier wirkte Pfarrer Andreas L.

Quelle: Kleinschmidt

Salzgitter. Am Montag hat das Bistum Hildesheim Andreas L. bis auf Weiteres vom Dienst beurlaubt. Ein Polizeisprecher in Braunschweig gab anschließend bekannt: Andreas L. habe nicht nur eingeräumt, sich seit 2004 an einem anfangs zehn Jahre alten Jungen in Braunschweig über zwei Jahre vergangen zu haben. „Er hat Übergriffe auch im Raum Salzgitter an einem Kind und einem Jugendlichen zugegeben.“ Die beiden Jungen seien ebenfalls etwa zehn Jahre alt gewesen, als sich der Pfarrer erstmals an ihnen vergangen hat. Ein Kind ist offenbar noch im Juni dieses Jahres missbraucht worden.

Vor der St. Joseph-Kirche in Salzgitter-Lebenstedt versammelten sich am Montagnachmittag Dutzende empörte Menschen. Zwei Gruppen standen sich da recht feindselig gegenüber: auf dem Bürgersteig 44 Teilnehmer einer Demonstration, von denen einige erbarmungslos die Todesstrafe oder „Steinbrucharbeit“ für Kinderschänder forderten – sie waren einem rechts gerichteten kurzfristigen Aufruf im Internet gefolgt. Eine andere, kleinere Gruppe hatte direkt zwischen der modernen Backsteinkirche und der Wohnung des Pfarrers Posten bezogen: Pfarrgemeinderat, Kirchenvorstand, Jugendliche aus der Gemeinde. Sie hatten von dem Demonstrationsaufruf erfahren und stellten sich schützend vor das Gelände.

Einige hätten sich auch gern schützend vor ihren Pfarrer gestellt. Offiziell äußerten sich Vorstand und Pfarrgemeinderat zu den Vorwürfen zwar nicht – das sei allein Sache des Bistums. Doch manchen, die selbst Kinder haben, standen Tränen in den Augen. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er das gemacht hat“, sagte eine in der Gemeinde besonders aktive Frau. Ein junger Mann erzählte, auch seine eigene Frau könne nicht an die Schuld des Geistlichen glauben. „Aber er hat ja gestanden.“

Bei älteren Kirchenmitgliedern war der junge Priester nicht unumstritten, der nach Stellen als Kaplan in Wolfsburg und Braunschweig mit St. Joseph und St. Michael in Salzgitter seine erste Pfarrstelle hatte. Manche machten das am Erscheinungsbild fest. „Zu schön für einen Pfarrer“ sei der schlanke, dunkelhaarige Priester aufgetreten, auffällig gebräunt und stets elegant gekleidet. Den Charakter des Pfarrers schildern mehrere als „arrogant“ und gelegentlich aufbrausend. „Der wollte sich nirgends reinreden lassen,“ sagt Gemeindemitglied Dieter Fassa. Die Gottesdienste seien schlechter besucht gewesen als bei seinem Vorgänger. „Ich selbst mochte ihn aber“, sagt der 54-Jährige, der gekommen ist, um vor dem Marienaltar eine Kerze anzuzünden.

Gut besucht waren dagegen die monatlichen Taizé-Gottesdienste; die Gebete und meditativen Gesänge bei Kerzenschein sprechen vor allem Jugendliche an. Zum Wallfahrtsort Taizé hatte sich Andreas L. schon in seiner Anfangszeit als Geistlicher in Wolfsburg mit jungen Leuten im VW-Bus auf die Reise gemacht – Sommer für Sommer. Fröhlich stimmten sie ein, wenn der musikalische, junge Kaplan anstimmte: „Christus, meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht’ mich nicht.“ Wer Schwierigkeiten hatte, frühmorgens vor der Abfahrt am Treffpunkt zu erscheinen, dem bot der Priester freundlich und unkompliziert an, am Vorabend im Schlafsack in seiner eigenen Wohnung zu übernachten.


Gastfreundlich zeigte sich Andreas L. vor fünf Jahren auch gegenüber einem jungen Mann, der von einer Frau verlassen worden war, keine Arbeit und keine Wohnung hatte. Monatelang, berichten Menschen in der Gemeinde, durfte der Obdachlose, etwas älter als 20, in der Pfarrwohnung ein Zimmer beziehen. 2006, als niemand sonst dort war, hat sich der junge Gast in der Wohnung erschossen. Einen Zusammenhang mit den Missbrauchsvorwürfen sieht die Staatsanwaltschaft bisher nicht.
Die Ermittler sind wegen Andreas L. schon einmal kurzzeitig tätig geworden. „Distanzlos“, hatte eine Mutter dem Bistum Hildesheim berichtet, habe sich der Pfarrer gegenüber Kindern verhalten. Doch fanden damals weder Bistum noch Staatsanwaltschaft Belege für Missbrauch. Die Hildesheimer Vorgesetzten des Pfarrers sprachen mit ihm, die Sache verlief dann im Sande. Erst als sich jetzt im Juni eine Mutter an die Staatsanwaltschaft Braunschweig wandte, deren missbrauchter Sohn sich ihr offenbart hatte, kam die Sache wieder ins Rollen.

Jetzt wollen es manche schon lange gewusst haben. Dass der Pfarrer schwul war und auch mal einen Freund hatte, hieß es am Montag vor der Kirche, sei „ein offenes Geheimnis“ gewesen. Ein Nachbar berichtet, er habe den Priester beim nächtlichen „Knutschen“ mit einem Mann vor der Kirche beobachten können. Auch dass der Priester „zu freundlich“ mit Kindern umging, sei durchaus schon aufgefallen.

„Er ist ein Mann mit zwei Gesichtern“, meint Mobilfunkhändler Rudolf Karliczek, dessen Kinder von Andreas L. gefirmt wurden. „Das habe ich schon vor zwei Jahren gemerkt.“ Damals sei er nach einem Streit mit L., bei dem es um Geld ging, aus der Kirche ausgetreten. „Wegen seiner Art.“ Andere Gemeindemitglieder wollen nun folgen, haben Tauftermine zurückgezogen und ihre Kinder vom Kommunionunterricht abgemeldet.
Einer aus den Reihen des Kirchenvorstands stellt sich trotzig dagegen. „Ich mache weiter“, sagt Karl Vennebörger. „Es geht doch um unseren Glauben.“

Gabriele Schulte

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